Vielfalt der Parkinson-Krankheit: Brauchen wir neue Diagnosekriterien?1. April 2022 Wenn beim Morbus Parkinson erste motorische Symptome auftreten, ist die Neurodegeneration schon weit fortgeschritten. (Foto: ©Orawan- stock.adobe.com) Zum Zeitpunkt des Auftretens individuell variabler Symptome besteht der Morbus Parkinson meist schon seit Jahren oder Jahrzehnten. Um rechtzeitig entsprechende Therapien beginnen zu können, muss Parkinson früh erkannt und klar diagnostiziert werden. Dies wurde auf dem Deutschen Kongress für Parkinson und Bewegungsstörungen 2022 deutlich. Im klinischen Alltag haben sich die internationalen Diagnosekriterien der UK Parkinson’s Disease Society Brain Bank (1998) und der International Movement Disorder Society (MDS, 2015) bewährt. Sie beruhen jedoch allein auf dem Vorliegen motorischer Symptome sowie dem positiven Ansprechen auf die Dopamin-Vorstufe L-Dopa. „Dabei weist in den letzten zehn Jahren eine zunehmende Zahl gut belegter Studien darauf hin, dass bereits zum Diagnosezeitpunkt die Anzahl nichtmotorischer Symptome eine erhebliche Rolle spielt“, erklärte Prof. Claudia Trenkwalder, Leiterin des Kompetenznetzwerks Parkinson und Bewegungsstörungen an der Paracelsus-Elena-Klinik in Kassel, anlässlich des Deutschen Kongresses für Parkinson und Bewegungsstörungen 2022. Zudem hätten neue Erkenntnisse zu potenziellen Biomarkern sowie genetischer Prädisposition und die Optimierung bildgebender Verfahren wie Magnetresonanztomographie wesentlich zur Früherkennung und Prognoseabschätzung beigetragen. „Wir müssen daher die Diagnosekriterien erweitern, um sogenannte Biomarker einzubeziehen und die Variabilität unter den Patientinnen und Patienten zu berücksichtigen.“ Parkinson-Diagnose: Nichtmotorische Symptome stärker berücksichtigen Für die Diagnose der Parkinson-Krankheit sind motorische Symptome wie Akinese, Rigor oder Tremor sowie ein positives Ansprechen auf L-Dopa von zentraler Bedeutung. Zum Diagnosezeitpunkt sollten laut Auffassung der Expertin jedoch auch nichtmotorische Symptome stärker berücksichtigt werden. Das Spektrum ist groß und umfasst beispielsweise Riechstörungen, autonome Störungen wie gastrointestinale Störungen (Obstipation, Magenentleerungs-Störungen), aber auch Störungen der Schweißdrüsen- und Talgsekretion, orthostatische Hypotonie, kognitive Störungen aller Schweregrade bis zur Demenz und psychiatrische Störungen wie Depression und Halluzinationen sowie Schlafstörungen, insbesondere die Traum-Schlaf-Verhaltensstörungen (RBD), aber auch Tagesschläfrigkeit. Kognitive Störungen und psychiatrische Störungen können sich auch wechselseitig beeinflussen. „Beeinträchtigungen der Kognition begünstigen scheinbar depressive Symptome bei PatientInnen mit Parkinson, sodass eine frühe Aufklärung und spezifische Interventionen nötig sind“, empfahl Trenkwalder. Neue Biomarker zur Früherkennung von Parkinson Darüber hinaus wurden in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche Biomarker bei Parkinson entdeckt, die eine frühe Diagnose der Parkinson-Erkrankung ermöglichen. Als neue Biomarker mit diagnostischer Relevanz werden derzeit zum Beispiel Alpha-Synuclein-Messungen aus der Zerebrospinalflüssigkeit (Liquor) zur Früherkennung bei Parkinson diskutiert. „Neben Liquor-basierten Biomarkern werden derzeit auch andere Kandidaten aus Blutproben, Haut und anderen Geweben erforscht, um die diagnostischen Möglichkeiten zur Früherkennung von Parkinson weiter auszubauen“, schilderte Trenkwalder. Auch spezielle Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanztomographie und nuklearmedizinische Methoden können die Diagnose Parkinson bestätigen, ebenso wie molekulargenetische Ansätze. Die Genetik kann eine Diagnose der Erkrankung nicht nur bestätigen, sondern manchmal auch verschiedene Ausprägungsgrade und Verläufe prognostizieren. So wurden aktuell verschiedene Genloki aufgedeckt, die im Zusammenhang mit einem erhöhten Demenzrisiko und Progression bei Parkinson stehen. „Es wird immer deutlicher, dass die Diagnose einer Parkinson-Erkrankung weit über die Einschränkung des Patienten in seiner Beweglichkeit und das Zittern hinausgeht und viele Bereiche der Lebensqualität individuell beeinträchtigt sind. Diagnosekriterien jedoch sollten in einfacher Weise ein komplexes Krankheitsbild unter Berücksichtigung neuer Biomarker für die praktische Anwendung abbilden“, schlussfolgerte Trenkwalder.
Mehr erfahren zu: "DGN kritisiert Übersichtsarbeit zu neuen Alzheimer-Medikamenten" Weiterlesen nach Anmeldung DGN kritisiert Übersichtsarbeit zu neuen Alzheimer-Medikamenten Die aktuelle Cochrane-Analyse kommt zu dem Schluss, dass Beta-Amyloid-Antikörper insgesamt keinen klaren klinischen Nutzen zeigen. DGN-Experten warnen jedoch davor, daraus eine grundsätzliche Wirkungslosigkeit des Prinzips dieser Alzheimer-Medikamente abzuleiten, da zugelassene […]
Mehr erfahren zu: "Leigh-Syndrom: Künstliche Intelligenz hilft bei Suche nach neuen Therapien" Leigh-Syndrom: Künstliche Intelligenz hilft bei Suche nach neuen Therapien Gemeinsam mit einem Team der Universität Luxemburg ist es Düsseldorfer Forschenden unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) gelungen, ein Modell zum besseren Verständnis des Leigh-Syndroms zu etablieren. In dem Zuge […]
Mehr erfahren zu: "Wie ist das menschliche Gehirn entstanden? Was Gehirnorganoide von Weißbüschelaffen leisten" Wie ist das menschliche Gehirn entstanden? Was Gehirnorganoide von Weißbüschelaffen leisten Im Gegensatz zum Menschen haben Weißbüschelaffen sehr kleine und nur wenig gefaltete Gehirne. Dr. Michael Heide, Deutsches Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung, kultiviert aus Primatenstammzellen Gehirnorganoide. Ziel ist es, mit […]