Tierärztetag West 2026: Von Shamonda-Virus, Leitlinien & Mental Health

Tierärztetag West 2026

Vom 04.-06. September fand der diesjährige Tierärztetag West in Dortmund statt. Nach einem langen, heißen Sommer trafen sich Tierärzte, Tiermedizinische Fachangestellte (TFAs) und Industrie erstmals wieder zum fachlichen Austausch.

Auf dem Tierärztetag West waren nicht nur parallele Programme zu Kleintieren, Pferden, Nutztieren und zum Öffentlichen Dienst im Angebot, die Tierärzte und TFAs hatten zudem die Möglichkeit, Seminare zu buchen und auf der Industrieausstellung Kontakte zu pflegen. Das Motto „Ethik versus Maximalversorgung – Gibt es Grenzen für die Veterinärmedizin?“ gab reichlich Anlass zu regem Austausch, ob in großer Runde oder im Zweiergespräch. So fand sich bei einem großzügigen Büffet, das auch die herbivoren Zweibeiner zur Genüge bedachte, ausreichend Zeit, um sich mit Kollegen und Kolleginnen auszutauschen.

Ein gutes menschliches Augenmaß

In ihrem Grußwort sprach Ministerin Silke Gorißen den Tierärzten ihre Anerkennung und ihren Dank aus für die wertvolle, wichtige und auch anstrengende Arbeit, die der Berufsstand tagtäglich in Tierarztpraxen, -kliniken, Veterinämtern, Forschung und Industrie leiste. Gorißen fand warme und herzliche Worte. So merkte sie an, dass im Vergleich zur Humanmedizin in der Tiermedizin der verbal ausgedrückte Patientenwille fehle, es sei daher immer eine Einzelfallentscheidung für den jeweiligen Patienten zu treffen, der viel Einfühlungsvermögen erfordere. Tierschutzrechtlich sei es klar, dass der Schutz des einzelnen Tieres über menschlichen Interessen stehe, insbesondere über rein wirtschaftlichen oder emotionalen Erwägungen. Hierbei stünden Veterinärmediziner vor der großen Herausforderung, zwischen dem zu vermitteln, was technisch möglich ist, und dem, was moralisch vertretbar sei. Auch verwies Gorißen darauf, dass das Europäische Tiergesundheitsgesetz die vorbeugende Impfung bei meldepflichtigen Tierseuchen ausdrücklich erlaube. Hier setze sich das Land Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit der Branche und der Tierärzteschaft für praxistaugliche und tierschutzkonforme Lösungen ein. Gorißen sicherte ihre Unterstützung zu, sich auch in Bezug auf die GOT auf Bundesebene für die Tierärzteschaft einzusetzen. Prof. Sabine Tacke von der JLU Gießen und Präsidentin der Landestierärztekammer Hessen, machte deutlich, warum die Kammern so um die GOT kämpfen, stellt sie doch die Grundlage für die flächendeckende tierärztliche Versorgung dar.

Das Beste geben und sich dabei an den Leitlinien orientieren

Keynote-Speakerin Prof. Michaele Alef von der Universität Leipzig befasste sich damit, wie es aktuell um Leitlinien in der Tiermedizin steht. Während die Humanmediziner über mehr als 800 Leitlinien verfügen, kommt die Ausarbeitung in der Veterinärmedizin häufig wegen mangelnder Evidenz ins Stocken. Aber Leitlinien seien notwendig, sie gäben den praktischen Tierärzten eine Orientierungshilfe, einen Handlungs- und Entscheidungskorridor, auch wenn sie nicht verbindlich sind. Eine Abweichung von den Vorgaben sei in begründeten Fällen möglich, ja, manchmal sogar nötig, auf Basis eines fundierten klinischen Urteils, wobei die Begründung für das Abweichen unbedingt dokumentiert werden sollte. Alef war es ein Anliegen, dass es kein generelles Abweichen oder Unterschreiten der gesetzten Standards geben dürfe, im Sinne eines sorgfältigen, gewissenhaften Handelns von Seiten des Tierarztes, das dem vom Patientenbesitzer in uns gesetzten Vertrauensvorschuss gerecht werden müsse.

