Studie zur Vermeidung von Kurzsichtigkeit bei Kindern startet22. Oktober 2021 Foto: ©Soho A studio – stock.adobe.com Eine bundesweite Studie unter Freiburger Leitung untersucht, ob niedrig dosiertes Atropin aus der Tollkirsche das Wachstum des Augapfels zuverlässig verlangsamen und so Kurzsichtigkeit verhindern kann. Fast jedes zweite Kind in Europa wird bis ins junge Erwachsenenalter kurzsichtig. Diese Kurzsichtigkeit entsteht durch übermäßiges Wachstum des Augapfels. Dass dieses Wachstum durch Atropintropfen aus der Tollkirsche gebremst werden kann, ist seit mehr als 100 Jahren bekannt. Doch aufgrund von Nebenwirkungen wie Blendung oder Nahsichtunschärfe war eine Therapie lange unmöglich. Erste Studien aus Asien und Vorstudien am Universitätsklinikum Freiburg zeigten jedoch, dass hochverdünntes Atropin gute Effekte ohne diese unangenehmen Nebenwirkungen zeigt. In einer bundesweiten Studie unter Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) soll nun bei Kindern im Alter zwischen acht und zwölf Jahren überprüft werden, ob und welche Atropin-Dosierung optimal ist, um Kurzsichtigkeit zu vermeiden oder ihre Entwicklung zu bremsen. Studieninteressierte werden gesucht. Studienteilnehmer müssen zwischen acht und zwölf Jahren alt sein und eine Kurzsichtigkeit von -1 bis -6 Dioptrien bei einer jährlichen Verschlechterung von mindestens 0,5 Dioptrien haben. Das Einverständnis der Eltern oder Erziehungsberechtigten ist ebenfalls Voraussetzung. Interessierte finden weitere Informationen zur Studienteilnahme unter www.aim-studie.de „Kurzsichtigkeit ist weit verbreitet und ein Hauptrisikofaktor für schwerwiegende Augenerkrankungen im späteren Leben, wie grüner Star, grauer Star, Makula-Erkrankungen oder Netzhautablösung. Wir werden mit unserer Studie klären, ob niedrig dosiertes Atropin eine Kurzsichtigkeit bremsen oder sogar vermeiden kann“, sagt Studienleiter Prof. Wolf A. Lagrèze, Leitender Arzt der Sektion Neuroophthalmologie, Kinderophthalmologie, Schielbehandlung der Klinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg. „Wir wissen, dass sich Tageslicht und ein ausreichender Leseabstand positiv auswirken. Am wirksamsten ist aber vermutlich die Therapie mit Atropin-Augentropfen“, erklärt Lagrèze. Kurzsichtigkeit beginnt meist im Grundschulalter Die gewöhnliche Kurzsichtigkeit beginnt meist im Grundschulalter und schreitet in den folgenden Jahren fort, selten bis über das 20. Lebensjahr hinaus. Je früher die Kurzsichtigkeit beginnt, desto höher wird ihr Ausmaß im Erwachsenenalter sein. In der nun startenden Studie erhalten Kinder mit beginnender Kurzsichtigkeit einmal abends Augentropfen in einer Dosierung von 0,01 Prozent oder 0,02 Prozent Atropin. In einem der beiden Studienarme erhalten die Probanden im ersten Jahr der Studie ein Scheinmedikament. Die Gruppen werden zufällig ausgelost. Die Gesamtstudiendauer beträgt drei Jahre. Die Studie unter Freiburger Leitung wird an 16 Universitätskliniken und weiteren Spezialkliniken durchgeführt. 100 Jahre altes Wissen neu angewandt Atropin wird in der Augenheilkunde seit langem eingesetzt. Auch die verzögernde Wirkung auf die Entwicklung der Kurzsichtigkeit ist seit mehr als 100 Jahren bekannt. Wegen der Nebenwirkungen wie Blendung aufgrund erweiterter Pupillen oder Probleme mit der Nahsicht aufgrund gestörter Schärfenanpassung wurden Atropintropfen aber kaum verordnet. In der bislang gängigen therapeutischen Dosierung halten diese Nebenwirkungen nach einer einzigen Gabe etwa eine Woche an. Studien aus Asien zeigten vor einigen Jahren erstmals positive Effekte von niedriger dosiertem Atropin auf die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit bei Kindern. Auch eine Untersuchung am Universitätsklinikum Freiburg deutete in diese Richtung. Seit der Publikation dieser Daten haben sich niedrig dosierte Atropin-Augentropfen zur Verlangsamung einer Kurzsichtigkeit weltweit sehr schnell etabliert und werden auch in Deutschland seit wenigen Jahren von vielen Augenärzten in Kliniken und Praxen eingesetzt. Gleichzeitig ist die Wirksamkeit und Verträglichkeit ebenso wie die optimale Dosierung noch nicht abschließend geklärt. Dies soll nun mit der Studie unter Freiburger Leitung erreicht werden. „Eine solche Studie ist dringend notwendig, um den Nutzen des zunehmenden Einsatzes von niedrig dosiertem Atropin bei Kindern zu belegen oder widerlegen und klinische Leitlinien zu entwickeln“, sagt Lagrèze.
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