Weltweite Analyse: Schmerzen nehmen über die Lebensspanne nicht linear zu

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Nehmen körperliche Schmerzen mit dem Alter und dem damit verbundenen körperlichen Abbau immer mehr zu? Die Ergebnisse einer aktuellen Analyse zu den selbstberichteten Schmerzen von mehr als sechs Millionen Menschen weltweit sprechen dagegen.

Laut den Erkenntnissen der kürzlich im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlichten Studie ist Schmerz kein einheitliches Phänomen. Je nach betroffenem Körperteil zeigen sich unterschiedliche nicht lineare Verlaufsmuster. Der stärkste Anstieg der Schmerzen liegt demnach vor dem 55. Lebensjahr und hängt unter anderem von Faktoren, wie Rauchen, Übergewicht, Einkommen aber auch dem Herkunftsland ab.

Analyse der selbstberichteten Schmerzen von mehr als sechs Millionen Menschen weltweit

Sowohl chronische als auch akute Schmerzen stellen eine bedeutende Belastung dar, die häufig mit psychischen Erkrankungen und Arbeitsausfällen einhergeht. Erkenntnisse darüber, in welchem Alter und unter welchen Risikofaktoren Schmerzen auftreten, sind essenziell, um eine geeignete Prävention zu gestalten.

Unter Leitung von Wissenschaftlern der McGill University in Montreal (Kanada) hat eine internationale Forschungsgruppe nun 902 Datenquellen aus den Jahren 1990 bis 2025 ausgewertet. Die Analyse umfasst den selbstberichteten Schmerz von mehr als sechs Millionen Personen (55 % weiblich) zwischen fünf und über 100 Jahren aus 118 Ländern und Gebieten weltweit. Neben den Prävalenzen der einzelnen Schmerzarten je nach Alter untersuchten die Forschenden auch die Zusammenhänge von Schmerzprävalenz mit geografischen, soziodemografischen und individuellen Faktoren. Laut den Studienautoren handelt es sich damit um eine der bislang umfangreichsten Analysen zur Schmerzepidemiologie.

Größter Anstieg der Schmerzprävalenz in der Lebensmitte

In der Analyse war die Prävalenz von Schmerzen je nach betroffener Körperregion sehr unterschiedlich: sie reichte von etwa zwei Prozent bei Gesichtsschmerzen bis zu 40 Prozent bei Rückenschmerzen. Zudem war die Schmerzprävalenz bei Frauen an allen elf erfassten Körperregionen durchweg höher als bei Männern (Spanne der Risikoverhältnisse: 1,08–1,83), insbesondere aber bei Gesichts-, Kopf- und abdominellen Schmerzen.

Mit Blick auf die Altersstruktur ergab die Studie, dass Schmerzen mit dem Alter nicht linear zunehmen: die Schmerzprävalenz stieg vor dem 55. Lebensjahr am stärksten an. Kopf- und Bauchschmerzen wurden in etwas jüngeren Jahren häufiger berichtet, Rücken-, Hüft- und Knieschmerzen im höheren Alter. Im Gegensatz zu bisherigen Annahmen wiesen ältere Personen aus Ländern mit niedrigem Human Development Index (HDI) eine deutlich höhere Schmerzprävalenz auf als als ältere Personen aus Ländern mit hohem HDI, dies galt insbesondere für Rückenschmerzen.

Risikofaktoren unterscheiden sich zwischen den Regionen

Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht und Einkommen erhöhten die Wahrscheinlichkeit für Schmerzen – vor allem in Ost- und Westeuropa sowie Nord- und Lateinamerika (22 bis 27 Prozent). In Subsahara-Afrika sowie Zentral- und Südasien machen diese Risikofaktoren hingegen weniger als 14 Prozent der Belastung aus – hier scheinen andere Umstände wie körperliche Belastung und eingeschränkter Zugang zu Schmerztherapie relevanter zu sein.

