Studie: Männer erhalten häufig schlechtere medizinische Versorgung als Frauen

Laut neuen Forschungsergebnissen der Deakin University in Melbourne entsprechen einheitliche Behandlungsansätze für Männer und Frauen im Rahmen der medizinischen Erstversorgung nicht den Anforderungen männlicher Patienten.

Hierin liege auch ein Grund, weshalb die Lebenserwartung der Männer weltweit erheblich geringer ist als die der Frauen. Die Forscher fordern eine bessere Ausbildung der Pflegekräfte und mehr Einfühlungsvermögen bei der Behandlung männlicher Patienten.

Die von Dell Lovett an der Deakin University in Melbourne durchgeführte Studie belegt, dass Pflegekräfte in Krankenhäusern die speziellen Bedürfnisse von Männern häufig nicht beachten. Das Fachgebiet der Forscherin ist die Gesundheit des Mannes. Sie führte die Untersuchung in Zusammenarbeit mit Professor Trish Livingston von der Faculty of Health, Professor Bodil Rasmussen vom Western Health Deakin Partnership Chair und Dr Carol Holden von der Monash University durch.

Dell Lovett erkannte durch Tiefeninterviews mit Pflegekräften und männlichen Patienten, dass mehr getan werden muss, um die speziellen Ansprüche von Männern im Rahmen der Krankenpflege besser zufrieden zu stellen.

„Wir haben herausgefunden, dass viele Krankenpflegekräfte sensible oder persönliche Gesundheitsthemen mit männlichen Patienten ungern besprechen. Männliche Patienten verhalten sich nicht so wie weibliche Patienten – ihre Gesundheitsbedürfnisse sind anders, und die angewandten Pflegemaßnahmen müssen dementsprechend individuell angepasst werden. Männer müssen sich früher in medizinische Behandlung und Krankenpflege begeben, als sie es momentan tun. Doch wenn sie dann vorstellig werden, können sich die Männer nur schwer auf die Gesundheitsexperten einlassen und sehen sich mit standardisiertem Vorgehen konfrontiert.”

Lovett sagt, dass männliche Patienten die Wichtigkeit der medizinischen Grundversorgung nicht erkennen und die Tatsache, dass Männer nicht als ‘Jammerlappen’ angesehen werden wollen, verschlimmere die Situation außerdem. „Kulturell bedingte Männlichkeitsbilder und stoisches Verhalten – insbesondere bei älteren Männern – führen dazu, dass Männer sich der medizinischen Behandlung entziehen. Es gibt kein Land, in dem die Lebenszeit der Männer genauso hoch ist wie die der Frauen, und das hat nicht nur etwas mit den Genen zu tun. Der klassische Australier geht mit einer ‘wird schon werden’-Mentalität durch das Leben, doch wenn sie sich früher in medizinische Behandlung begeben würden, würden sie länger leben.”

Obwohl natürlich ein Teil der Verantwortung bei den Patienten liegt, müssen sich auch die Angestellten im Bereich der medizinischen Erstversorgung neuorientierten. „Männer haben das Recht auf eine zielgerichtetere Behandlung, als das, was momentan noch Standard ist. Dieses Problem betrifft ganz Australien, und es wird Zeit, darüber mehr zu sprechen! Wenn wir es schon mal schaffen, die Männer dazu zu bekommen, sich untersuchen zu lassen, dann müssen die Krankenpflegefachkräfte auch wissen, wie sie mit ihnen umgehen können.”

Prof. Rasmussen unterstreicht, diese Studie hebe hervor, welche Verbesserungsmöglichkeiten es in Bezug auf männliche Patienten und Krankenpflegekräfte gibt und wo es neuer Behandlungsansätze bedarf. „Diese Studie – es ist die erste, die gleichermaßen den Umgang mit männlichen Patienten und die Erwartungen der männlichen Patienten an die Pflegekräfte untersucht – verdeutlicht die Diskrepanz im Bereich der Befähigung der Pflegefachkräfte hinsichtlich der angemessenen Behandlung männlicher Patienten. Die Interviews zeigten, wie groß der Verbesserungsbedarf wirklich ist, um Männer auch im Bereich der sexuellen und mentalen Gesundheit und im Bereich der Prophylaxe und Verhütung angemessen zu behandeln und zu beraten.”

Der Originalartikel „Are nurses meeting the needs of men in primary care?” wurde im Australian Journal of Primary Health veröffentlicht. Lovett führt ihre Forschung nun in Form eines PhD-Studiums an der Charles Darwin University unter der Aufsicht von Professor James Smith weiter.

Quelle
Australisch-Neuseeländischer Hochschulverbund / Institut Ranke-Heinemann, 05.04.2018
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