Shamonda-Virus bei Pferden – Interview mit Pferdespezialistin Dr. Bianca Schwarz

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Das in diesem Sommer erstmals bei Rindern in Deutschland nachgewiesene Shamonda-Virus ist inzwischen in fast ganz Deutschland aufgetreten. Während Rinder in der Regel nur moderat und vorübergehend erkranken, wurden bei einigen Pferden zentralnervöse Symptome und vereinzelt Todesfälle beschrieben. In einem Interview für Kompakt VetMed gibt Spezialistin Dr. Bianca Schwarz Auskunft über das Infektionsgeschehen bei Pferden.

Dr. Bianca Schwarz ist Europäische Spezialistin und Fachtierärztin für Innere Medizin der Pferde und seit 2019 in eigener Praxis in Saarlouis tätig. Nach Studium und Promotion in München und Zürich, Schweiz, arbeitete sie in Wien an der Vetmeduni (2006-2011). Im Jahr 2011 legte sie das European Diploma in Equine Internal Medicine (DipE CEIM) ab und wurde leitende Oberärztin und später Teilhaberin in einer privaten Pferdeklinik. Schwarz ist neben ihrer praktischen Arbeit auch als Beraterin, Gutachterin und Referentin tätig.

Dr. Bianca C. Schwarz Foto: © Schwarz

Das Interview, das in Kompakt VetMed 05/2026 erschienen ist, führte Tierärztin Sigrun Grombacher.

Frau Dr. Schwarz, Sie sehen in Ihrer Pferdepraxis seit einigen Wochen Fälle von Shamonda-Virus-Infektionen bei Pferden. Welche Symptome zeigen die Tiere?

Schwarz: Bei den meisten bisher beobachteten Fällen handelt es sich genau genommen um Verdachtsfälle, da sich das Shamonda-Virus (SHAV) beim lebenden Pferd derzeit nur schwer sicher nachweisen lässt. Die Pferde zeigten unterschiedlich schwere Krankheitsverläufe. Sehr häufige Symptome sind starkes Muskelzucken im Nüstern- und Maulbereich und eine ausgeprägte Somnolenz. Auch eine Hyperästhesie mit erhöhter Empfindlichkeit auf äußere Reize (Licht, Geräusche) und Berührung sowie Muskelzittern können zu beobachten sein. Manche Pferde zeigten auch Bewegungsunwillen, Koordinationsstörungen mit unsicherem bis hin zu ataktischem Gangbild. Insgesamt gesehen stellt sich die neurologische Symptomatik als die einer Encephalitis beziehungsweise Encephalomyelitis dar, auch mit anderen Großhirnsymptomen, wie einer Schiefhaltung von Kopf und Hals, Dysphagie und zentraler Blindheit. Die klinische Symptomatik ähnelt sehr stark der einer neuroinvasiven West-Nil-Virus(WNV)-Infektion. Anhand der klinischen Symptome lässt sich daher nicht sicher feststellen, welche Ursache diese haben. Die bisher beobachteten Krankheitsverläufe reichen von mild bis sehr schwer. Die meisten der betroffenen Pferde haben sich mit unterstützender Therapie innerhalb weniger Tage erholt.