Insgesamt liefert die Studie somit wichtige Hinweise darauf, wo bei der Schmerzprävention angesetzt werden sollte. So plädieren die Studienautoren dafür, Maßnahmen zu Schmerzprävention früher im Lebensverlauf anzusetzen. Dabei müssten jedoch regionsspezifische Unterschiede berücksichtigt werden. Beispielsweise scheint die Vermeidung von Risikofaktoren wie Rauchen und Adipositas in Regionen mit hohem HDI eine größere Rolle zu spielten als in Regionen mit niedrigem HDI. Dort wiederum könnten veränderte Arbeitsbedingungen und ein besserer Zugang zu Schmerztherapie größere Hebel der Schmerzprävention darstellen.

Schmerz ist keine zwangsläufige Folge des Alterns

„Überraschend ist für mich weniger der einzelne Befund als das Muster, das sich über mehr als sechs Millionen Menschen hinweg zeigt: Schmerz nimmt mit dem Alter nicht einfach immer weiter zu“, ordnet der unabhängige Experte Prof. Jonas Tesarz, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Mainz, die Ergebnisse für das Science Media Center (SMC) ein. „Zwar steigt die Wahrscheinlichkeit, irgendwo am Körper Schmerzen zu haben, kontinuierlich an; starke Schmerzen erreichen aber etwa um das 50. Lebensjahr ihren Höhepunkt, generalisierte Schmerzen später und nehmen danach wieder ab. Älterwerden bedeutet also nicht automatisch immer mehr und immer stärkeren Schmerz. Das spricht gegen die verbreitete Vorstellung, Schmerz sei im Wesentlichen eine zwangsläufige Folge von Alter und körperlichem Verschleiß, und ist gut mit einem biopsychosozialen Verständnis von Schmerz vereinbar.“

Weiter betont Tesarz: „Bemerkenswert ist außerdem, dass sich die Schmerzverläufe zwischen Ländern mit unterschiedlichem Entwicklungsstand vor allem im höheren Lebensalter auseinander entwickeln: Schmerz ist weder ein Problem der Wohlstandsländer noch der weniger entwickelten Länder, sondern ein globales Gesundheitsproblem unter sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen.“

Bedeutung für die Schmerzprävention in Deutschland

Für Tesarz ist klar: Schmerz sollte nicht isoliert als körperliches Symptom betrachtet werden. „Klinisch relevanter Schmerz ist nicht einfach ein Zeichen von Alter, Degeneration oder Abnutzung, sondern ein biopsychosoziales Phänomen. Entscheidend ist deshalb nicht allein, ob und wie stark ein Mensch Schmerzen hat, sondern wie sehr und woran dieser Mensch durch den Schmerz leidet – im Sinne eines ‚pain-related suffering‘, also eines schmerzbezogenen Leidens.“ Seiner Ansicht nach sollte für Prävention und Versorgung daher nicht die Schmerzstärke selbst, sondern vor allem die Frage „Wie sehr und woran leidet der Mensch durch seinen Schmerz – und was davon können wir verändern?“ im Mittelpunkt stehen.

Für Prof. Ulrike Bingel ist die vielleicht wichtigste Botschaft der Studie, dass Prävention nicht erst im höheren Alter ansetzen sollte. Die Leiterin der universitären Schmerzmedizin sowie Professorin für klinische Neurowissenschaften an der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen äußert gegenüber dem SMC: „Neben Bewegung, Gewichtsmanagement und Tabakprävention sollten soziale und arbeitsbezogene Risikofaktoren stärker berücksichtigt werden.“

Gleichzeitig würden die großen regionalen Unterschiede zeigen, dass die gesundheitliche Chancengerechtigkeit global stärker in den Mittelpunkt gerückt und Präventions- und Versorgungsangebote an die jeweiligen sozialen und strukturellen Bedingungen angepasst werden müssten. „Dabei sollten wir durchaus selbstkritisch sein: Auch in einem hochentwickelten Gesundheitssystem wie Deutschland besteht noch erhebliches Potenzial, Prävention von chronischen Schmerzen früher, konsequenter und stärker im Gesundheitssystem und in den Lebenswelten der Menschen zu verankern“, betont die Schmerzexpertin.

(ah/BIERMANN)