Schulbarometer: Psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen steigt wieder an

Mobbing ist für viele Schüler Alltag. Ein Drittel der Elf- bis 17-Jährigen wird mindestens einmal im Monat von Mitschülern schikaniert, wie das Deutsche Schulbarometer herausfand. Auch Mobbing ist für viele Schüler:innen Alltag. Ein Drittel der 11- bis 17-Jährigen wird mindestens einmal im Monat von Mitschülern schikaniert, wie das Deutsche Schulbarometer herausfand. (Quelle: © Colourbox)

Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland nimmt erstmals nach der Corona-Pandemie wieder zu. Das geht aus dem Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung hervor.

Laut der repräsentativen Studie fühlt sich ein Viertel der Schülerinnen und Schüler überdurchschnittliche stark psychisch belastet (2025: 25%; 2024: 21%). Die soziale Herkunft ist dabei ein entscheidender Faktor für die mentale Gesundheit: Kinder aus einkommensschwachen Familien berichten überdurchschnittlich häufig von psychischer Belastung (31%), geringem schulischem Wohlbefinden (29%) und niedriger Lebensqualität (36%). Gleichzeitig empfindet fast die Hälfte aller Befragten hohen Leistungsdruck und gibt an, auch am Wochenende für die Schule lernen zu müssen.

„Auch wenn es dem Großteil der jungen Menschen in Deutschland gut geht, ist der erneute Anstieg der psychischen Belastung ein Warnsignal, das wir nicht ignorieren dürfen“, erklärt Dr. Anna Gronostaj, Bildungsexpertin der Robert Bosch Stiftung. „Unsere Studie zeigt, was hilft: Wenn Lehrkräfte unterstützen und sie fordern, ohne zu überfordern, und zudem das Klassenklima gut ist, geht es Kindern besser. Guter Unterricht fördert also nicht nur den Lernerfolg, sondern stärkt ganz direkt das Wohlbefinden der Kinder.“

Psychologe Prof. Julian Schmitz von der Universität Leipzig, der die Studie gemeinsam mit der Robert-Bosch-Stiftung und einem interdisziplinären wissenschaftlichen Team erstellt hat, ergänzt: „Überraschend und zugleich besorgniserregend ist für uns, dass die psychische Belastung in der Gruppe der Kinder und Jugendlichen im Vergleich zum Zeitraum vor der Pandemie weiterhin erhöht ist und sogar ansteigt. Gleichzeitig sehen wir, wie stark schulische Faktoren damit zusammenhängen – etwa die Unterstützung durch Lehrkräfte, das Klassenklima und Möglichkeiten zur Mitbestimmung in der Schule.“

Zum anderen seien viele Schulen und Lehrkräfte nach den Herausforderungen der Corona-Pandemie weiterhin stark beansprucht. Hinzu komme, dass der Lehrkräftemangel die Situation verschärfe. „Gleichzeitig beobachten wir, dass psychische Gesundheit heute offener thematisiert wird. Diese größere Sensibilität kann ebenfalls dazu beitragen, dass Belastungen häufiger erkannt und berichtet werden“, betont Schmitz.

Unterricht als zentraler Hebel für schulisches Wohlbefinden

Bildungswissenschaftler Prof. Henrik Saalbach von der Universität Leipzig ergänzt: „Schulisches Wohlbefinden ist eine zentrale Voraussetzung für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Umso besorgniserregender ist es, dass die Ergebnisse in diesem Bereich weiterhin unzureichend sind.“ Die aktuellen Daten zeigten, dass der Unterricht selbst ein zentraler Hebel für das schulische Wohlbefinden ist. Je unterstützender und wertschätzender Lehrkräfte sind, desto wohler fühlen sich Schülerinnen und Schüler in der Schule. Auch Langeweile und Überforderung spielten eine wichtige Rolle. „Unterricht, der durch wertschätzende Rückmeldungen geprägt ist, Anforderungen stellt, die sich am individuellen Lernstand orientieren, die verfügbare Zeit konsequent für inhaltliches Lernen nutzt und in dem ein positives und respektvolles Klima herrscht, geht sowohl mit guten Lernleistungen als auch mit einem hohen Wohlbefinden einher“, erläutert Saalbach.

Schüler wollen mitreden – und werden kaum gehört

Eine große Kluft deckt das Schulbarometer beim Thema Mitbestimmung auf: Während drei Viertel der Schüler mehr Einfluss auf Unterrichtsthemen oder Prüfungsformate wünschen, geben vier Fünftel an, hier kaum mitreden zu können. Selbst etablierte Gremien wie die Schülervertretung werden von 43 Prozent der Befragten als wirkungslos eingeschätzt. Die Studie belegt dabei einen klaren Zusammenhang: Wer mitentscheiden darf, fühlt sich in der Schule wohler.

Diesem Wunsch nach mehr Beteiligung steht eine deutlich andere Wahrnehmung der Lehrkräfte gegenüber: In einer früheren Befragung des Deutschen Schulbarometers hielt mehr als die Hälfte der Lehrkräfte (55%) die vorhandenen Mitbestimmungsmöglichkeiten für ausreichend. „Vor diesem Hintergrund können wir Schulen und Lehrkräfte nur dazu ermutigen, ihren Schülerinnen und Schülern in verschiedenen Bereichen des Schullebens und der Unterrichtsgestaltung mehr Mitsprache einzuräumen“, appelliert Saalbach.

Mobbing bleibt ein alltägliches Problem

Auch Mobbing ist für viele Schüler Alltag. Ein Drittel der Elf- bis 17-Jährigen wird mindestens einmal im Monat von Mitschülern schikaniert,vier bis zehn Prozent sogar wöchentlich oder täglich. Besonders häufig sind 14-Jährige betroffen (38%). Dabei wird Mobbing im direkten, persönlichen Kontakt häufiger erlebt als Cybermobbing, tritt aber oft in Kombination auf. Ein positiver Aspekt: Die Aufklärung an den Schulen scheint anzukommen. Vier von fünf Schülern wissen, an wen sie sich für Hilfe wenden können.

„Erwartungsgemäß hängen solche Mobbingerfahrungen deutlich mit geringerem schulischen Wohlbefinden und mit psychischen Auffälligkeiten zusammen. Durch die weite Verbreitung sozialer Medien verlagern sich viele dieser Erfahrungen heute in den digitalen Raum“, betont Saalbach. Sensibilisierungsmaßnahmen sowie Präventions- und Interventionsprogramme zu Mobbing und Cybermobbing seien daher bereits in der Grundschule unverzichtbar.