Tamsulosin bei BPH: Bei langjähriger Anwendung Nutzen überprüfen14. Juli 2026 Abbildung: luchschenF/stock.adobe.com Häufiger Harndrang, Miktionsverzögerung, Nykturie oder ein abgeschwächter Harnstrahl: Jeder dritte Mann hat im Laufe seines Lebens mittelstarke bis starke Beschwerden, was die unteren Harnwege angeht. Die meisten dieser Beschwerden bei Männern sind auf eine benigne Prostatahyperplasie (BPH) zurückzuführen, die beispielsweise mit dem Alpha-1-Rezeptorenblocker Tamsulosin behandelt werden. Während mit einer solchen Tamsulosin-Therapie bei vielen Patienten erfolgreich Harnwegssymptome behandelt werden können, wiegen bei einigen möglicherweise die potenziellen Risiken schwerer als ein unsicherer oder geringer Nutzen. Zu diesen Risiken zählen plötzlicher Blutdruckabfall, Schwindel, Stürze, Knochenbrüche sowie die Belastung durch die medikamentöse Therapie. Trotzdem, so geht aus einer Mitteilung der University of California, San Francisco (USA) anlässlich der Veröffentlichung einer neuen Studie zum Thema hervor, erhält jeder fünfte ältere Mann mit BPH weiterhin Tamsulosin. Viele setzten die Einnahme auch nach Abklingen der Beschwerden fort, heißt es – oft aus Angst vor einem Wiederauftreten der Symptome. Um den individuellen Nutzen und die Risiken einer Tamsulosin-Therapie zu bewerten, führten Forscher der UCSF eine randomisierte klinische Proof-of-Concept-Studie (N-of-1) durch. Dabei verglichen sie die Fortsetzung der Langzeitbehandlung mit Tamsulosin mit der Gabe eines Placebos bei älteren Männern, die an BPH litten. Die Studie ergab, dass bei etwa einem Drittel der Teilnehmer, deren BPH mit Tamsulosin behandelt wurde, die Therapie im Vergleich zu einem Placebo nur minimale oder gar keine Auswirkungen auf die Beschwerden der unteren Harnwege hatte. Die Studie wurde am 6. Juli 2026 in „JAMA Network Open“ veröffentlicht. Langzeittherapie regelmäßig überprüfen „Tamsulosin wird sehr häufig verschrieben, doch es gibt kaum wissenschaftliche Belege dafür, ob das Medikament dem einzelnen Patienten auch noch Jahre nach Behandlungsbeginn einen nennenswerten Nutzen bringt“, erklärt Erstautor Dr. Scott R. Bauer, außerordentlicher Professor für Innere Medizin, Urologie, Epidemiologie und Biostatistik an der University of California, San Francisco. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass eine Langzeittherapie mit Tamsulosin regelmäßig überprüft werden sollte, da sich das Verhältnis von Nutzen und Risiko im Laufe der Zeit ändern kann.“ Bei der Untersuchung handelte es sich um eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Multiple-Crossover-Studie, bei der jeder Teilnehmer sowohl Tamsulosin als auch ein Placebo erhielt. Da jeder Teilnehmer als seine eigene Kontrolle diente, konnten die Forscher die Harnwegssymptome während der zweiwöchigen Behandlungsphasen vergleichen, in denen zwischen Tamsulosin und Placebo gewechselt wurde. Von den 31 Teilnehmern, die das Protokoll durchliefen, zeigte sich bei 36,7 Prozent eine minimale oder gar keine Wirkung unter Tamsulosin, während weitere 36,7 Prozent nur eine mäßige Wirkung verspürten. Stark auf Tamsulosin sprachen 13,3 Prozent an, während weitere 13,3 Prozent die einwöchige Placebo-Phase nicht gut tolerierten, weil sich ihre Symptome verschlechterten. Die Forschenden schlussfolgern daraus, dass eine beträchtliche Anzahl von Patienten für ein Absetzen von Tamsulosin infrage kommen könnte. Altersgerechte, personalisierte BPH-Versorgung „Wir haben festgestellt, dass das Ansprechen auf die Tamsulosin-Behandlung von Person zu Person stark variiert und dass eine N-of-1-Studie zum Absetzen des Medikaments genau messen kann, welchen Nutzen ein Einzelner aus der fortgesetzten Behandlung zieht“, sagte Bauer. „Die Ergebnisse dieser kleinen klinischen Studie legen nahe, dass wir die Annahme überdenken sollten, wonach eine langjährige Medikation bei BPH automatisch fortgesetzt werden muss. Für viele ältere Männer – insbesondere für jene, die mehrere Medikamente einnehmen – ist die regelmäßige Überprüfung, ob Tamsulosin noch einen nennenswerten Nutzen bringt, ein wichtiger Bestandteil einer altersgerechten, personalisierten BPH-Versorgung.“ Die Forscher räumen ein, dass ihre Machbarkeitsstudie klein war. Sie sind der Ansicht, dass größere Studien erforderlich sind, um die Verallgemeinerbarkeit auf verschiedene klinische Settings und Patientenpopulationen zu bestätigen, Prädiktoren für das Ansprechen auf Tamsulosin zu identifizieren und die Auswirkungen eines mittels N-of-1-Verfahren gesteuerten Absetzens auf klinische Ergebnisse zu untersuchen. (ac)
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