STI: Mit Patienten einfühlsam ins Gespräch kommen

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Anlässlich des „Welttages der sexuellen Gesundheit“ am 4. September geben die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) und die Deutsche STI Gesellschaft (DSTIG) kollegiale Tipps zur ärztlichen Gesprächsführung.

Sexuelle Gesundheit ist Teil der Gesamtgesundheit und umfasst neben psycho-sozialen auch medizinische Aspekte wie beispielsweise sexuell übertragbare Infektionen (STI) und STI-Prävention. Das Sprechen über Sexualität ist sowohl auf ärztlicher als auch auf Patientenseite häufig schambehaftet.

Nur wenige Patienten sprechen das Thema von sich aus an

„Sexuelle Gesundheit ist ein wesentliches Element der Gesamtgesundheit. Daher haben wir als Medizinerinnen und Mediziner die Aufgabe, das Thema Sexualität mit unseren Patient*innen zu besprechen“, sagt Prof. Norbert Brockmeyer, Dermatologe und Präsident der Deutschen STI Gesellschaft (DSTIG). Zugleich liegt es in der ärztlichen Verantwortung, über STI und Prävention zu informieren. „Aus meiner Erfahrung gibt es an dieser Stelle ein Problem: Die Themen sexuelle Gesundheit, sexuelle Praktiken und die Risiken für Geschlechtskrankheiten werden im medizinischen Alltag nicht häufig genug angesprochen“, so der DSTIG-Präsident. Insbesondere in der Dermatologie, Urologie und Gynäkologie, den Fachgebieten, die eng mit dem Thema Sexualität verbunden sind, sollten daher Defizite in der Kommunikation und Sensibilisierung für dieses Thema abgebaut werden.

Die GeSiD-Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ aus dem Jahr 2020, dem ersten bundesweiten, repräsentativen Sex-Survey, hat Daten zu sexueller Identität, Beziehungen, sexuellem Verhalten und sexueller Gesundheit erhoben. Was auffallend war: Nur eine Minderheit (21% der Männer und 31% der Frauen) der insgesamt fast 5.000 befragten Erwachsenen hat jemals mit einem Arzt oder einer Ärztin über HIV/Aids oder andere sexuell übertragbare Infektionen (STI) gesprochen. Dahingegen gibt es sehr gute Studien, die belegen, dass ca. 90 Prozent der Patientinnen und Patienten gerne mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über Sexualität reden möchten.

Strategien für ein gelungenes Gespräch

„Bei den Gründen, das Thema sexuelle Gesundheit im Gespräch mit Patient*innen auszulassen, stehen Zeitdruck, Scham und vermeintlich wichtigere Gesundheitsthemen weit oben“, erklärt Prof. Silke Hofmann, Direktorin des Zentrums für Dermatologie, Allergologie und Dermatochirurgie, HELIOS Universitätsklinikum Wuppertal und Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit der DDG. Wenn man als Behandelnde etwas daran ändern möchte, ist ein strategisches Vorgehen sinnvoll, meint die Dermatologin „Es fängt damit an, sich selbst zu beobachten, wie man sich als Fragende in dem Gespräch fühlt. Wenn man sich selbst beim Sprechen über Sexualität und STI unwohl fühlt, wird es der Patientin/dem Patienten genauso gehen“, meint Hofmann. Der nächste wichtige Schritt ist, mögliche Vorurteile zu identifizieren. Vom Alter, Aussehen, Familienstand oder anderen Faktoren lässt sich nicht auf sexuelle Aktivität schließen.

Zu einer Strategie gehört, sich empathische Formulierungen für die Sexualanamnese zu überlegen. „Direkt nach der sexuellen Orientierung, nach sexuellen Gewohnheiten, der Häufigkeit von Partnerwechseln etc. zu fragen, kann das Gegenüber schnell verstummen lassen“, meint Brockmeyer. Um das Gespräch in Gang zu bringen, sollte man immer voranstellen, dass man alle Patient*innen zur sexuellen Gesundheit, nach der sexuellen Orientierung und der sexuellen Identität befragt. „Wenn man zunächst nach dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht und dann nach der aktuellen sexuellen Identität fragt, zeigt man, dass man die Vielfalt sexueller Identität im Blick hat“, rät Brockmeyer. Fragen sollten grundsätzlich nicht wertend sein, und manchmal ist es hilfreich zu erklären, warum man eine bestimmte Frage stellt.

Fragen individuell auf das Gegenüber abstimmen

Für eine systematische Sexualanamnese sind die „5Ps“ der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) hilfreich. Nacheinander werden die Themenbereiche „Partners, Practices, Protection from STI, Past History of STI und Pregnancy Intention“ behandelt. „Wenn der Boden für ein vertrauensvolles und offenes Gespräch gelegt worden ist, können die wichtigen Details zu Sexualpartner*innen, sexuellen Praktiken, Prävention und früheren STI-Diagnosen erfragt werden“, sagt Hofmann. Wenn man nach Sex-Praktiken fragt, können Formulierungen wie „Ich muss einige etwas spezifischere Fragen stellen, um zu verstehen…“ oder „An dieser Stelle unseres Gesprächs möchte ich einige Fragen zu Ihrem Sexleben stellen. Ist das für Sie in Ordnung?” hilfreich sein.

„Für Gespräche kann es helfen, sich einen Frageleitfaden zu erstellen. Allerdings gilt hier: In der praktischen Umsetzung müssen die Fragen individuell auf das Gegenüber abgestimmt sein“, empfiehlt Brockmeyer. Gegen Ende des Gespräches sollten konkrete Tipps zur Risikoreduzierung von STI stehen. Und auch hier gilt es, die neu gewonnenen Erkenntnisse auf die Empfehlungen abzustimmen. Wer in einer gegenseitig monogamen Beziehung Sex hat, braucht andere Tipps als Personen, die häufig Ihre Partner*innen wechseln. Am Schluss des Gespräches sollte immer der Patient oder die Patientin Zeit bekommen, noch etwas anzumerken oder zu fragen.

Das Führen von Gesprächen lässt sich trainieren. Die DSTIG bietet praxisnahe Workshops und Seminare zur Kommunikation mit Patientinnen und Patienten über Sexualität, HIV und STI an. Kommunikationstechniken sind z.B. Inhalt der sexualmedizinischen Weiterbildung: Zusatz-Weiterbildung Sexualmedizin

Unterstützung für den Praxisalltag bietet zudem der „Leitfaden STI-Therapie, Diagnostik und Prävention“. Er enthält Hinweise zur Sexualanamnese und ist als App sowie als Druckversion auf der DSTIG-Homepage erhältlich: https://dstig.de/leitfaden-fuer-die-kitteltasche/