Verschobene Krebs-Operationen: Kein Einfluss darauf, wie gut Tumoren entfernt werden konnten

Ulrich Ronellenfitsch im Operationssaal. Foto: Arvid Rostek/Universitätsmedizin Halle

Während der Corona-Pandemie wurden planbare Krebs-Operationen verschoben. Eine Studie zeigt, dass dies insgesamt betrachtet nicht beeinflusste, ob ein Tumor vollständig entfernt werden konnte.

Dennoch betonen die Autorinnen und Autoren der im Fachjournal „Discover Oncology“ veröffentlichten Arbeit, dass im Einzelfall weiterhin sorgfältig abgewogen werden muss: Es dürfe weder zu unnötigen Verzögerungen noch zu vorschnellen Eingriffen kommen.

„Durch die Pandemie-Maßnahmen geriet die Behandlung vieler Menschen, darunter Krebspatient:innen, teilweise in den Hintergrund. Die Sorge, dass diese Verzögerungen das Tumorwachstum begünstigt, eine Operation erschwert oder die Sterblichkeit erhöht haben könnten, ist zunächst sehr nachvollziehbar“, erklärt Prof. Dr. Ulrich Ronellenfitsch, Experte für Bauchchirurgie bei Krebserkrankungen an der Universitätsmedizin Halle und Letztautor der Studie.

Daten zu Krebs-Operationen von 20.000 Patienten ausgewertet

Deshalb wertete das Team um Ronellenfitsch Daten des internationalen Forschungsnetzwerks „COVIDSurg“ aus, das die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die chirurgische Krebsbehandlung untersucht. Fast 20.000 Patientinnen und Patienten aus 466 Krankenhäusern in 59 Ländern flossen in die Analyse ein. Mehr als 17.000 von ihnen erhielten zwischen Ende März – dem Zeitpunkt des ersten Lockdowns in Deutschland – und Mitte September 2020 eine Krebsoperation.

Die meisten dieser Patienten mussten nach der Entscheidung für eine Operation drei bis vier Wochen auf den Eingriff warten, 85 Prozent wurden binnen elf Wochen operiert. Allerdings, so betonen die Forschenden, gibt es weltweit abhängig vom jeweiligen Gesundheitssystem große Unterschiede bei den Wartezeiten auf eine Operation, und das auch außerhalb von Pandemien und anderen Krisen. Während sie in Deutschland meist nur wenige Wochen beträgt, kann sie in anderen Systemen deutlich länger sein.

Insgesamt wurden die 15 weltweit häufigsten Krebsarten berücksichtigt, wobei Brustkrebs ein Fünftel der Fälle ausmachte. Die restlichen Krebsarten waren  Darmkrebs, rekatale Tumore, Speiseröhrenkrebs, Magenkrebs, Kopf-Hals-Tumore, Lungenkrebe, Leberkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs, Prostatakrebs, Blasenkrebs, Urotheltumore, Weichteil- und Knochentumore.

Vollständige Tumorentfernung in mehr als 90 Prozent der Fälle

Es zeigte sich, dass die beobachteten Verzögerungen bei Krebs-Operationen insgesamt keinen erkennbaren Einfluss darauf hatten, ob ein Tumor vollständig entfernt werden konnte. „In mehr als 90 Prozent der Fälle war eine vollständige Tumorentfernung möglich. Die Rate sogenannter R0-Resektionen, also Operationen, bei denen kein Tumorgewebe an den Schnitträndern zurückblieb, blieb trotz der Wartezeiten gleichbleibend hoch“, erklärt Prof. Ronellenfitsch.

Ebenso waren längere Wartezeiten nicht mit einer höheren 30-Tage-Sterblichkeit verbunden. Überraschenderweise lag die Sterblichkeit binnen eines Monats nach der Operation sogar bei denjenigen minimal höher, die relativ schnell – das heißt innerhalb von zwei Wochen nach der Entscheidung – operiert wurden.

Dieser Befund lässt sich wie folgt erklären: „Selbstverständlich unterscheiden sich die verschiedenen Tumorarten und Krankheitsstadien in ihrer Dringlichkeit. Es ist anzunehmen, dass komplexe und kritische Fälle trotz aller Umstände meist schneller operiert wurden als weniger komplexe. Die Schwere der zugrundeliegenden Erkrankung erklärt zugleich aber auch eine erhöhte Sterblichkeitsrate“, so Ronellenfitsch.

Langfristige Auswirkungen verschobener Krebs-Operationen bleiben unklar

Die Studie erlaubt jedoch keine Aussagen darüber, ob sich die Verzögerungen langfristig auf das Überleben oder das Rückfallrisiko auswirken. Ebenso sind keine Wertungen zu anderen Faktoren möglich, die die Krebsversorgung während der Pandemie beeinträchtigt haben könnten, wie verpasste Vorsorgetermine und ausbleibende Diagnosen.

„Die Betroffenen und ihre Angehörigen haben verständlicherweise Angst, dass ein Tumor während der Wartezeit außer Kontrolle gerät. Egal, ob mit oder ohne Pandemie, es darf natürlich zu keiner unnötigen Verzögerung kommen. Allerdings sollte auch nichts überstürzt werden. In vielen Fällen ist eine sorgfältige Diagnostik und Vorbereitung Gold wert. Ob ein schneller Eingriff sinnvoll ist oder ob zunächst gezielte Vorbehandlungen erfolgen sollten, muss immer individuell entschieden werden“, fasst Ronellenfitsch zusammen.