Wenn die Prostata drückt, streikt oft auch der Penis6. Dezember 2021 “Alles nur Prostata?” – Keineswegs! Die Probleme strahlen meist auf andere Organe des Urogenitalsystems aus. Grafik: ©Anatomy Insider – stock.adobe.com Zwischen dem Benignen Prostata-Syndrom (BPS), der Erektilen Dysfunktion (ED) und Ejakulationsstörungen gibt es Zusammenhänge. Den Stand des Wissens stellte Dr. Claudius Füllhase, Lübeck, im Rahmen des 32. Kongresses der Deutschen Kontinenz Gesellschaft vor. Füllhase zeigte beim Seminar des BPS-Arbeitskreises der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) anhand von Literaturdaten einen altersabhängigen Zusammenhang zwischen BPS und ED auf. Etwa ein Viertel aller BPS-Patienten entwickelt demnach auch ED. Je höher die Werte im einschlägigen BPS-Fragebogen IPSS sind, desto wahrscheinlicher ist eine ED. Der Chefarzt der Urologie im Sana-Klinikum Lübeck verwies insbesondere auf die Studie von Rosen et al. (2009). “Es ist eine klare Korrelation in dieser Studie nachgewiesen: Je ausgeprägter die Symptome des unteren Harntraktes, desto schwerwiegender die ED”. Eine brasilianische Studie im Rahmen eines Prostatakrebs-Screenings (Antunes et al., 2008) ergab, dass lediglich das Alter und die Symptome des unteren Harntrakts (lower urinary tract symptoms, LUTS), nicht jedoch die Prostatagröße oder Surrogatparameter wie das Prostataspezifische Antigen mit ED korrerliert waren. “Es gibt einen Zusammenhang der ED mit BPS/LUTS, aber nicht mit der Benignen Prostatahyperplasie”, schloss Füllhase. Auf physiologischer Ebene gibt es Gemeinsamkeiten zwischen BPS und ED bei Signalwegen, die vasodilatatorisch wirken und die Relaxation regulieren, etwa die Stickstoffmonoxid-gesteuerte Bildung von und zyklischem Guanosinmonophosphat durch die Guanylycyclase oder die Aktivierung der Myosin-Leichte-Ketten-Phosphatase über den Rho-Kinase-Pfad. “Es gibt also auf physiologischer Ebene Überlappungsbereiche der Mediatoren, sodass man sich gut auch pathophysiologisch einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Entitäten vorstellen kann”, sagte Füllhase. Auch aus der Grundlagenforschung gibt es Hinweise zu einer Wechselwirkung zwischen den Syndromen. So konnten Malykhina et al. 2013 zeigen, dass eine künstlich herbeigeführte Blasenauslassobstruktion bei Ratten die neuronale Plastizität in den Spinalganglien L6 bis S2 verringert. “Das sind Spinalganglien, die sowohl die Blase als auch die Corpora cavernosa afferent innervieren”, erläuterte der Experte. Nach zwei Wochen war außerdem eine 47-prozentige Kraftabnahme von Muskelstreifen aus den Corpora cavernosa im Organbad zu beobachten. Darüber hinaus waren die Spiegel der Stickstoffmonoxidsynthase im Corpora-cavernosa-Gewebe vermindert. Überschneidungen gibt es auch bei den Therapien der Erkrankungen: Einige Medikamente, die bei der einen helfen, können die andere auslösen. 5-Alpha-Reduktase-Inhibitoren (ARIs) erhöhen laut Füllhase das Risiko einer ED. Bei Anwendung von Alphablockern wird bei bis zu 6% der Patienten über ED berichtet, wobei die Studienlage hier widersprüchlich ist und manchmal sogar eine Verbesserung der erektilen Funktion auftritt. Deutlicher ist der Einfluss der Alphablocker auf die Ejakulation. Insbesondere für Silodosin gibt die Literatur Ejakulationsstörungen mit 28,1% an. Der Phosphodiesterase-Inhibitor Tadalafil verbessert die ED, und auch Patienten mit Ejakulationsstörungen berichteten über eine Verbesserung. Bei der Transurethralen Resektion der Prostata (TUR-P), laut Füllhase immer noch der am häufigsten durchgeführte operative Eingriff bei BPS, ist eine Rate von 5% De-novo-ED bekannt. Die Studienlage ist allerdings widersprüchlich: Einige Studien weisen sogar auf eine Verbesserung der erektilen Funktion nach TUR-P hin. Dies könnte nach Einschätzung des Lübecker Urologen daran liegen, dass eben auch die BPS-Symptome die Erektion gefährden können und somit eine Verbesserung bei der Prostata auch dem Sexualleben förderlich ist. Mit alternativen Verfahren versucht man, das ED-Problem bei der operativen BPS-Therapie in den Griff zu bekommen. Zwar hätten einige Verfahren numerisch Verbesserungen gezeigt, referierte Füllhause aus einer aktuellen Übersichtsarbeit, doch habe keines eine signifikante Verbesserung gezeigt. “Es gibt keine signifikanten Unterschiede zwischen den verschiedenen Verfahren, wenn man sie in Bezug auf die ED gegenüber der TUR-P vergleicht.” Diese Aussage mag überraschen, so Füllhase weiter, aber sie gehe Hand in Hand mit einer ganz aktuellen Cochrane-Analyse. “Nach harten Evidenzkriterien kann man im Grunde keine sichere Aussage machen.” (ms)
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