Schlüsselquelle für Erinnerungen17. November 2020 In der äußersten Schicht des Neokortex werden Informationen über das Gedächtnis durch Synapsen aus dem Thalamus (orange) empfangen, die wiederum von lokalen Neuronen (blau) reguliert werden. (Aufnahme: ©M. Belén Pardi) Um die Umwelt wahrnehmen und mit ihr interagieren zu können, müssen sensorische Signale im Zusammenspiel mit früheren, im Gehirn gespeicherten Erfahrungen und den aktuellen Absichten des Individuums interpretiert werden. ForscherInnen der Universität Freiburg haben nun eine Schlüsselquelle dieser erfahrungsabhängigen Top-down-Informationen identifiziert. Der Neokortex ist der größte Bereich des Gehirns. Alle seine wichtigen kognitiven Funktionen werden durch die Konvergenz von zwei unterschiedlichen Informationsströmen ermöglicht: einem „Bottom-up”-Strom, der Signale aus der Umgebung repräsentiert, und einem „Top-down”-Strom, der intern erzeugte Informationen zu frühere Erfahrungen und aktuellen Absichten überträgt. Die Frage, wie und wo diese intern erzeugten Informationen genau verarbeitet werden, sei noch weitgehend unerforscht, sagt Prof. Johannes Letzkus, Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg und Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main. Deshalb suchten er und sein Team nach den Quellen dieser Top-down-Signale und konnten eine Region des Thalamus als Schlüsselkandidat für eine solche interne Informationsquelle identifizieren. Darauf aufbauend entwickelte Dr. M. Belén Pardi, Postdoktorandin bei Letzkus, eine Strategie, die Antworten einzelner thalamischer Synapsen im Neokortex der Maus vor und nach einem Lernvorgang zu messen. „Während dabei neutrale Stimuli ohne Relevanz durch kleine und schnell abklingende Antworten in diesem Signalweg kodiert wurden, steigerte das Lernen die Aktivität der Synapsen stark und machte die Signale sowohl schneller als auch länger anhaltend”, erklärt Pardi. „Dabei zeigte sich eine starke Korrelation des Effekts mit der Stärke der Erinnerung, was darauf hindeutet, dass Signale aus dem Thalamus die erlernte Verhaltensrelevanz von Reizen kodieren”, sagt Letzkus. In weiteren Experimenten und Computermodellierungen, die zusammen mit dem Team um Dr. Henning Sprekeler von der Technischen Universität Berlin stattfanden, entdeckten die Forschenden einen bisher unbekannten Mechanismus, der diese Informationen fein regulieren kann, und identifizierten einen spezialisierten Neuronentyp in der äußersten Schicht des Neokortex, der den Fluss dieser Top-down-Signale dynamisch steuert. Das bestätigt die Annahme der Wissenschaftler, dass die Eingänge des Thalamus in den sensorischen Neokortex als eine Schlüsselquelle für Informationen über frühere Erfahrungen, die mit sensorischen Stimuli verbunden waren, fungieren. „Solche Top-Down-Signale sind bei einer Reihe von Erkrankungen wie Autismus und Schizophrenie gestört“, erklärt Letzkus. „Wir hoffen, dass die vorliegenden Ergebnisse auch ein tieferes Verständnis der Veränderungen ermöglichen werden, die diesen Gehirnstörungen zugrunde liegen.” Originalpublikation: Pardi MB et al. A thalamocortical top-down circuit for associative memory. Science 2020;370(6518):844–848.
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