Es wurden allerdings auch schwere Verläufe beobachtet, bei denen die Pferde festlagen und aufgrund der Schwere der Symptome euthanasiert werden mussten. Bei einigen dieser Pferde konnte das SHAV mittels PCR sowohl im Liquor als auch im Gehirngewebe nachgewiesen werden. Das spricht dafür, dass das Virus das ZNS erreicht und mit den beobachteten neurologischen Symptomen im Zusammenhang steht. Wie häufig schwere Verläufe auftreten und welche Pferde erkranken, kann derzeit noch nicht gesagt werden. Bei Rindern stehen als klinische Symptome deutlicher Rückgang der Milchleistung, Fieber und Apathie sowie Durchfall im Vordergrund. Des Weiteren wurde SHAV in abortierten Rinderföten nachgewiesen. Für die kleinen Wiederkäuer und Alpakas wird ebenfalls abzuwarten sein, welche klinische Bedeutung die Infektion hat. Das SHAV gehört zur Simbu-Serogruppe der Orthobunyaviren. Zu dieser Serogruppe gehört auch das seit 2011 bei Rindern, Schafen und Ziegen in Deutschland nachgewiesene Schmallenberg-Virus, welches unter anderem zu Aborten und Missbildungen führt. SHAV wurde bereits in den 1960er–Jahren in Nigeria beschrieben und jetzt 2026 erstmals in Europa nachgewiesen: Ende Juli/Anfang August wurde das inzwischen als SHAV-EU1 benannte Virus unter anderem in Süddeutschland, der Schweiz und Frankreich zunächst bei Rindern nachgewiesen. Inzwischen weiß man, dass sich auch Pferde, kleine Wiederkäuer und Alpakas infizieren können. Eine zweite Variante des Virus, SHAV EU2, wurde in Rinderbeständen in Norddeutschland nachgewiesen. Als Überträger werden insbesondere Culicoides angenommen.

Welche Differenzialdiagnosen muss der Tierarzt berücksichtigen?

Schwarz: Die beschriebenen Symptome sind nicht spezifisch für eine Infektion mit dem SHAV. Das bedeutet: Es gibt eine ganze Reihe anderer Erkrankungen, die ähnliche neurologische Auffälligkeiten verursachen können, dies gilt insbesondere für eine neuroinvasive WNV-Erkrankung, FSME oder eine EHV-assoziierte Myeloencephalopathie (EHM) und je nach Region auch das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1). Daneben kommen auch andere Ursachen infrage, etwa metabolische Erkrankungen (wie ein Leberversagen), Vergiftungen oder bakterielle Infektionen. Welche Untersuchungen im Einzelfall sinnvoll sind, hängt deshalb immer von der genauen klinischen Symptomatik, der Region, in der das Pferd lebt, sowie dem Vorbericht des jeweiligen Pferdes ab.

Welche labordiagnostischen Untersuchungen sind sinnvoll?

Schwarz: Eine PCR für das SHAV ist kommerziell verfügbar, wenn diese aus EDTA-Blut bei den erkrankten Pferden auch meist negativ verläuft, was vermutlich durch eine kurze Virämiephase zu erklären ist. Ein negativer Blutbefund schließt eine Infektion daher nicht sicher aus. Ein akkreditierter und validierter serologischer Antikörpernachweis für SHAV steht derzeit (noch) nicht zur Verfügung. Es gibt jedoch Hinweise, dass eventuell der Schmallenberg ELISA genutzt werden kann. Ein PCR-Nachweis aus Liquor ist möglich, jedoch schließt auch hier ein negatives Ergebnis die Erkrankung nicht aus. Ein Nachweis am lebenden Tier ist also derzeit schwierig, weshalb der Ausschlussdiagnostik große Bedeutung zukommt. Wie schon erwähnt ist die klinische Symptomatik nicht spezifisch, sodass zwingend bei den betroffenen Pferden WNV, EHM und BoDV-1 sowie andere nicht infektiöse Ursachen einer Großhirnsymptomatik ausgeschlossen werden müssen. Ob SHAV beim Pferd – ähnlich wie bei Wiederkäuern – Aborte, Totgeburten oder kongenitale Missbildungen verursachen kann, ist derzeit noch unklar. Deshalb ist es sinnvoll, in den nächsten Wochen und Monaten Aborte im Rahmen der üblichen Abortdiagnostik auch auf das Shamonda-Virus zu untersuchen.

Wie sollten erkrankte Pferd untergebracht sein?