Podiumsdiskussion

An der späteren Podiumsdiskussion „Leitlinien – Fluch oder Segen“, die von Dr. Kai Kreling geleitet wurde, Tierarzt und öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Pferde, nahmen neben Michaele Alef auch Dr. Peter Heimberg, Rindergesundheitsdienst der LWK NRW, Prof. Michael Röcken, Leiter der Klinik für Pferde (Chirurgie) der JLU Gießen, in der diese Woche ein neues Operations- und Diagnostikzentrum für Pferde eröffnet wurde sowie Dr. Arno Piontkowski, Fachtierarzt für öffentliches Veterinärwesen und zweiter Vorsitzender des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte, teil. In den Augen der Diskussionsteilnehmer werden Leitlinien überwiegend mehr als Segen, denn als Fluch wahrgenommen, wobei Michael Röcken eine gewisse Gefahr in Bezug auf rechtliche Auslegungen sah. Ein Pferdefuß der Leitlinien liege in jedem Fall, so Alef, die eine klare Befürworterin einer Leitlinien getragenen Tiermedizin war, in der Notwendigkeit einer regelmäßigen Überarbeitung, die sich als herausfordernd in der Praxis erweise, da sehr zeitaufwendig.

Tragische Helden in einem ethisch anspruchsvollen Beruf

Tierärztin Stephanie Frömmel aus der Tierarztpraxis am Katzberg in Langenfeld fand den Vortrag zum Kastrationsberatungsgespräch von Prof. Axel Wehrend von der JLU Gießen, den sie aus ihrem Studium an der JLU noch in guter Erinnerung hat, besonders hilfreich für den Praxisalltag. So stellte Wehrend die Pros und Contras der operativen Kastration vor, über die es Tierbesitzer aufzuklären gilt, bevor diese sich für den endgültigen Eingriff in das Leben ihres Tieres entscheiden. „Besonders gut hat mir gefallen, dass deutlich gemacht wurde, dass zuerst immer das Tierwohl und die Indikation wichtig sind und nicht die Bequemlichkeit von Tierhaltern. Grundsätzlich hat das Thema des Tierärztetages – ‚Ethik versus Maximalversorgung‘ – mich sehr angesprochen, da es dazu sonst wenig Fortbildungen gibt, wir aber im Praxisalltag immer wieder vor solchen Fragestellungen stehen und eine Hilfestellung für solche Gespräche mit Tierhaltern willkommen ist. Insbesondere hat mich hier der Vortrag von Dr. Christian Dürnberger von der Veterinärmedizinischen Universität Wien angesprochen, der im Rahmen des Eröffnungsprogramms am Donnerstagnachmittag zu ‚Ethik in der Veterinärmedizin: Über Rollenkonflikte, Idealismis und Pragmatismus‘ sprach. Auf seine sehr charmante Art hat er über die Probleme gesprochen, mit denen wir im Praxisalltag oft konfrontiert sind – gerade auch im Rahmen von Entscheidungen zur Euthanasie. Dass die Wiener Fakultät dieses Fach bereits den Studierenden als Pflichtkurs anbietet, sollte für unsere Unis als Vorbild dienen, denn darüber machen sich sicherlich viele Studierenden keine Gedanken. Auch, dass man es ja sehr viel mit Menschen zu tun hat in unserem Beruf, blenden viele bei der Studienwahl aus. Am Samstagnachmittag habe ich mich über die Vorträge zu Maximaldiagnostik und -versorgung beim Heimtier  – Goldstandard versus Finanzen, gefreut. Auch dies beschäftigt mich tagtäglich und es ist immer hilfreich zu erfahren, wie andere – gerade auch Tierkliniken mit mehr Möglichkeiten – damit umgehen. Alles in allem hat sich der Besuch des Tierärztetages sehr gelohnt – es war schade, dass er verhältnismäßig schwach besucht war.”

