IQWiG sieht Nutzen im Neugeborenenscreening auf SMA3. April 2020 Foto: ©Fernando – stock.adobe.com Eine frühestmögliche Diagnose und Therapie der infantilen SMA durch ein Screening der Neugeborenen führt zu einer besseren motorischen Entwicklung und zu weniger Dauerbeatmung und Todesfällen. Zu diesem Ergebnis kommt das IQWiG in seinem Abschlussbericht. Nach Auswertung der Studienlage sehen die WissenschaftlerInnen des IQWiG einen Hinweis auf einen Nutzen des Neugeborenenscreenings im Vergleich zu keinem Screening: Je früher die Krankheit diagnostiziert wird und je früher somit die Therapie beginnen kann, desto stärker können Kinder mit frühem Krankheitsbeginn (infantiler SMA) davon profitieren. Die Vorteile zeigen sich vor allem in einer besseren motorischen Entwicklung, etwa dem Erreichen motorischer Meilensteine wie „freies Sitzen“ und „Gehen“. Blutprobe genügt – wirksame Therapie verfügbar Ziel eines Neugeborenenscreenings auf 5q-assoziierte SMA ist die frühere Identifikation und die damit möglichst früh (im Idealfall präsymptomatisch) einsetzende Behandlung von betroffenen Kindern. Bisher gehört die SMA aber noch nicht zu den Erkrankungen, die im Rahmen des erweiterten Neugeborenenscreenings untersucht werden. Bei diesem in Deutschland gemäß der Kinder-Richtlinie des G-BA durchgeführten Screening wird in der 36. bis 72. Lebensstunde Venen- oder Fersenblut gewonnen, auf Filterpapierkarten getropft und auf das Vorliegen bestimmter Erkrankungen untersucht. Für die medikamentöse Therapie der SMA steht in Deutschland der seit 2017 zugelassene Wirkstoff Nusinersen zur Verfügung, der die Wirkung fehlerhafter Gene ersetzt und über eine Punktion des Rückenmarkkanals (Lumbalkanalpunktion) verabreicht wird. Weitere neue Therapieansätze befinden sich derzeit in der Zulassungsprüfung. Linked-Evidence-Ansatz genutzt „Für diese Nutzenbewertung lag keine direkte Evidenz vor, es gab also keine vergleichenden Interventionsstudien der Screeningkette. Deshalb mussten wir die Evidenz mit verschiedenen Puzzleteilen aus Therapie- und Diagnosestudien selbst zusammensetzen und den sogenannten Linked-Evidence-Ansatz verfolgen“, erläutert IQWiG-Projektleiterin Andrea Steinzen. „Für den Abschlussbericht hat der Hersteller auf unser Drängen hin noch ein entscheidendes Puzzleteil zur Bewertung der Therapievorverlegung bereitgestellt, das schließlich zu einem Hinweis auf einen Nutzen des Neugeborenenscreenings geführt hat.“ Im Detail werteten die WissenschaftlerInnen des IQWiG für den Vergleich eines früh- versus spätsymptomatischen Therapiebeginns eine kleine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) aus. Diese untersuchte eine medikamentöse Therapie im Vergleich zu einer Scheinbehandlung bei Kindern mit SMA. Im Hinblick auf den kombinierten Endpunkt „Zeit bis Tod oder dauerhafte Beatmung“ und auf den Endpunkt „Erreichen motorischer Meilensteine“ (etwa „freies Sitzen“ und „Gehen“) profitierten die betroffenen Kinder von einem frühsymptomatischen Therapiebeginn (d. h. maximal 12 Wochen nach Symptomeintritt). Im Hinblick auf das „Erreichen motorischer Meilensteine“ zeigten die vom Hersteller im Stellungnahmeverfahren nachgereichten Studienergebnisse beim Vergleich eines prä- versus frühsymptomatischen Therapiebeginns einen dramatischen Effekt zugunsten des präsymptomatischen Therapiebeginns. Steinzen: „Je früher die Therapie also beginnen kann, desto positiver wird der Krankheitsverlauf beeinflusst.“ Wegen der jeweils kurzen Beobachtungsdauer von weniger als beziehungsweise genau einem Jahr in beiden Studien können keine Aussagen zu Langzeitergebnissen getroffen werden. In Bezug auf Nebenwirkungen lassen sich in beiden Studien keine Unterschiede zwischen einem frühsymptomatischen und einem spätsymptomatischen Therapiestart erkennen. Für andere Endpunkte fehlen verwertbare Daten zu diesem Vergleich. Zur Bewertung der diagnostischen Güte der Testverfahren konnte das IQWiG-Projektteam auf vier Studien zurückgreifen, deren Ergebnisse darauf hindeuten, dass die untersuchten Testverfahren für ein Screening bei Neugeborenen auf 5q-assoziierte SMA geeignet sind. Wichtige ethische Implikationen noch ungeklärt Auch Neugeborene mit voraussichtlich spätem Krankheitsbeginn (d. h. einem Symptombeginn erst nach Jahren) werden durch das Neugeborenenscreening identifiziert. Allerdings erlauben die verfügbaren Daten zu Kindern mit infantiler SMA keine Schlüsse, ob durch das Screening identifizierte Kinder mit spätem Krankheitsbeginn ebenfalls bereits von einem präsymptomatischen Therapiebeginn profitieren würden. Denn die Therapiedaten zu Kindern mit infantiler SMA lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere SMA-Formen übertragen. Daher sollte bei der Einführung eines Neugeborenenscreenings auf SMA auch ein adäquater Umgang mit diesen Kindern und ihren Familien mitgedacht werden, einschließlich der Erwägung einer selbstbestimmten Entscheidung über das (Nicht-)Wissen zum Vorliegen milde verlaufender SMA-Formen.
Mehr erfahren zu: "Epigenom bei der Geburt beeinflusst die neurologische Entwicklung" Epigenom bei der Geburt beeinflusst die neurologische Entwicklung Darmmikrobiom und Epigenom sind eng miteinander verflochten und tragen beide zur neurologischen Entwicklung bei, wie eine Studie in „Cell Press Blue“ zeigt. Danach beeinflussen epigenetische Veränderungen, die bei der Geburt […]
Mehr erfahren zu: "MitoCatch: Erkrankte Zellen mit gesunden Mitochondrien versorgen" MitoCatch: Erkrankte Zellen mit gesunden Mitochondrien versorgen Baseler Wissenschaftler haben das System MitoCatch entwickelt, das die gezielte Zufuhr gesunder Mitochondrien zu erkrankten Zelltypen ermöglicht. Diese Innovation könnte ein wichtiger Schritt in Richtung einer präzisen Mitochondrientherapie sein.
Mehr erfahren zu: "Rauchen erhöht Demenzrisiko: Hinweise auf neue Lunge-Hirn-Achse" Rauchen erhöht Demenzrisiko: Hinweise auf neue Lunge-Hirn-Achse Der Zusammenhang zwischen Rauchen und Demenz könnte direkter sein als bislang angenommen: Forschende beschreiben eine Lunge-Hirn-Achse, über die durch Nikotin freigesetzte Exosomen die neuronale Eisenhomöostase beeinflussen und neurodegenerative Veränderungen begünstigen.