Schwarz: Da die betroffenen Pferde häufig sehr empfindlich auf Licht, Geräusche und Manipulation reagieren und auch das Verletzungsrisiko nicht unerheblich ist, sollte die Umgebung möglichst ruhig und reizarm gestaltet werden, d. h. Box abgedunkelt und tief eingestreut sein und keine zusätzlichen Gegenstände enthalten, an denen sich das Pferd verletzen kann. Lärm und auch unnötige Manipulationen sind möglichst zu vermeiden, das Pferd sollte keinesfalls zusätzlich gestresst werden. Gleichzeitig lässt sich so das Risiko verringern, dass sich das Pferd selbst oder die betreuenden Personen verletzt. Viele Pferdebesitzer haben leider keine Vorstellung davon, wie gefährlich ein Pferd mit neurologischen Symptomen werden kann. Gerade bei Koordinationsstörungen und Krampfanfällen kann dies für beteiligte Personen potenziell lebensgefährlich sein.

Welche therapeutischen Maßnahmen sind sinnvoll und wie ist die Prognose einzuschätzen?

Schwarz: Eine spezifische antivirale Therapie gegen SHAV steht – wie auch bei anderen viralen Encephalitiden – nicht zur Verfügung. Die Behandlung erfolgt deshalb symptomatisch und unterstützend. Dazu gehören insbesondere ein möglichst reizarmes Umfeld, die Kontrolle von Schmerz und Entzündung mit NSAIDs sowie eine angepasste Versorgung mit Futter und Flüssigkeit. Bei Bedarf können Sedativa oder Antikonvulsiva eingesetzt werden. Der Einsatz von weiteren Medikamenten, wie Corticosteroide, muss individuell abgewogen werden. Bei ataktischen oder festliegenden Pferden sind außerdem Maßnahmen zur Verletzungs- und Dekubitusprophylaxe erforderlich. Bei Dysphagie muss insbesondere das Risiko einer
Aspiration berücksichtigt werden. Eine verlässliche Prognosestellung ist derzeit noch nicht möglich, weil uns dafür noch ausreichend große Fallzahlen und längerfristige Erfahrungen fehlen. Grundsätzlich wurden sehr unterschiedliche klinische Verläufe beobachtet.

Wie können Tierhalter ihre Pferde vor Gnitzen schützen?

Schwarz: Ein vollständiger Schutz vor Culicoides ist vermutlich nicht möglich. Ein konsequenter Insektenschutz sowie eine möglichst geschützte Haltung, während der Zeiten hoher Culicoides-Aktivität kann eventuell das Risiko etwas minimieren, wobei derzeit auch das tatsächliche Infektionsrisiko des einzelnen Pferdes noch nicht beziffert werden kann. Es gibt Hinweise, dass nicht alle Pferde, die sich mit dem Shamonda-Virus infizieren, auch zwangsläufig erkranken müssen. Auch hier ist die Situation vermutlich in etwa vergleichbar mit dem WNV oder auch FSME. Weitere Untersuchungen müssen klären, wie häufig Pferde tatsächlich infiziert werden, wie viele Infektionen unbemerkt bleiben und welche Faktoren dazu führen, dass einzelne Pferde neurologisch erkranken.

Wie ist der aktuelle Kenntnisstand (Stand 27.09.2026)?

Schwarz: Der Kenntnisstand zu SHAV entwickelt sich derzeit sehr schnell und die offiziell bestätigten Fälle bilden die tatsächliche Situation vermutlich nur unvollständig ab. Ein Grund dafür ist, dass ein Virusnachweis beim lebenden Pferd derzeit schwierig sein kann und die Erkrankung in Deutschland außerdem derzeit nicht meldepflichtig ist. Für das Shamonda-Virus ist bekannt, dass es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Schweiz, Frankreich und Österreich sowie anderen europäischen Ländern nachgewiesen wurde.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Schwarz.

(Das Interview gibt das Fachwissen mit Stand 27.09.2026 wieder.)