Wie Astrozyten das flexible Lernen fördern25. Juli 2024 v.l.n.r.: Dr. Pietro Verzelli, Prof. Tatjana Tchumatchenko und Lorenzo Squadrani haben das Rätsel um die Rolle von Astrozyten für Lernprozesse und Gedächtnis im Gehirn gelöst. (Foto: © Rolf Müller / Universitätsklinikum Bonn) Forschende des Universitätsklinikums Bonn (UKB) und der Universität Bonn haben anhand eines biophysikalischen Modells aufgeklärt, wie Astrozyten im Wechselspiel mit Nervenzellen die schnelle Anpassung des Gehirns an neue Informationen regulieren.1 Für Lernen und Gedächtnis ist die synaptische Plastizität des Gehirns von grundlegender Bedeutung. Bei ihrer Erforschung hat sich die Wissenschaft traditionell auf Nervenzellen und ihre Synapsen konzentriert. Erst die Entdeckung der intrazellulären Ca2+-Signalübertragung in Astrozyten führte zu der Idee, dass diese Zellen mehr sind als ein das Gehirn zusammenzuhaltender Klebstoff und für die Funktion des Gehirns eine entscheidende Rolle spielen. „Eine Funktionsstörung der Astrozyten kann unsere Lernfähigkeit erheblich beeinträchtigen, was ihre Bedeutung für kognitive Prozesse unterstreicht. Die genauen Funktionen der Astrozyten blieben jedoch lange Zeit ein Rätsel“, beschreibt Korrespondenz- und Co-Seniorautorin Prof. Tatjana Tchumatchenko, Forschungsgruppenleiterin am Institut für Experimentelle Epileptologie und Kognitionsforschung des UKB und Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich (TRA) „Modelling“ der Universität Bonn, die Motivation ihrer Forschungsgruppe, dieser Frage nachzugehen.Komplizierter Tanz zellulärer Interaktionen beim Lernen enträtselt„Unsere Arbeit als computergestützte Neurowissenschaftler besteht darin, die Sprache der Mathematik zu verwenden, um die experimentellen Beobachtungen zu interpretieren und kohärente Modelle des Gehirns zu erstellen“, erklärt Co-Seniorautor Dr. Pietro Verzelli, ein Postdoktorand aus der Gruppe um Tchumatchenko. In diesem Fall entwickelten die Forscher ein biophysikalisches Modell des Lernens, das auf einer biochemischen Rückkopplungsschleife zwischen Astrozyten und Neuronen beruht, die kürzlich von Dr. Kirsten Bohmbach, Prof. Christian Henneberger und anderen Forschenden am DZNE und UKB entdeckt wurde.2 Das errechnete Modell erweitert die Kommunikation zwischen zwei Neuronen um einen dritten Akteur, den Astrozyten. Endocannabinoide vom postsynaptischen Neuron binden an Astrozytenrezeptoren und verändern die D-Serin-Konzentration. (Quelle: © Tchumatchenko Gruppe / Universitätsklinikum Bonn) Das biophysikalische Modell erklärt die Lerndefizite, die bei Mäusen mit gestörter astrozytärer Regulation beobachtet wurden, und unterstreicht die entscheidende Rolle, die Astrozyten bei der schnellen Anpassung an neue Informationen spielen. Indem sie den Spiegel des Neurotransmitters D-Serin regulieren, können Astrozyten die Fähigkeit des Gehirns erleichtern, seine synaptischen Verbindungen effizient anzupassen und neu zu verdrahten. „Unser mathematischer Rahmen erklärt nicht nur die experimentellen Beobachtungen, sondern liefert auch neue überprüfbare Vorhersagen über den Lernprozess“, berichtet Doktorand und Erstautor Lorenzo Squadrani.Damit schließt die Forschungsarbeit den Wissenschaftlern zufolge die Lücke zwischen theoretischen Modellen der Plastizität und experimentellen Erkenntnissen über die Interaktionen zwischen Nerven- und Gliazellen. Sie hebt die astrozytäre Regulation als physiologische Grundlage für dynamische synaptische Anpassungen hervor, ein zentrales Konzept der synaptischen Plastizität. „Unsere Ergebnisse tragen zu einem besseren Verständnis der molekularen und zellulären Mechanismen bei, die dem Lernen und dem Gedächtnis zugrunde liegen, und bieten neue Möglichkeiten für therapeutische Eingriffe, die auf Astrozyten abzielen, um kognitive Funktionen zu verbessern“, erklärt Tchumatchenko.
Mehr erfahren zu: "DGN kritisiert Übersichtsarbeit zu neuen Alzheimer-Medikamenten" Weiterlesen nach Anmeldung DGN kritisiert Übersichtsarbeit zu neuen Alzheimer-Medikamenten Die aktuelle Cochrane-Analyse kommt zu dem Schluss, dass Beta-Amyloid-Antikörper insgesamt keinen klaren klinischen Nutzen zeigen. DGN-Experten warnen jedoch davor, daraus eine grundsätzliche Wirkungslosigkeit des Prinzips dieser Alzheimer-Medikamente abzuleiten, da zugelassene […]
Mehr erfahren zu: "Leigh-Syndrom: Künstliche Intelligenz hilft bei Suche nach neuen Therapien" Leigh-Syndrom: Künstliche Intelligenz hilft bei Suche nach neuen Therapien Gemeinsam mit einem Team der Universität Luxemburg ist es Düsseldorfer Forschenden unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) gelungen, ein Modell zum besseren Verständnis des Leigh-Syndroms zu etablieren. In dem Zuge […]
Mehr erfahren zu: "Wie ist das menschliche Gehirn entstanden? Was Gehirnorganoide von Weißbüschelaffen leisten" Wie ist das menschliche Gehirn entstanden? Was Gehirnorganoide von Weißbüschelaffen leisten Im Gegensatz zum Menschen haben Weißbüschelaffen sehr kleine und nur wenig gefaltete Gehirne. Dr. Michael Heide, Deutsches Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung, kultiviert aus Primatenstammzellen Gehirnorganoide. Ziel ist es, mit […]