Weniger Zwang, mehr Hilfe – Niedersachsen prüft neue Wege in der Psychiatrie11. April 2018 Foto: © Olivier Le Moal – Fotolia.com Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie sollen dem Schutz der Patientinnen und Patienten dienen, stellen zugleich aber auch immer eine schwere seelische Belastung dar. Das kann zu lebenslangen Traumatisierungen bei den Betroffenen führen. Die Niedersächsische Landesregierung will daher Zwangsmaßnahmen soweit wie möglich reduzieren. Dies machte Niedersachsens Sozial- und Gesundheitsministerin Dr. Carola Reimann im Rahmen der vom Sozialministerium gemeinsam mit der Evangelischen Akademie und dem Landesfachbeirat Psychiatrie Niedersachsen ausgerichteten Tagung „Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie mindern“ in Loccum deutlich. „Es ist eine Gratwanderung“, betonte Reimann, „manchmal müssen psychisch kranke Menschen vor sich selbst geschützt werden. Auch hier gilt es jedoch die Würde und die Selbstbestimmung der Patientinnen und Patienten zu achten und Zwangsmaßnahmen auf das absolut notwendige Maß zu beschränken.“ Die Ministerin erarbeitet deshalb zusammen mit Betroffenen, Angehörigen und weiteren und Experten Maßnahmen zur Vermeidung von Zwang. Auch der Vorsitzende des Landesfachbeirats Psychiatrie Niedersachsen, Wolfram Beins, begrüßte dieses Vorhaben und verwies auf entsprechende Empfehlungen im Landespsychiatrieplan Niedersachsen. „Die Psychiatrie in Niedersachsen hat die Aufgabe, stets nach Alternativen zu Zwangsmaßnahmen zu suchen“, so Beins. „Es gibt bereits bewährte Ansätze in der Behandlungspraxis“, ergänzte die Tagungsleiterin Dr. Monika C. M. Müller, „diese wollen wir in einem Handlungskatalog zusammenzufassen.“ Aus Sicht von Experten genügt es nicht, in den stationären Einrichtungen etwas zu verändern, auch das ambulante Angebot vor Ort muss erweitert werden. Neben verbesserten Krisenhilfen in den Kommunen – insbesondere nachts und an Wochenenden – können auch alternative Angebote wie Rückzugsräume und Weglaufhäuser ein erster Schritt sein (Zufluchtsorte für Menschen, die eine Alternative zur gängigen psychiatrischen Behandlung suchen). Wichtig ist daneben eine stärkere Vernetzung der Hilfsangebote, etwa durch den Aufbau von Gemeindepsychiatrischen Zentren. Multiprofessionelle Behandlungsteams, die psychisch kranke Menschen zu Hause aufsuchen, können schnell und flexibel auf mögliche Krisen reagieren, so dass Zwangseinweisungen eher vermieden werden können.
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