Tinnitus und Serotonin: Studie legt Zusammenhang nahe

Foto: Ivelin Radkov/stock.adobe.com

Eine aktuelle Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen Serotonin und Tinnitus: Demnach könnte der Neurotransmitter die Ohrgeräusche verstärken. Wichtig zu wissen könnte das etwa für Menschen mit Depressionen sein, die SSRI einnehmen.

Forschende der Oregon Health & Science University (USA) und der Anhui University in China stellten in einem Mausmodell fest, dass erhöhte Serotonin-Spiegel im Gehirn auch zu verstärkten verhaltensbezogenen Tinnitus-Symptomen führten. Die Ergebnisse hat das Team um Erstautorin Meng-Ting Yu von der Anhui University in den Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht.

Nach Einschätzung von Prof. Laurence Trussell vom Oregon Hearing Research Center seien die Ergebnisse aus dem Labor trotzdem relevant für Tinnitus-Patienten. Diese sollten gemeinsam mit ihrem behandelnden Arzt ein Medikamentenregime finde, das ein Gleichgewicht zwischen Kontrolle psychiatrischer Symptome und Minimierung von Tinnitus schafft, so Trussells Rat.

„Berichte von Patienten ernst nehmen“

Der Co-Seniorautor betonte: „Diese Studie unterstreicht, wie wichtig es ist, dass Kliniker Berichte von Patienten über medikamentenbedingte Verschlechterungen des Tinnitus erkennen und ernst nehmen.“ Zu diesen Medikamenten gehört eine häufig eingesetzte Klasse von Antidepressiva, die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs). Sie lindern Symptome von mittelschwerer bis schwerer Depression und Angst, indem sie den Serotoninspiegel im Gehirn erhöhen.

„Wir hatten bereits vermutet, dass Serotonin am Tinnitus beteiligt ist, wussten aber nicht genau, wie“, erläuterte Co-Autor Dr. Zheng-Quan Tang von der Anhui University die Ausgangsfrage zu einem möglichen Zusammenhang zwischen Tinnitus und Serotonin. Jetzt haben er und sein Team im Mausmodell einen spezifischen neuronalen Schaltkreis identifiziert, der Serotonin direkt mit dem Hörsystem verbindet. Er kann zudem tinnitusähnliche Effekte auslösen. „Als wir diesen Schaltkreis ausgeschaltet haben, konnten wir den Tinnitus deutlich abschwächen“, so Tang über wesentliche Ergebnisse der Experimente.

Tinnitus und Serotonin: „Ein empfindliches Gleichgewicht“

Aufbauend auf früheren Studien nutzten die Forschenden Optogenetik, um serotoninerge Neuronen zu aktivieren. Die Kernfrage der Studie: Moduliert ein serotonerger Input vom Nucleus raphe dorsalis (DRN) zum Nucleus cochlearis posterior (DCN) Verhaltensweisen bei Mäusen, die mit dem Vorhandensein von Tinnitus vereinbar sind? Hyperaktivität des DCN, der zentralen auditorischen Hirnregion, ist mit Tinnitus assoziiert.

Dem Team gelang es, eine anatomisch und funktionell definierte serotonerge Subpopulation im DRN zu identifizieren, die zum DCN projiziert (5-HTDRN→DCN ‑Neurone). Dazu nutzen sie neuronale Tracing-Methodik und viral-genetische Verfahren. Die optogenetische Aktivierung dieses Schaltkreises erhöhte die Spike-Aktivität von fusiformen Zellen im DCN. Außerdem zeigten sich Charakteristika, die mit tinnitusähnlicher elektrischer Hyperaktivität übereinstimmen.

Mäuse zeigten tinnitusbezogenes Verhalten

Die Forscher analysierten auch das Verhalten der Mäuse, um den Zusammenhang zwischen Tinnitus und Serotonin weiter zu beleuchten. Sie testeten die Verhaltensreaktionen der Mäuse mittels einer modifizierten Form des akustischen Schreckreflexes. Dabei konnten sie beobachten, dass die chemogenetische Aktivierung des 5-HTDRN→DCN‑Schaltkreises tinnitusbezogene Verhaltensweisen bei den Mäusen induzierte. „Mit anderen Worten: Es entstehen Symptome, die wir beim Menschen als Tinnitus erwarten würden“, erklärte Trussel.

Diese Verhaltensweisen konnten weitgehend durch die Blockade von 5-HT2A-Rezeptoren rückgängig gemacht werden. Außerdem stellten die Studienautoren fest, dass Lärmbelastung sowohl die 5-HT-Spiegel im DCN als auch die Aktivität der 5-HTDRN→DCN ‑Neurone bei Mäusen mit lärminduzierten tinnitusähnlichen Verhaltensweisen steigerte.

Wie die Autoren besonders betonen, reduzierte die chemogenetische Hemmung dieses Schaltkreises tinnitusbezogenes Verhalten nach Lärmexposition signifikant. „Diese Ergebnisse zeigen, dass die Aktivierung des 5-HTDRN→DCN‑Schaltkreises eine Hyperaktivität im DCN hervorruft, die ausreichend ist für die Wahrnehmung und Modulation von Tinnitus“, schreiben Yu et al. Damit lieferten die Befunde direkte Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Tinnitus und Serotonin – also dafür, dass serotonerge Neurone im DRN eine wichtige Rolle bei Tinnitus spielen.

Tinnitus und Serotonin – Erfahrungsberichte über Verschlechterung unter SSRIs

Trussel wies außerdem darauf hin, dass die Studienergebnisse mit den Erfahrungen von Menschen übereinstimmen, die berichten, dass sich ihr Tinnitus unter serotoninsteigernden Medikamenten wie SSRIs verschlechtert.

„Unsere Studie deutet auf ein empfindliches Gleichgewicht hin“, konstatierte Trussel. Seine Hoffnung für die Zukunft: „Möglicherweise lassen sich in Zukunft zell- oder regionsspezifische Medikamente entwickeln, die den Serotoninspiegel in bestimmten Hirnregionen erhöhen, in anderen jedoch nicht. Auf diese Weise könnte man die positiven antidepressiven Effekte von den potenziell schädlichen Auswirkungen auf das Hörsystem trennen.“ (ja/BIERMANN)