Negative Kindheitserfahrungen beschleunigen den biologischen Altersprozess

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Menschen, die in ihrer Kindheit mindestens vier belastende Erfahrungen gemacht haben, zeigen später unabhängig von ihrem sozioökonomischen Status ein höheres epigenetisches Alter als ihrem chronologischen Alter entspricht. Das zeigt eine US-amerikanische Studie.

Belastende Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, ACEs) werden mit einem erhöhten Risiko für einen schlechteren Gesundheitszustand in den mittleren Lebensjahren in Verbindung gebracht. Die Identifizierung der molekularen Mechanismen hinter diesem Zusammenhang könnte die Grundlage dafür schaffen, die Gesundheit von Menschen mit ACEs zu fördern, so der Gedanke der Wissenschaftler hinter der Untersuchung.

Da bereits bekannt ist, dass epigenetische Veränderungen den natürlichen Alterungsprozess beschleunigen können, analysierten Kyeezu Kim von der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago, USA, und Kollegen den Zusammenhang zwischen ACEs und fünf Methylisierungsmustern der DNA, von denen bekannt ist, dass sie mit biologischem Altern und langfristiger Gesundheit in Verbindung stehen (epigenetic age acceleration, EAA): intrinsische EAA (IEAA), extrinsische EAA (EEAA), PhenoAge-Accelerator (PhenoAA), GrimAge-Accelerator (GrimAA) und Dunedin Pace of Aging Calculated From the Epigenome (DunedinPACE).

Die Daten für ihre Kohortenstudie entnahmen die Forschenden der Coronary Artery Risk Development in Young Adults (CARDIA)-Studie. Deren Teilnehmer unterzogen sich vom Ausgangsjahr (Jahr 0 [Y0]; 1985–1986) bis zum Jahr 30 (2015–2016) acht Nachuntersuchungen. Die Methylierung der DNA im Blut der Teilnehmer wurde im Jahr 15 (2000–2001) und im Jahr 20 (2005–2006) untersucht. In die Analyse eingeschlossen wurden 895 Personen, für die aus Y15 und Y20 DNA-Methylierungsdaten sowie vollständige Angaben für ACEs und Kovariaten vorlagen. Als ACEs waren allgemeine Vernachlässigung, emotionale Vernachlässigung, körperliche Gewalt, körperliche Vernachlässigung, Substanzmissbrauch im Haushalt sowie verbaler und emotionaler Missbrauch und Dysfunktion im Haushalt definiert. Die Teilnehmer wurden dazu im Alter von 15 Jahren befragt.

Zum Zeitpunkt Y15 betrug das mittlere Alter der Studienteilnehmer 40,4±3,5 Jahre, das Geschlechterverhältnis war nahezu ausgewogen: 50,3 Prozent Männer und 49,7 Prozent Frauen, die sich  im Verhältnis 1:2 auf die schwarze (35,6 %) und weiße (64,4 %) Bevölkerung verteilten. Zum Studienzeitpunkt Y20 standen Daten von 867 Teilnehmern (mittleres Alter 45,4±3,5 Jahre; 432 Männer [49,8 %] und 435 Frauen [50,2 %]; 306 Schwarze [35,3 %] und 561 Weiße [64,7 %]) zur Verfügung.

Von diesen berichteten zum Studienzeitpunkt Y15 185 Teilnehmer (20,7 %) über mindestens vier ACEs gegenüber 710 Teilnehmern (79,3 %) ohne solche Erfahrungen. Im Jahr 20 waren es 179 Teilnehmer mit (20,6 %) vs. 688 Teilnehmer ohne (79,4 %) mindestens vier ACEs.

Die statistische Auswertung ergab, dass das Vorhandensein von mindestens vier ACEs positiv mit einer epigenetischen Beschleunigung des Alterungsprozesses sowohl in Y15 (EEAA: β 0,60 Jahre; 95 %-KonfidenzintervalI [KI] 0,18–1,02; PhenoAA: β 0,62 Jahre; 95 %-KI 0,13–1,11; GrimAA: β 0,71 Jahre; 95 %-KI 0,42–1,00; DunedinPACE: β 0,01; 95 %-KI 0,01–0,02) als auch in Y20 (IEAA: β 0,41 Jahre; 95 %-KI 0,05–0,77; EEAA: β 1,05 Jahre; 95 %-KI 0,66–1,44; PhenoAA: β 0,57 Jahre; 95 %-KI 0,08–1,05; GrimAA: β 0,57 Jahre; 95 %-KI 0,28–0,87; DunedinPACE: β 0,01; 95 %-KI 0,01–0,02) nach Anpassung für demografische Daten, gesundheitsbezogene Verhaltensweisen und sozioökonomischen Status assoziiert war.

Diese Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen frühen Lebenserfahrungen und dem biologischen Alterungsprozess in der Lebensmitte könnten zur Gesundheitsförderung im Lebensverlauf beitragen, resümieren die Autoren.