Torik: Nicht nur Zylinderkorrektur, sondern Paradigmenwechsel

Anhand der torischen IOL zeigt Georg Gerten in seiner Keynote-Lecture, wie eng Diagnostik, Biometrie, operative Technik und refraktives Ergebnis in der modernen Linsenchirurgie mit­einander verknüpft sind (Symbolbild). Foto: © Oktay – stock.adobe.com

Torische Intraokularlinsen (IOL) gehören heute zu den zentralen Werk­zeugen einer refraktiv orientierten Katarakt­chirurgie. Ihre klinische Bedeutung reicht dabei weit über die reine Zylinderkorrektur hinaus, denn sie sind Ausdruck eines grundlegenden Paradigmenwechsels.

von Dr. Georg Gerten

Kataraktchirurgie wird zunehmend nicht nur als trübungsbeseitigende, sondern als optisch planende und funktionell ausgerichtete Chirurgie verstanden. Die für die DOC 2026 angekündigte Keynote-Lecture von Dr. Georg Gerten zur „Entwicklung und aktuellen Bedeutung torischer IOL“ nimmt diesen Wandel in den Blick. An der Torik lässt sich exemplarisch zeigen, wie eng Diagnostik, Biometrie, operative Technik und refraktives Ergebnis in der modernen Linsenchirurgie mit­einander verknüpft sind.

Von starren PMMA-Linsen bis zur heutigen Faltlinsentechnik

Die historische Entwicklung torischer IOL verlief nicht geradlinig, sondern war durch einen schrittweisen Erkenntnisgewinn geprägt. Frühe Modelle der 1990er-Jahre basierten noch auf starren Polymethylmethacrylat(PMMA)-Linsen. Der durch den operativen Zugang induzierte Astigmatismus musste in die Planung einbezogen werden, während die Rotationsstabilität unzureichend blieb. Erst das Zusammenspiel aus astigmatismusarmer Phakochirurgie, präziserer Biometrie, spezialisierten Berechnungsverfahren, faltbaren IOL-Plattformen und weiterentwickelten Haptikdesigns ermöglichte die Transformation eines prin­zipiell überzeugenden Konzeptes in ein klinisch verlässliches refraktives Verfahren1–3. Schon früh war erkennbar, dass optimierte Linsenplattformen und dedizierte Rechenmodelle die Ergebnisqualität weiter steigern und den Weg zu komplexeren IOL-Konzepten ebnen würden.

Zu den Pionieren dieser Phase in Deutschland gehört maßgeblich Hans-Reinhard Koch, dessen frühe gemeinsame Arbeiten mit Georg Gerten zur astigmatischen Korrektur mit torischen IOL ebenso hervorzuheben sind wie die gemeinsame Entwicklung einer faltbaren dreistückigen torischen IOL mit Z-Haptikdesign und ver­besserter frühpostoperativer Rota­tionsstabilität1,4. Die Geschichte der Torik ist damit nicht nur eine Geschichte technischer Verfeinerung, sondern auch eine Geschichte refraktiver Vordenker, die die Kataraktchirurgie früh als optische Präzisionschirurgie verstanden haben.

Mit wachsender refraktiver Zielgenauigkeit in der Kataraktchirurgie ist die klinische Bedeutung der Torik kontinuierlich gestiegen. Was früher ein Spezialfall für höhere Zylinder war, ist heute für viele Operateure ­fester Bestandteil einer konsequent refraktiv gedachten Versorgung. Damit änderte sich auch die Fragestellung. Im Vordergrund steht heute nicht mehr, ob ein kornealer Astigmatismus durch eine torische IOL grundsätzlich korrigiert werden kann. Entscheidend ist vielmehr, unter welchen diagnos­tischen und operativen Voraussetzungen die Korrektur reproduzierbar, präzise und langfristig stabil gelingt.