Wilma, 7 Jahre

Dürnberger’s Vortrag traf auf breite Zustimmung, so waren sich die darauf angesprochenen Tierärztinnen einig, dass der tierärztliche Beruf, wie allgemein angenommen tatsächlich ein sehr schöner sei, dass er aber anders als „von außen“ wahrgenommen ein durchaus physisch wie psychisch manchmal schwer zu verdauender ist. So stelle sich der Durchsetzung der moralisch bestmöglichen Lösung eines Problems nicht selten die finanzielle Schieflage oder eine übermäßige emotionale Bedürftigkeit des Tierhalters entgegen. Und wer im direkten Anschluss an eine Behandlung die unmittelbare Bezahlung für seine Dienste einfordern muss, brauche neben dem menschlichen Rüstzeug auch das nötige Selbstbewusstsein, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Hier gibt es einen klaren Unterschied zu den Humanmedizinern, die in aller Regel nicht unmittelbar für ihre Entlohnung einstehen müssten.

Auch der Vortrag von Univ.-Ass. Christine Smetaczek, MMSc. PhD, die über das Spannungsfeld, in dem sich insbesondere Nutztierärzte befinden, sprach, machte deutlich, dass der psychischen Gesundheit von Tierärzten Aufmerksamkeit geschenkt werden müsse.

Tierärzte seien schon aus ihrer beruflichen Situation heraus gezwungen viel mehr Stressbewältigunsmechanismen zu entwickeln als die Bevölkerungsnorm. Gerade Großtierärzte, die die stärkste Tendenz zur Bagatellisierung und zum Herunterspielen von Problemen zeigten, hätten mit Abstand die längsten Arbeitszeiten. Wobei eine Bagatellisierung zwar kurzfristig hilfreich sein könne, langfristig jedoch zur Überschreitung eigener Belastungsgrenzen führe. Unterstützung werde oft erst bei deutlicher Erschöpfung in Anspruch genommen. Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken seien unterstützende Maßnahmen sinnvoll ‒ und wie die Praxis gezeigt hätte ‒ würden eine Supervision oder ein Coaching von den Tierärzten besser angenommen als eine Psychotherapie. Unter dem Aspekt, dass es immer mehr Berufsanfängerinnen gäbe, die in den ersten fünf Jahren ihrer Berufstätigkeit über einen Berufswechsel nachdenken würden, hätten Angebote hier präventiven Charakter, sagte Smetaczek. Auch müsse zukünftig näher untersucht werden, ob Tierärzte nicht bereits mit einer überdurchschnittlich starken psychischen Belastung in Studium und Beruf starten.

