Soziale Lage prägt Herzgesundheit: Herzinsuffizienz in Deutschland ungleich verteilt

Der aktuelle WIdO-Bericht verdeutlicht eine ungleiche Verteilung der Herzinsuffizienz in Deutschland. (Bild: ©Best/stock.adobe.com)

Mehr als drei Millionen Menschen waren im Jahr 2024 bundesweit von einer Herzinsuffizienz betroffen – mit deutlichen sozioökonomischen Unterschieden. Das zeigt der aktuelle „Gesundheitsatlas Deutschland“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Der WIdO-Bericht macht deutlich, dass soziale und materielle Benachteiligung mit einer deutlich höheren Belastung durch Herzinsuffizienz einhergeht. Menschen in den sozioökonomisch am stärksten benachteiligten Regionen Deutschlands sind demnach deutlich häufiger von einer Herzinsuffizienz betroffen als Menschen in Regionen mit günstigen sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. In den besonders benachteiligten Regionen sind laut WIdO-Erkenntnissen 6,8 Prozent von Herzinsuffizienz betroffen, in den materiell besser gestellten Regionen hingegen lediglich 4,4 Prozent. Auch nach Berücksichtigung von Alters- und Geschlechtsunterschieden bleibt dieser Zusammenhang weitgehend bestehen. Die Ergebnisse, so das WIdO-Resümee, unterstreichen den erheblichen Einfluss sozialer Faktoren auf die Herzgesundheit und die Bedeutung zielgerichteter Präventionsmaßnahmen.

Herzgesundheit als Spiegel der Gesellschaft

Insgesamt lebten im Jahr 2024 rund 3,2 Millionen Menschen in Deutschland mit einer Herzinsuffizienz. Das entspricht einer Prävalenz von 5,5 Prozent in der Bevölkerung ab 30 Jahren. Neben sozialen Faktoren zeigen die Analysen des Gesundheitsatlas auch deutliche Zusammenhänge zwischen der Häufigkeit von Herzinsuffizienz und vermeidbaren Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes. Dies verdeutlicht, wie wichtig gesundheitliche Prävention und gesundheitsförderliche Lebensbedingungen zur Vermeidung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind.

Ökonomisch und sozial besonders benachteiligte Regionen weisen laut Gesundheitsatlas mit 6,8 Prozent eine höhere Herzinsuffizienzprävalenz auf als Regionen mit der besten materiellen und sozialen Ausgangssituation. Dort liegt der Wert nur bei 4,4 Prozent. Im „fairen“ Vergleich unter Berücksichtigung von unterschiedlichen Alters- und Geschlechts-strukturen der Bevölkerung in den Regionen bleibt der Zusammenhang zwischen Herzinsuffizienz und der sozioökonomischen Lage weitgehend bestehen.

„Die Ergebnisse zeigen, dass sich soziale Ungleichheit auch in der Herzgesundheit widerspiegelt“, sagt WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder. „Einkommen, Bildung und Beschäftigung beeinflussen die Verteilung wichtiger Risikofaktoren und damit auch die Krankheitslast in den Regionen. Präventionsangebote sollten insbesondere dort gestärkt werden, wo die gesundheitlichen Belastungen besonders hoch sind.“

Krankheitshäufigkeit steigt mit dem Alter, Männer sind etwas häufiger betroffen

Während eine Herzinsuffizienz in jungen Lebensjahren selten vorkommt, steigt die Häufigkeit mit dem Alter stark an. In der Altersgruppe ab 90 Jahren liegt der Anteil der erkrankten Männer bei 35 Prozent und der erkrankten Frauen bei 30 Prozent. Der Geschlechtsunterschied ist erwartbar, weil Männer häufiger von einer Vorerkrankung wie Koronare Herzkrankheit oder Herzinfarkt, die das Risiko für die Entstehung einer Herzinsuffizienz erhöhen, betroffen sind. „Mögliche Ursachen für die Geschlechtsunterschiede sind biologische Faktoren und eine unterschiedliche Häufung von Risikofaktoren bei Männern und Frauen“, so Schröder. „Das Rauchen stellt einen wichtigen Risikofaktor für kardiovaskuläre Krankheiten dar, und in den vergangenen Jahrzehnten war der Raucheranteil bei Männern stets deutlich höher als bei Frauen. Außerdem tritt Bluthochdruck bei Männern häufig schon im mittleren Lebensalter auf, bei Frauen erst später.“

