Viszerales Fett ist bei Frauen mit einem höheren Risiko für Belastungsinkontinenz verbunden

DXA-Scanbericht: a) Farbcodierte Körperzusammensetzung, wobei Gelb die Fettmasse darstellt; b) Körpersegmentierung in die androide (A), gynoide (G) und viszerale (VAT) Region; c) Segmentierung der Beckenregion (R1). (Bild: © Ana Jéssica dos Santos Sousa)

Die Ansammlung von viszeralem Fett (Fett zwischen den Organen) erhöht das Risiko für Belastungsinkontinenz bei Frauen signifikant. Eine Studie der Bundesuniversität São Carlos (UFSCar, Brasilien) identifizierte diese Region als den am stärksten mit unwillkürlichem Harnverlust assoziierten Bereich, noch vor dem Gesamtkörperfett.

Die Ergebnisse wurden im „European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology“ veröffentlicht und deuten darauf hin, dass die Körperfettverteilung ein entscheidenderer Faktor als das Körpergewicht selbst für die Entstehung dieser Erkrankung sein könnte.

Belastungsinkontinenz ist gekennzeichnet durch unwillkürlichen Harnverlust bei alltäglichen Aktivitäten wie Husten, Lachen, Heben schwerer Gegenstände oder Sport. „Es handelt sich um ungewollten Harnverlust, der auftritt, wenn der Druck im Unterleib steigt und der Beckenboden ihn nicht mehr halten kann“, erklärt Patricia Driusso, Professorin für Physiotherapie im Bereich Frauengesundheit an der UFSCar und Betreuerin der Studie. Obwohl diese Erkrankung oft ausschließlich mit dem Alter in Verbindung gebracht wird, betrifft sie nicht nur ältere Frauen. „Sie kann Frauen jeden Alters betreffen, auch sehr junge. Die Beckenbodenmuskulatur wird im Laufe des Lebens selten trainiert, und ohne gezieltes Training kann sie schwach werden und ihre Funktion verlieren“, so Driusso.

Die Studie ist Teil einer umfassenderen Forschungsreihe zu Beckenbodenfunktionsstörungen, zu denen auch Harninkontinenz, Stuhlinkontinenz, Gebärmutter- und Blasensenkung (wenn Organe wie Gebärmutter und Blase durch den Scheidenkanal absinken), sexuelle Funktionsstörungen und chronische Beckenschmerzen gehören. In dieser Phase untersuchten die Forscher gezielt den Zusammenhang zwischen Körperfettverteilung und ungewolltem Harnverlust. Die Physiotherapeutin Ana Jéssica dos Santos Sousa, Erstautorin der Studie, führte die Forschung in Zusammenarbeit mit der Western Michigan University in den USA durch.

Studie mit Frauen zwischen 18 und 49 Jahren

Die Ergebnisse basieren auf der Untersuchung von 99 Frauen im Alter von 18 bis 49 Jahren, die in São Carlos rekrutiert wurden. Die Studie konzentrierte sich ausschließlich auf Frauen, da Harninkontinenz in dieser Bevölkerungsgruppe deutlich häufiger auftritt. Bei Männern ist das Problem meist mit einer Prostataoperation verbunden. Bei Frauen spielen mehrere Faktoren eine Rolle, darunter anatomische Gegebenheiten, Schwangerschaft, Menopause und eine stärkere Belastung des Beckenbodens.

Die Teilnehmerinnen mussten keine vorherige Inkontinenzdiagnose haben und wiesen unterschiedliche BMI-Werte (Body-Mass-Index) auf, um verschiedene Profile vergleichen zu können. Die Frauen unterzogen sich einer Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA), die als Goldstandard für die Körperzusammensetzungsanalyse gilt. DXA kann nicht nur die Gesamtmenge an Fett, sondern auch dessen Verteilung in bestimmten Körperregionen messen.

Die Forscher analysierten das Gesamtfett, das Bauchfett (androides Fettgewebe), das Fett im Beckenbereich (gynoides Fettgewebe) und das viszerale Fettgewebe, das zwischen den Organen liegt. Zusätzlich verwendeten sie validierte Fragebögen, um Inkontinenz zu erfassen und deren Auswirkungen auf die Lebensqualität der Frauen zu beurteilen. Etwa 39,4 Prozent der Teilnehmerinnen berichteten von Episoden ungewollten Harnverlusts – ein Wert, der internationalen Schätzungen entspricht.

„Das Problem wird oft nicht gemeldet, aber selbst wenige Episoden ungewollten Harnverlusts deuten darauf hin, dass der Kontinenzmechanismus nicht richtig funktioniert“, warnt die Professorin. Sie merkt an, dass viele Frauen geringfügigen Harnverlust als normal ansehen und ihn für einmalige Vorfälle halten.