Ebenfalls in der Session Nutztiere präsentierte PD Dr. Kerstin Wernike vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) die letzten Erkenntnisse zum neu eingeschleppten, europäischen Shamonda-Virus (SHAV). Es handelt sich um ein Orthobunyavirus aus der Simbu Serogruppe (Genus Orthobunyavirus, Spezies: Orthobunyavirus Schmallenbergense). In Deutschland sind 2026 zwei unterschiedliche Kladen nachgewiesen worden, die als Shamonda-Virus Europe 1 (SHAV-EU1) und Shamonda-Virus Europe 2 (SHAV-EU2) bezeichnet werden. SHAV-EU1 wurde zunächst bei Fällen in Süddeutschland sowie in der Schweiz und Frankreich nachgewiesen. SHAV-EU2 sei bei Rindern unter anderem aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Thüringen nachgewiesen worden, sodass zwei voneinander unabhängige Einschleppungs- und Ausbreitungsereignisse vorlägen, die sich regional bereits jedoch überschneiden würden. Akut infizierte Rinder zeigen in der Regel vorübergehend milde bis moderate Symptome wie Fieber, Durchfall und einen Rückgang der Milchleistung. Auch neurologische Störungen sind möglich und wurden in Europa im Zusammenhang mit SHAV-EU1 bei Pferden beobachtet. Wernike sagte, dass Gnitzen hierzulande die alleinigen bisher bekannten Überträger des Shamonda-Virus seien und riet daher, den Stechmückenschutz zu intensivieren, etwa durch eine Veränderung der Luftzirkulation in den Ställen. Auch wenn unter Praxisbedingungen kein hundertprozentiger Schutz zu erreichen sei, so sollte dennoch versucht werden, die Exposition gegenüber Stechmücken zu reduzieren. Auch wies Wernike darauf hin, dass Blutproben unbedingt in der Fieberphase abzunehmen sind. Die Virämie halte in der Regel 4-6 Tage lang an. Es ließe sich derzeit noch nicht abschätzen, ob und inwieweit Infektionen trächtiger Tiere wie beim Schmallenberg-Virus zu Schädigungen der Feten führen können. Darum sollten Aborte, Totgeburten und missgebildete Kälber oder Lämmer aufmerksam untersucht werden. Weitere Informationen sind einem am 09.09.2026 aktualisierten FAQ des FLI zum Shamonda-Virus zu entnehmen: FLI FAQ: Shamonda-Virus

Die Katze ist kein kleiner Hund

Dr. Esther Haßdenteufel, Leiterin der Abteilung Emergency & Critical Care der JLU Gießen, hielt einen praxisnahen, gut komprimierten Vortrag über Katzen als Patienten auf der Intensivstation, in dem sie neben dem höheren Risiko für eine Volumenüberladung bei dieser Tierart auch auf die Blutgruppen einging, und was bei Transfusionen bei Katzen zu beachten ist.

Im Unterschied zum Hund liegen bei Katzen präformierte Antikörper vor, was das Vorgehen, neben der Tatsache, dass Spendertieren nur geringe Blutvolumina abgenommen werden können, deutlich komplizierter gestalte. So haben Katzen mit der Blutgruppe B, die häufiger bei Britisch Kurzhaar auftrete, sehr starke Anti-A-Antikörper im Blut. In einer idealen Welt kämen die Leute mit einer anämischen 3-kg-Katze in die Klinik und hätten bereits eine 10-kg-Spenderkatze mit gleicher Blutgruppe und passender Kreuzprobe im Schlepptau, so Haßdenteufel. Eine einmalige Transfusion vertragen Katzen in aller Regel gut, auch von einem Hund als Spendertier, jedoch dürfen sie niemals eine zweite Transfusion von einem Hund erhalten. Im Empfängertier entstehen Antikörper nach einem Zeitraum von 24-48 Stunden, die bei erneuter Transfusion zu einer tödlichen Hämolyse führen.

Abschließend streifte Haßdenteufel noch die Ursachen für Dyspnoe, die bei felinen Patienten in absteigender Reihenfolge kardial, respiratorisch, neoplastisch oder traumatisch bedingt sein können. Katzen mit Dyspnoe sollten mit äußerster Vorsicht behandelt werden, die Tiere dürfen nicht gestresst, insbesondere keinerlei Zwangsmaßnahmen angewandt werden. Auch ist von einer Seitenlagerung für ein Notfall-Röntgen abzusehen. Bei ausreichend stabilem Zustand des Tieres kann eine dorsoventrale Aufnahme zur Abklärung der Ursache versucht werden. Kardiologische Notfallpatienten sind in einem Sauerstoffkäfig unterzubringen und Furosemid und Enoxaparin oder Clopidogrel zu verabreichen, wobei Letzteres bei Katzen in Notfallsituationen schwieriger zu verabreichen sei, wie Haßdenteufel ergänzte. (sg)