Indikation und Patientenselektion

Ein weitgehend regulärer, orthogonaler Hornhautastigmatismus von mehr als 1 dpt gilt als sichere Grundlage für die torische IOL-Implantation im ­Rahmen der Kataraktchirurgie.1,3,5 Gleichzeitig darf diese Schwelle nicht ­schematisch angewendet werden. Entscheidend ist nicht die formale Idealkonfiguration der Hornhaut, sondern die Frage, ob ein wesentlicher Anteil des Astigmatismus regulär und reproduzierbar messbar ist. In diesem Sinne kann auch nach Keratoplastik (KPL) eine torische Versorgung indiziert sein, wenn ein Teil des Astigmatismus irregulär ist, beispielsweise nach KPL5–7. Selbst wenn noch Änderungen der Cornea im Raume stehen, ist dennoch eine torische Versorgung möglich. Eine torische IOL kann auch als Add-On-IOL zur Sulcus-Implantation gefertigt werden8. So kann ein astigmatisches Auge mit der Kombination einer HKL im Kapselsack und einer torischen Add-On-IOL im Sulcus optisch gut versorgt werden. Bei Änderung des cornealen Astigmatismus kann die Add-On-IOL auch noch Jahre nach der Implantation getauscht werden. Darüber hinaus eignen sich torische Add-On-IOL in Sekundär­implantation auch zum Ausgleich von Ametropien beziehungsweise Astigmatismen in pseudophaken Augen.

Die sorgfältige Patientenselektion bleibt damit eine der entscheidenden Voraussetzungen für den Therapie­erfolg. Neben Hornhauttopographie und Tomographie sind die Stabilität der Augenoberfläche, die Reproduzierbarkeit der Messwerte und die anatomischen Eigenschaften des ­Kapselsackes zu berücksichtigen, da ein torisches Implantat einen dauerhaft stabilen Sitz erfordert. Ebenso müssen Begleitpathologien der ­Hornhaut oder des hinteren Augen­abschnittes in die Entscheidung ­einbezogen werden. Torische Katarakt­chirurgie beginnt also mit der präoperativen Klärung, welche optische ­Störgröße tatsächlich vorliegt und in welchem Ausmaß sie verlässlich korrigiert werden kann5 (Abb. 1).

Abb. 1: Häufigkeitsverteilung des kornealen Astigmatismus nach Dioptrien-Klassen bei Kataraktpatienten (n ≈ 5662). Orangefarbene Balken: Bereich ≥ 1,0 dpt; rote Balken: ≥ 2,0 dpt. Quellen: Wu et al. J Ophthalmol 20209; Bian et al. Graefes Arch 202410. Bildquelle: Gerten

Premiumanspruch verschärft die Refraktionsziele

Im Kontext moderner Premium­versorgung gewinnt die konsequente Astigmatismuskorrektur nochmals an Bedeutung. Je höher der Anspruch an unkorrigiertes Sehen in Ferne, Intermediär- und Nahbereich, desto weniger verzeihlich wird ein verbliebener Zylinder. Presbyopiekorrigierende Optiken  (multifokal, EDOF etc.) sind in ihrer Wirksamkeit besonders empfindlich gegenüber verbleibenden optischen Fehlern. Ein residualer Astigmatismus im System Cornea/IOL von 1,0 dpt oder mehr kann den presbyopiekorrigierenden Effekt bereits substanziell kompro­mittieren. Bei multifokalen IOL-­Konzepten sollte die Indikations­grenze für eine torische IOL daher bereits ab einem kornealen Astigmatismus von 0,75 dpt großzügiger geprüft werden als in der klassischen monofokalen Versorgung11,12.

Auch epidemiologisch ist das relevant. Für Astigmatismus von mehr als 1,0 dpt berichten Übersichten je nach Alter und Kollektiv stark schwan­kende Häufigkeiten. Für die Allgemeinbevölkerung liegen große Kohorten bei rund 29 Prozent13, für die Kataraktpopulation typischerweise zwischen 34,8 und 41,3 Prozent9,10. Damit ist Torik keine Randindikation, sondern für einen relevanten Anteil der Katarakt­chirurgie ein zentrales Thema.

Achsengenauigkeit entscheidet

Abb. 2: Veränderung der Gesamtzylinderstärke (rote Kurve) und -achse (blaue Linie) in Abhängigkeit von der Rotation einer torischen IOL. Bei +15° Fehlrotation: ungewollte Achsrotation von circa -37° und Verlust der Zylinderkorrektur von knapp 50 Prozent. Bildquelle: Gerten

Die eigentliche operative Heraus­forderung liegt in der Achsgenauigkeit. Während bei punktsymme­trischen optischen Fehlern vor allem Dezentrierung und Verkippung kritisch sind, ist bei der Astigmatismuskorrektur die Kongruenz der Achsen von Kornea und Implantat ausschlaggebend. Bereits eine Fehlrotation von etwa 15° führt zu einem Verlust von ungefähr 50 Prozent der gewünschten Zylinder­korrektur3,5 (Abb. 2).