Auswirkungen von viszeralem Fett

Die Ergebnisse zeigten, dass Frauen mit einem höheren Körperfettanteil häufiger unter Harninkontinenz litten. Der wichtigste Befund betraf jedoch das viszerale Fett. Dessen Vorhandensein erhöhte die Wahrscheinlichkeit für Belastungsinkontinenz um etwa 51 Prozent. „Das war der stärkste Einflussfaktor. Wir hatten vermutet, dass Fett im Genitalbereich, da es näher am Beckenboden liegt, einen größeren Einfluss hätte, aber es zeigte sich, dass viszerales Fett den Ausschlag gab“, berichtet Driusso.

Ihrer Ansicht nach gibt es zwei mögliche Erklärungen. Die erste ist mechanischer Natur. Wenn sich viszerales Fett in der Bauchhöhle ansammelt, erhöht es den Druck auf die inneren Organe und überlastet den Beckenboden, der die Blase stützt und den Harnfluss kontrolliert. „Übergewicht in dieser Region führt zu einer ständigen Belastung. Mit der Zeit können diese Muskeln ermüden und an Leistungsfähigkeit verlieren“, erklärt die Forscherin.

Der zweite Mechanismus ist metabolischer Natur. Viszerales Fett dient nicht nur als Energiespeicher; es ist metabolisch aktiv und setzt entzündungsfördernde Substanzen frei, die im ganzen Körper zirkulieren. Dieser Prozess kann die Muskelqualität beeinträchtigen und die Kontraktionsfähigkeit, einschließlich der Beckenbodenmuskulatur, verringern. „Wir sprechen hier von einer leichten chronischen Entzündung, die verschiedene Gewebe im Körper betrifft. Das kann auch zu Muskelschwäche beitragen“, erläutert die Professorin.

Übergewicht gilt bereits als Risikofaktor für Harninkontinenz, ebenso wie das Alter, die Menopause, die Anzahl der Schwangerschaften und die Umstände der Geburt. Driusso warnt in Bezug auf die Geburt: „Das Problem ist nicht die Geburt selbst, sondern die geburtshilfliche Versorgung. Unangemessene Eingriffe, wie beispielsweise ein Dammschnitt (Episiotomie), können das Risiko einer Beckenbodenfunktionsstörung erhöhen“, erklärt sie.

Prävention und Behandlung

Laut Driusso ist die Studie wichtig, da sie zeigt, dass Übergewicht und die Fettverteilung im Körper die Entstehung des Problems beeinflussen können, selbst bei Frauen mit normalem BMI. Da es sich jedoch um eine Querschnittsstudie handelt, die die Teilnehmerinnen zu einem einzigen Zeitpunkt untersucht, können die Forscher keinen Kausalzusammenhang herstellen; sie können lediglich eine Assoziation zwischen den Faktoren feststellen. Dennoch tragen die Ergebnisse zur Entwicklung von Präventions- und Behandlungsstrategien bei.

Eine der wichtigsten Behandlungsformen ist die Stärkung der Beckenbodenmuskulatur durch frauenspezifische Physiotherapie. „Heute gibt es zahlreiche Belege dafür, dass das Training dieser Muskeln wirksam ist. Es gilt als Goldstandard in der Behandlung von Belastungsinkontinenz“, so Driusso.

Ihrer Ansicht nach ist professionelle Anleitung unerlässlich, da viele Frauen diese Muskeln nicht selbstständig korrekt anspannen können. „Etwa 30 Prozent der Frauen können sie ohne Anleitung nicht richtig anspannen. Manche führen sogar die gegenteilige Bewegung aus, was die Beschwerden verschlimmern kann“, erklärt sie. Mit der richtigen Anleitung kann das Training innerhalb von etwa drei Monaten zu einer deutlichen Verbesserung führen. Wie jede andere Muskelgruppe benötigt auch der Beckenboden regelmäßiges Training. „Wer aufhört, verliert an Kraft. Es ist eine Routine, die man ein Leben lang beibehalten muss“, sagt sie.

Die Forscher planen die nächsten Schritte ihrer Untersuchung. Dazu gehört der Einsatz von MRT-Scans, um das Einwachsen von Fett in die Muskulatur – ein Phänomen, das als Myosteatose bekannt ist – direkt zu beurteilen. Sie untersuchen außerdem, ob übergewichtige Frauen von speziellen Trainingsprogrammen profitieren können.

Für Driusso unterstreichen die Ergebnisse, wie wichtig es ist, das Thema Harninkontinenz offener anzusprechen. „Harninkontinenz beeinträchtigt die Lebensqualität, schränkt Aktivitäten ein und wird oft übersehen. Sie ist jedoch behandelbar und kann vorgebeugt werden. Am wichtigsten ist, dass Frauen wissen, dass sie nicht damit leben müssen.“

(lj/BIERMANN)

Das könnte Sie zum Thema Belastungsinkontinenz ebenfalls interessieren:

TVT-O-Technik langfristig erfolgreich bei weiblicher Belastungsinkontinenz