Tinnitus-App: Wachsende Evidenz für Wirksamkeit digitaler Anwendungen?12. Mai 2026 Foto: Zerbor/stock.adobe.com Dass kognitive Verhaltenstherapie Patienten beim Umgang mit chronischem Tinnitus gut hilft, ist belegt – auch via App. Jetzt haben japanische Forschende eine von ihnen entwickelte Tinnitus-App in einer randomisierten doppelt-verblindeten Studie getestet. In Deutschland sind derzeit zwei Tinnitus-Apps, die mit kognitiver Verhaltenstherapie arbeiten, im Verzeichnis für Digitale Gesundheitsanwendungen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) dauerhaft gelistet. Sie können verordnet werden und sind damit für die Regelversorgung bei chronischem Tinnitus verfügbar. Bei beiden ist die Wirksamkeit durch randomisierte, kontrollierte Studien belegt. Allerdings diente als Kontrolle jeweils eine Gruppe von Studienteilnehmern mit chronischem Tinnitus, die keine App zur Verfügung hatte und nur eine Standardversorgung erhielt. Generell empfiehlt die aktuell gültige S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ neben einer ausführlichen Diagnostik ein Tinnituscounselling. Als mögliche Therapieoptionen werden eine Hörgeräteversorgung bei gleichzeitiger Beeinträchtigung des Gehörs, Tinnitus-Retraining-Therapie und kognitiver Verhaltenstherapie. Mit Blick auf letztere verweist die Leitlinie auf das Problem der Verfügbarkeit für Face-to-face-Angebote zur kognitiven Verhaltenstherapie bei Tinnitus. Als Alternative nennt die Leitlinie internetbasierte Angebote oder angeleitete Selbsthilfe. Evaluation der Tinnitus-App Schein-App als Kontrolle Die Studie des japanischen Teams um Dr. Koichiro Wasano von der Tokai University School of Medicine in Kanagawa setzte auf eine Schein-Intervention als Kontrolle. Den Teilnehmern der Kontrollgruppe wurde ebenfalls eine App zur Verfügung gestellt – allerdings ohne therapeutische Funktionen. Wie die Autoren betonten, sei ihrer Studie die erste, die eine Schein-App als Kontrolle einsetzt. Die Studie ist in „JAMAOtolaryngology–Head & Neck Surgery“ veröffentlicht. Die doppelblinde, randomisierte, kontrollierte Studie mit Schein-Intervention umfasste eine 16-wöchige Behandlungsphase, gefolgt von einer achtwöchigen Nachbeobachtungsphase. Eingeschlossen wurden Patienten mit chronischem Tinnitus, der die Betroffenen belastete. Die Teilnehmer nutzten entweder eine Schein-App oder die von Wasano et al. entwickelte Tinnitus-App. Edukative Beratung, Entspannungsübungen, kognitive Verhaltenstherapie Diese therapeutische App setzte auf edukative Beratung, angeleitete Entspannungsübungen und weitere Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie zur Behandlung chronischer Tinnitus-Symptome. Während der Nachbeobachtungsphase wurden die therapeutischen Funktionen der Tinnitus-App deaktiviert, sodass nur noch die Aufzeichnungsfunktionen verfügbar waren. Die Schein-App hatte ähnliches Layout und allgemeine Informationen wie die Therapie-App, aber keine Tinnitus-spezifischer Beratung oder Elementen kognitiver Verhaltenstherapie. Stattdessen enthielt die App nur kurze Erklärungen. Außerdem wurde die Bedeutung der Selbstbeobachtung betont. Auch die Schein-App verfügte über Aufzeichnungsfunktionen. Als primären Endpunkt setzten die Forschenden die Veränderung des Tinnitus-Handicap-Inventory(THI)‑Scores vom Ausgangswert bis Woche 16 fest. Der THI-Score dient als ein Maß für tinnitusbedingte Belastung und funktionelle Beeinträchtigung. Sekundäre Endpunkte waren patientenberichtete Maße inklusive THI, Tinnitus-Functional-Index, numerische Ratingskalen für Tinnituslautstärke und -kontrolle, Hospital-Anxiety-and-Depression-Scale, Athens-Insomnia-Scale sowie die Patient-Global-Impression-of-Improvement-Scale. Signifikante Verbesserung des THI-Scores Insgesamt schloss das Team 60 Teilnehmer (33 [55%] weiblich; Median [IQR] Alter 58,5 [52,0–64,0] Jahre) ein, davon 30 in die Gruppe mit therapeutischer App und 30 in die Schein‑Kontrollgruppe. Der mittlere THI‑Ausgangswert betrug 41,3 (SD: 16,9). Nach 16 Wochen zeigte die Gruppe mit therapeutischer Tinnitus-App eine signifikant stärkere Verbesserung der THI‑Scores im Vergleich zur Schein‑Kontrollgruppe (Gruppenunterschied in der Veränderung: −20,4, 95%-Konfidenzintervall[KI] −28,2 bis −12,6). Der therapeutische Effekt blieb bis Woche 24 erhalten (mittlerer Gruppenunterschied: −18,3, 95%-KI: −26,4 bis −10,1). Bei einem Patienten der Schein‑Kontrollgruppe verschlechterte sich der Tinnitus. Die Autoren beobachteten im Rahmen der Studie keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse oder Gerätefehlfunktionen mit potenzieller Gesundheitsgefährdung. Insgesamt habe ihre klinische Studie zeigen können, dass die Nutzung einer therapeutischen Tinnitus‑App zu einer deutlichen und anhaltenden Verbesserung der tinnitusbedingten Belastung und funktionellen Beeinträchtigung führt, schreiben die Autoren. Sie gehen davon aus, dass die App als wirksame und standardisierte Intervention für Personen mit chronischem Tinnitus dienen könnte. Bislang gibt es ein solches Angebot nach Darstellung der Studienautoren nicht. Zudem sei der Zugang zur kognitiven Verhaltenstherapie für Patienten mit chronischem Tinnitus begrenzt – obwohl die kognitive Verhaltenstherapie auch Teil der japanischen Leitlinien ist. (ja/BIERMANN)
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