Aus diesem Zusammenhang erklärt sich, warum scheinbar marginale technische Details tatsächlich ergebnisentscheidend sind. Die präoperative Achsmarkierung am sitzenden Patienten, die Berücksichtigung möglicher Bulbusrotationen durch Anästhesie oder Lagerung, eine astigmatismusneutrale Inzisionsführung, eine präzise Implantationsachse sowie die vollständige Entfernung des Viskoelastikums sind keine peripheren Aspekte, sondern konstitutive Elemente der refraktiven Gesamtpräzision. Bereits früh wurde darauf hingewiesen, dass Hyaluronsäure-haltige Viskoelastika bevorzugt werden sollten, da verbliebene Methylzellulose postoperativ wie ein Gleitfilm wirken und eine Linsenrotation begünstigen kann5.

Dies zeigen bereits die ersten klinischen Ergebnisse in Kleinschnittchirurgie implantierter IOL. In einer Kölner Serie mit faltbaren torischen IOL der ersten Generation sank der mitt­lere Gesamtastigmatismus durch torische IOL-Implantation von 3,75 dpt präoperativ auf 0,84 ± 0,53 dpt post­operativ. 85 Prozent der IOL lagen stabil innerhalb von zehn Grad um die Zielachse. In fünf Prozent der aus­gewerteten Augen wurde eine Nach­rotation erforderlich. Sie erfolgte zwischen der dritten und sechsten postoperativen Woche und führte zur Stabilisierung der IOL-Position5. Der Erfolg torischer IOL ist in hohem Maße ein Erfolg der Lagekontrolle.

Doppelwinkelplot und Komplikationsmanagement

Abb. 3: Vektordarstellung der IOL-Fehlrotation im Doppelwinkel-Diagramm (links): präoperativer Astigmatismus (gelb); gewollte Induktion (TIA, rot); tatsächlich erreichte Induktion (SIA, grün); postoperativer Restastigmatismus (blau). Doppelwinkel-Diagramm von 58 torischen IOL-Implantationen (rechts): kornealer Astigmatismus präoperativ (rot), Gesamtastigmatismus (subjektive Refraktion) postoperativ (grün). Bildquelle: Gerten

Für die Interpretation torischer Ergebnisse ist der Doppelwinkelplot besonders hilfreich. Er erlaubt es, Astigmatismus nicht nur anhand der Zylinderstärke, sondern auch anhand seiner Achse auszuwerten. So wird sichtbar, wie sich präoperativer Astig­matismus, geplante astigmatische Korrektur und tatsächlich induzierter Astigmatismus zueinander verhalten. Das macht den Doppelwinkelplot für die Bewertung von Residualastigmatismus und Fehl­rotationen deutlich aussagekräftiger als die isolierte Angabe eines mittleren Restzylinders3,5 (Abb. 3).

Auch das postoperative Management ist integraler Bestandteil des Konzepts. Wenn das refraktive Ergebnis unbefriedigend ist, muss die Analyse strukturiert erfolgen. Zu prüfen sind zunächst die präopera­tiven Daten: Wurden Keratometrie und Biometrie korrekt erhoben, richtig übertragen und optisch plausibel berechnet? Danach ist die Operationstechnik zu hinterfragen: Liegt ein chirurgisch induzierter Astigmatismus vor, und entsprechen die post­operativen Keratometriewerte den prä­operativen Annahmen? Erst im nächsten Schritt ist der postoperative Befund mit Blick auf Vorderkammertiefe, Wunddichtigkeit, Hypotonie und insbesondere auf eine mögliche IOL-Fehlrotation zu bewerten5. Hier sind verschiedene Programme oder Apps hilfreich.

Abb. 4: Torische IOL nach Nachrotation. Blaue Pfeile: ideale Markierungs-position bei 137°; gelbe Pfeile: Fehlposition vor der Nachkorrektur bei 157°. Bildquelle: Gerten

Vor allem eine Fehlrotation des Torus sollte vermieden beziehungsweise, falls nötig, operativ korrigiert werden. Für die Nachrotation gilt ein enges, aber klinisch sinnvolles Zeitfenster. Eine zu frühe Korrektur birgt das Risiko, dass der sich noch stabilisierende Kapselsack die Linse erneut in eine ungünstige Stellung zurückdreht. Ein zu spätes Vorgehen kann dagegen durch Verklebung und Fibrosierung erschwert werden.

Als günstiger Zeitraum gilt daher die dritte bis sechste postoperative Woche. Klinisch relevant wird eine Fehlrotation in der Regel ab mehr als zehn Grad. Dann sollte eine chirur­gische Korrektur ernsthaft geprüft werden1,5,14 (Abb. 4).

