Semaglutid mit potenziellem Zusatznutzen bei Migräne22. Mai 2026 Semaglutid zur Gewichtsreduktion könnte neuesten Erkenntnissen zufolge auch eine Antimigräne-Wirkung haben. (Foto: ©Kassandra/stock.adobe.com) Eine dänische Registerstudie zeigt: Unter Semaglutid zur Gewichtsreduktion sank der Triptanverbrauch innerhalb eines Jahres um sieben Prozent – allerdings ausschließlich bei Frauen. Die Daten deuten auf einen möglichen Antimigräne-Effekt der „Abnehmspritze“ hin. Auf dem diesjährigen European Congress on Obesity (ECO2026) in Istanbul (Türkei) wurde eine landesweite Studie aus Dänemark vorgestellt. Darin war die Anwendung des GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) Semaglutid zur Gewichtsreduktion mit einer siebenprozentigen Reduktion des Triptanverbrauchs zur Migränebehandlung ein Jahr nach Therapiebeginn assoziiert. Interessanterweise handelte es sich dabei um einen geschlechtsspezifischen Effekt: Während Frauen eine Reduktion um acht Prozent aufwiesen, konnte bei Männern keine signifikante Veränderung festgestellt werden. Die Studie wurde unter Leitung von Prof. Anton Pottegård und Assistenzprofessorin Noémie Roland vom Institut für Öffentliche Gesundheit der Universität Süddänemark in Odense durchgeführt. Ferner daran beteiligt waren Mitarbeitende des Unternehmens Novo Nordisk, das die Studie finanzierte. Triptanverbrauch vor und nach Therapiebeginn im Vergleich Hintergrund der Untersuchung war, dass kürzlich publizierte Erkenntnisse auf einen Antimigräne-Effekt des GLP-1-RA Liraglutid hindeuten. Die Autoren der aktuellen Studie gingen nun Frage nach der, ob die Einleitung einer Therapie mit Semaglutid zur Gewichtsreduktion den Einsatz von Triptanen, einer etablierten Wirkstoffklasse zur Behandlung akuter Migräne, beeinflusst. In ihrer landesweiten Studie identifizierten die Forscher mithilfe umfassender dänischer Gesundheitsregister alle Erwachsenen in Dänemark, die zwischen dem 1. Dezember 2022 und dem 30. Juni 2024 eine Semaglutid-Therapie zur Gewichtsreduktion begannen. Insgesamt waren das 149.941 Personen (69 % Frauen, Medianalter 50 Jahre). Davon nahmen 87 Prozent Semaglutid dauerhaft ein (≥ 4 Verordnungen im Jahr nach Therapiebeginn). Die Forscher verglichen den monatlichen Triptanverbrauch (ausgedrückt in definierten Tagesdosen [DDD] pro 10.000 Personen) vor und nach Beginn der Semaglutid-Therapie anhand statistischer Modellierungen. Mindestens eine Triptan-Verordnung erhielten 4,6 Prozent der inkludierten Personen im Jahr vor und 4,6 Prozent im Jahr nach Beginn der Semaglutid-Therapie. Triptanverbrauch unter Semaglutid rückläufig Eingehende Analysen ergaben, dass der monatliche Triptanverbrauch vor Beginn der Semaglutid-Therapie einen steigenden Trend von 7,8 DDD/Monat/10.000 Personen aufwies. Nach dem Start der Semaglutid-Therapie kehrte sich dieser Trend um: Im Laufe der Zeit ging der Triptanverbrauch zurück (-14 DDD/Monat/10.000). Den Forschern zufolge erfolgte diese Veränderung allmählich und nicht unmittelbar nach dem Beginn der Semaglutid-Therapie. Zwölf Monate nach der Intervention beobachteten die Studienautoren eine relative Reduktion der Triptan-DDD um sieben Prozent im Vergleich zur erwarteten Rate basierend auf den Trends vor der Einführung. Dieser Rückgang war auf eine geringere DDD bei bestehenden Anwendern (-14 % nach 12 Monaten) und nicht auf einen deutlichen Rückgang der Gesamtverschreibungszahlen (-4 %) zurückzuführen. Im Gegensatz dazu hatte der Beginn einer Semaglutid-Therapie keinen Einfluss auf die monatliche Anzahl neuer Triptan-Anwender. Dies deutet laut Pottegård und Kollegen darauf hin, dass Semaglutid den Bedarf an Akutbehandlungen bei Migränepatienten mit Migräneanamnese verringern könnte, anstatt das Auftreten von Migräneanfällen bei bisher nicht betroffenen Personen zu verhindern. Effekt zeigte sich vor allem bei Frauen Ferner ergaben geschlechtsspezifische Analysen einen unterschiedlichen Einfluss von Semaglutid zur Gewichtsreduktion auf den Triptanverbrauch: Demnach sank der Triptanverbrauch 12 Monate nach Interventionsbeginn bei Frauen um schätzungsweise acht Prozent, während bei Männern keine signifikante Veränderung beobachtet wurde. Dies könnte auf geschlechtsspezifische Reaktionen auf GLP-1-RA zurückzuführen sein: Frauen weisen typischerweise auch einen stärkeren Semaglutid-bedingten Gewichtsverlust auf. Die größten DDD-Reduktionen traten zudem bei Personen im Alter von 18–35 Jahren (-18 %) und bei Personen auf, die zuvor prophylaktische Migränemedikamente eingenommen hatten (-13 %). Mögliche biologische Mechanismen noch unklar Mehrere Faktoren kommen zur Erklärung des beobachteten Rückgangs der Triptan-DDD in Betracht. Zum einen könnten der Gewichtsverlust und die Verbesserungen der Stoffwechselgesundheit die Migränehäufigkeit reduzieren, unter anderem durch die Verringerung von Entzündungsprozessen. Darüber hinaus könnten GLP-1-RA-Behandlungen direkte Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem haben, die unabhängig vom Gewichtsverlust die Migräne-Signalwege beeinflussen. „Zusammengenommen deuten diese Ergebnisse auf eine mögliche direkte Rolle von Semaglutid bei der Verbesserung der Migräne hin“, resümieren die Forscher. Die zugrundeliegenden biologischen Mechanismen sind jedoch noch nicht vollständig verstanden und erfordern weitere Untersuchungen. Eingeschränkt wird die Möglichkeiten zur Untersuchung der beteiligten Mechanismen durch das Fehlen klinischer Informationen, wie beispielsweise zum Körpergewicht oder den Migränecharakteristika der inkludierten Personen. Darüber hinaus kann der Beginn einer Semaglutid-Therapie auch weitergehende Veränderungen des Lebensstils und der Gewohnheiten widerspiegeln, die zu einigen der Studienergebnisse beigetragen haben könnten. Die Autoren schlussfolgern: „Die Studie legt nahe, dass die Einleitung einer Semaglutid-Therapie mit einer allmählichen Reduktion des Triptanverbrauchs im ersten Jahr nach Beginn der Therapie einhergeht.“ (ah/BIERMANN)
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