Östliche Bundesländer stärker betroffen

Die Herzinsuffizienzhäufigkeit unterscheidet sich in den einzelnen Bundesländern deutlich. Besonders niedrige Krankheitshäufigkeiten weisen Hamburg (3,8 Prozent), Bremen (4,5 Prozent) und Berlin (4,6 Prozent) auf. Den höchsten Herzinsuffizienzanteil verzeichnet Sachsen-Anhalt (8,9 Prozent), gefolgt von Thüringen (8,5 Prozent) und Sachsen (7,9 Prozent).

Werden die Herzinsuffizienzprävalenzen auf der Ebene der 400 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland betrachtet, zeigen sich noch deutlichere Unterschiede: Der höchste Anteil von Betroffenen findet sich im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt mit 13,9 Prozent, der niedrigste Anteil dagegen in Frankfurt am Main mit 2,8 Prozent.

Sehr niedrige Herzinsuffizienzprävalenzen finden sich außerdem in vielen Kreisen um Hamburg und München, im Rhein-Main-Gebiet und im südlichen Baden-Württemberg. Überdurchschnittlich hohe Prävalenzen zeigen sich dagegen in vielen ostdeutschen Kreisen sowie in Nord- und Ostbayern. Die Zahl der Betroffenen in diesen Regionen ist auch unter Berücksichtigung der spezifischen Alters- und Geschlechtsstruktur der Bevölkerung vergleichsweise groß. „Das zeigt, dass nur ein kleiner Teil der regionalen Unterschiede auf die Alters- und Geschlechtsstrukturen zurückgeführt werden kann“, erläutert Schröder.

Mehr Raucherinnen und Raucher – mehr Herzinsuffizienz

Rauchen ist ein maßgeblicher Risikofaktor für die Entwicklung kardiovaskulärer Erkrankungen, in deren Folge wiederum eine Herzinsuffizienz auftreten kann. Ein Vergleich auf regionaler Ebene bestätigt die aus der wissenschaftlichen Literatur bekannten Zusammenhänge: In Regionen mit besonders vielen Raucherinnen und Rauchern liegt der Anteil der von Herzinsuffizienz Betroffenen bei 6,6 Prozent, in Regionen mit wenigen Rauchern dagegen nur bei 4,7 Prozent. Werden die regional unterschiedlichen Alters- und Geschlechtsstrukturen berücksichtigt, verringert sich dieser Unterschied nur leicht. „Maßnahmen zur Rauchprävention können daher zur Vermeidung zukünftiger Erkrankungen beitragen“, vermutet Schröder.

Zusammenhang mit Bluthochdruck-Prävalenz

Bluthochdruck steht ebenfalls mit der Häufigkeit von Herzinsuffizienz in Zusammenhang
Die Einzelfaktoren des metabolischen Syndroms (arterielle Hypertonie, Dyslipoproteinämie, abdominelle Adipositas und gestörte Glukosetoleranz), sind jeweils Risikofaktoren für die Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen und in deren Folge einer Herzinsuffizienz.

Für den vorliegenden Gesundheitsatlas Herzinsuffizienz wurde der Zusammenhang mit Bluthochdruck sowie Diabetes Typ 2 auf regionaler Ebene untersucht. Auch diese Ergebnisse stehen im Einklang mit den aus der wissenschaftlichen Literatur bekannten Zusammenhängen: In Regionen mit wenigen Hypertoniepatientinnen und -patienten liegt der Herzinsuffizienz-Patientenanteil bei 4,2 Prozent, in Regionen mit besonders vielen an Hypertonie Erkrankten dagegen bei 8,4 Prozent. Der Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes ist ähnlich ausgeprägt.

„Dies verdeutlicht das Präventionspotential. Durch gesunde Ernährung und ausreichend körperliche Aktivität sowie eine gute Behandlung von Bluthochdruck kann das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen deutlich gesenkt werden und die Zahl der zukünftigen Herzinsuffizienzfälle reduziert werden“, so Schröders Fazit.