Sichelzellmerkmal könnte Diabetes-Diagnostik verfälschen

Symbolbild: BAROU ABDENNASER/stock.adobe.com

Menschen mit einem Sichelzellmerkmal könnten häufiger unerkannt an Prädiabetes oder Diabetes leiden. Eine Studie aus Ghana zeigt, dass die Immunturbidimetrie den HbA1c-Wert bei diesen Personen deutlich unterschätzt. Die Forschenden plädieren daher für den Einsatz alternativer Messmethoden in Regionen mit hoher Prävalenz von Hämoglobinvarianten.

Bei Menschen mit Sichelzellmerkmal – also heterozygoten Trägern des Sichelzell-Gens, die nicht an einer Sichelzellanämie leiden – könnten spezielle Laborverfahren zur Bestimmung des Langzeitblutzuckers erforderlich sein. Andernfalls könnten Prädiabetes und Diabetes übersehen werden. Darauf weisen Untersuchungen eines Forschungsteams aus Ghana hin.

Wie die Wissenschaftler berichten, unterschätzt ein häufig eingesetztes immunturbidimetrisches Testverfahren zur Bestimmung des HbA1c-Werts die tatsächlichen Blutzuckerwerte bei Personen mit Sichelzellmerkmal deutlich im Vergleich zur Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (HPLC). Die Ergebnisse wurden auf dem Jahreskongress der Association for Diagnostic and Laboratory Medicine (ADLM) in Anaheim (USA) vorgestellt.

Retrospektive Analyse von mehr als 1.200 HbA1c-Tests

„In Ghana liegt die Prävalenz der Sichelzellanämie bei etwa zwei Prozent aller Neugeborenen, rund 30 Prozent der Bevölkerung tragen das Sichelzellmerkmal. Der Einfluss von Hämoglobinvarianten auf die HbA1c-Bestimmung ist in unserer Region bislang jedoch nur unzureichend untersucht“, erläutert Studienleiter Dr. Elikem Kumahor vom Korle Bu Teaching Hospital in Accra (Ghana).

Für die retrospektive Studie analysierten Kumahor und sein Team 1.283 aufeinanderfolgende HbA1c-Bestimmungen von erwachsenen Patient:innen eines tertiären Krankenhauses in Accra aus den Monaten Januar und Februar 2026. Zunächst wurden alle Proben mittels HPLC untersucht, wobei das System Hämoglobinvarianten automatisch erkannte. Anschließend wurden 256 Proben mit Verdacht auf Hämoglobinvarianten zusätzlich mithilfe der Immunturbidimetrie analysiert. Das Vorliegen eines Sichelzellmerkmals wurde schließlich durch eine Hämoglobin-Elektrophorese bestätigt.

Von den untersuchten Personen wiesen 1.027 einen normalen Hämoglobintyp (HbAA) auf, bei 198 (15,4%) wurde das Sichelzellmerkmal (HbAS) nachgewiesen. Weitere 58 Personen mit anderen Hämoglobinvarianten wurden von der Analyse ausgeschlossen. Anschließend verglichen die Forschenden die mittleren HbA1c-Werte beider Messverfahren sowie die Einstufung der Teilnehmenden hinsichtlich Prädiabetes (HbA1c ≥ 5,7%) und Diabetes (HbA1c ≥ 6,5%).

Immunturbidimetrie unterschätzt HbA1c-Werte deutlich

In der HbAA-Gruppe unterschieden sich die gemittelten HbA1c-Werte beider Messmethoden kaum. Bei Personen mit HbAS hingegen unterschätzte die Immunturbidimetrie die HbA1c-Werte deutlich gegenüber der HPLC (5,1% versus 5,9%).

Entsprechend wurden mittels Immunturbidimetrie lediglich 22 (11,1%) der 198 HbAS-Träger:innen als prädiabetisch eingestuft, während es mit der HPLC 68 (34,5%) Teilnehmende waren. Zudem erfüllten acht Personen mit Sichelzellmerkmal nach HPLC die Kriterien für einen Diabetes mellitus. Mit dem immunturbidimetrischen Verfahren wurde dagegen keiner dieser Patient:innen als diabetisch erkannt.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass der alleinige Einsatz von Immunassays zu einer erheblichen Unterdiagnose von Diabetes führen könnte. Für Risikopopulationen empfehlen wir daher Laborverfahren, die Hämoglobinvarianten berücksichtigen, wie beispielsweise die HPLC oder verpflichtende Reflex-Testalgorithmen“, sagt Kumahor.

Hämoglobin-Genotyp in Diagnostik integrieren

Der HbA1c-Test wird routinemäßig als nüchterungsunabhängiger Marker zur Diagnose und Verlaufskontrolle des Diabetes eingesetzt. Seine Aussagekraft könnte allerdings in Regionen mit einer hohen Prävalenz von Hämoglobinvarianten möglicherweise eingeschränkt sein, so Kumahor weiter. Menschen mit Diabetes oder Personen, die regelmäßig auf Diabetes untersucht werden, sollten deshalb auch hinsichtlich ihres Hämoglobin-Genotyps getestet werden.

„Das Wissen um die Grenzen der verschiedenen Testverfahren – insbesondere der Immunturbidimetrie – könnte dazu beitragen, diagnostische Leitlinien und gesundheitspolitische Empfehlungen in Ghana und anderen Regionen Westafrikas zu verbessern“, ergänzt der Laborfacharzt abschließend.

(mkl/BIERMANN)

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Quellen ADLM 2026, Abstract A-150: The hidden burden of diabetes mellitus: Impact of sickle cell trait on HbA1c measurement by immunoassay vs. HPLC in a West African Population. Posterpräsentation, 28.07.