Torik als Gradmesser moderner Linsenchirurgie

Die aktuelle Bedeutung torischer IOL (Abb. 5) erschließt sich auf mehreren Ebenen. Erstens ermöglichen sie die gezielte Korrektur eines optischen Fehlers, der mit der Entwicklung Astigmatismus-neutraler OP-Techniken immer größere Bedeutung erlangte. Zweitens erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit eines refraktiv präzisen Ergebnisses und reduzieren dadurch die postoperative Brillen­abhängigkeit substanziell. Drittens machen sie sichtbar, dass moderne Katarakt­chirurgie nur dann konsequent refraktiv ist, wenn kornealer Astigmatismus nicht als Nebenbefund, sondern als zentrale Planungsgröße behandelt wird. Viertens erfordern sie einen integrierten Workflow, in dem Dia­gnostik, Biometrie, operative Ausführung und Nachsorge eng aufein­ander abgestimmt sein müssen und damit als Qualitätsindikator für das gesamte chirurgische Konzept wirken.

Abb. 5: Geschätzter Anteil torischer IOL-Implantationen an allen Kataraktoperationen in Europa, Deutschland und weltweit (2000–2024). Quellen: DGII-Jahreserhebung16; ESCRS Clinical Trends Survey 2014–202417; Fortune Business Insights/Market Scope18. Werte sind Schätzungen auf Basis verfügbarer Umfrage- und Marktdaten. Bildquelle: Gerten
QR-Code zur Tori-App

Für die praktische Veranschau­lichung der optischen Zusammen­hänge zwischen kornealem Astig­matismus, torischer IOL-Achse und den Auswirkungen einer Fehlrotation stehen heute verschiedene digitale Hilfsmittel zur Verfügung. Für die ­intraoperative Planung einer Nach­rotation bietet insbesondere die Tori-App15 eine übersichtliche und klinisch bewährte Grundlage. Mit dem nebenstehenden QR-Code gelangen Sie zur Tori-App, die einen praxisnahen Überblick über die Auswirkungen einer Fehlrotation des Torus und über operative Möglichkeiten zur Korrektur einer solchen Fehlrotation bietet.

Die Keynote auf der DOC 2026 wird damit nicht nur eine Rückschau auf die Entwicklung torischer Plattformen bieten, sondern zugleich eine Standortbestimmung: torische IOL als Gradmesser dafür, wie viel Präzision und Konsequenz die moderne Linsen­chirurgie tatsächlich beansprucht.

H 3.6, Keynote-Lecture: Entwicklung und aktuelle Bedeutung torischer IOL
Donnerstag, 18.06., 13.50 bis 14.10 Uhr, Saal Tokio


Dr. Georg Gerten (Köln) ist ein international anerkannter Ophthalmochirurg mit den Schwerpunkten Refraktive Chirurgie/Katarakt, Netzhauterkrankungen und Hornhauterkrankungen. Auf Fachkongressen hält er regelmäßig Vorträge, leitet Weiterbildungskurse für Augenärzte und bildet Augenchirurgen in der Implantation von Intraokularlinsen aus. Er ist Gründer und Leiter des MVZ Perfektes-Sehen in Köln. Foto: © GaBef

Referenzen

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2. Langenbucher A et al. Difficult lens power calculations. Curr Opin Ophthalmol 2004;15:1–9.
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4. Gerten G et al. Astigmatismus-Korrektur mit torischen Intraokularlinsen. Sitzungsbericht der 159. Versammlung des Vereins Rheinisch-Westfälischer Augenärzte 1997:211–214 (auf Anfrage).
5.
Gerten G. Torische Intraokularlinsen: Patientenauswahl, Ergebnisse, Komplikationsmanagement. Ophthalmo-Chirurgie 2005;17.
6. Amm M et al. Implantation torischer ­Intraokularlinsen zur Korrektur hoher postkeratoplastischer Astigmatismen. Ophthalmologe 2002;99:464–469.
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16. DGII (Deutsche Gesellschaft für Intraokularlinsen-Implantation, interventionelle und refraktive Chirurgie). Jahresberichte zur Kataraktchirurgie in Deutschland. Verschiedene Jahrgänge 2010–2023.
17. ESCRS (European Society of Cataract and Refractive Surgeons). Clinical Trends Survey. Annual surveys 2014–2024. Verfügbar unter: escrs.org
18.
Fortune Business Insights/Market Scope. Intraocular Lens (IOL) Market Reports 2021–2025. Global toric IOL market size, share and industry analysis.