Stigmatisierung von Menschen mit Übergewicht: Mangelnde Willenskraft ist nicht die alleinige Ursache für Adipositas

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Obwohl Adipositas mittlerweile als Krankheit anerkannt ist, werden die Betroffenen in der Bevölkerung und auch in der Gesundheitsversorgung erheblich stigmatisiert, was sich negativ auf die Politikgestaltung im Hinblick auf Prävention und Behandlung auswirkt. Häufig wird Adipositas als freie Wahl oder Mangel an Willenskraft angesehen, allerdings mehren sich Beweise, die in Frage stellen, dass sowohl die Gewichtszunahme als auch das Versäumnis, eine Gewichtsreduktion zu erreichen, die Schuld des Einzelnen sind.
Ein aktueller Artikel aus Irland hat nun die Frage näher beleuchtet, ob eine langfristige Gewichtsreduktion vollständig einer bewussten Wahl unterliegt. Hierzu wurde Literatur aus der Behandlung von Adipositas, Neurowissenschaften, Philosophie des Geistes und zum Thema Stigmatisierung ausgewertet.

Die Regulierung von Hunger, Sättigung, Energiehaushalt und Körpergewicht findet in subkortikalen Regionen des Gehirns statt, d. h. sie werden in Regionen des Gehirns erzeugt, die nicht mit bewusster Erfahrung assoziiert sind. Dies deutet daraufhin, dass das Gewicht möglicherweise biologisch determiniert ist und stellt Vorstellungen von Willenskraft und die daraus resultierender Moralisierung in Bezug die Gewichts­regulation in Frage. Im Zusammenhang mit der Fehlregulation von Hunger und Sättigung, die zur Adipositas-Epidemie beitragen, ist folglich ein Diskurs über die persönliche Verantwortung und das Stigma Übergewicht erforderlich, um das Verständnis, die Prävention und die Behandlung dieser komplexen Erkrankung zu verbessern, so die Argumentation der Autoren.
Adipositas ist eine chronische Krankheit und erfordert eine personalisierte Behandlung. Lebensstilinterventionen alleine sind wahrscheinlich nicht ausreichend, um einen signifikanten und nachhaltigen Gewichtsverlust zu erreichen.

Das Verständnis, dass Adipositas nicht auf mangelnde Motivation oder Willenskraft zurückzuführen ist, wird die Verfügbarkeit und Anwendung multimodaler Behandlungsangebote wie Lebensstilinterventionen, Pharmakotherapien und Operationen vorantreiben und die Lebensqualität vieler Betroffener verbessern, so die Hoffnung der Experten. (rl)

Autoren: Grannell A et al.
Korrespondenz: Andrew Grannell; [email protected]
Studie: Obesity and responsibility: Is it time to rethink agency?
Quelle: Review Obes Rev 2021 May 12;e13270.
Web: doi:10.1111/obr.13270.