Wird das Gehirn von Kindern wirklich dünner?26. September 2019 Eine höhere Myelinisierung (dunklerer Schatten) findet sich in dem Bereich des visuellen Kortex, der für die Gesichtserkennung verantwortlich ist – im Vergleich zum Bereich für die Ortserkennung. (© MPI CBS) Die Hirnrinde von kleinen Kindern wird beim Älterwerden immer dünner. Zumindest glaubten Wissenschaftler das – seit Jahrzehnten geht es in der Debatte darum, wie und warum dies geschieht. Nun legt ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen in einer Studie nahe, dass das Dünnerwerden teilweise ein Messfehler sein könnte. Studien haben immer wieder gezeigt, dass bestimmte Bereiche der Großhirnrinde im Laufe der Entwicklung von Kindern dünner werden. Und bei einer Dicke von nur drei Millimetern können Kinder im Durchschnitt scheinbar fast einen Millimeter an grauer Substanz verlieren, bis sie das Erwachsenenalter erreichen. Es wurden verschiedene Hypothesen aufgestellt, um diese enormen Verluste zu erklären. So wird beispielsweise vermutet, dass Zellen der Grauen Substanz und ihre Verbindungen auf natürliche Weise abgebaut werden, um das Gehirn effizienter zu machen. Vielleicht könnte also ein umfangreicher Umbau einen dünneren Kortex bei Erwachsenen erklären. Alternativ wissen wir, dass sich unser Gehirn während der Entwicklung ausdehnt. Vielleicht wird der Kortex gedehnt und dabei dünner? Die neue Forschung schließt diese Prozesse keineswegs aus und findet tatsächlich Beweise für Letzteres. Die Wissenschaftlerinnen um Vaidehi Natu von der Stanford University in Kalifornien und Evgeniya Kirilina vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben nun jedoch herausgefunden, dass eine markante Veränderung aufgrund der Einschränkungen heutiger Messgeräte unterschätzt wurde. Genauer gesagt: Misst man mit quantitativer Magnetresonanztomographie (qMRT), so scheint es, dass junge Gehirne tatsächlich mit der Zeit stärker myelinisiert werden. Das ist wichtig für die Gehirnentwicklung, aber es könnte aktuelle Schätzungen der kortikalen Dicke oder der Grauen Substanz im Hirn durcheinander bringen. Das Problem ist nämlich, dass die Messung der Dicke der Grauen Substanz entscheidend von der Detektion der Grenze zwischen Weißer und Grauer Substanz abhängt. Wie Natu und Kirilina herausgefunden haben, kann diese Grenze verschleiert und die kortikale Dicke unterschätzt werden, wenn die Myelinisierung während der Entwicklung zunimmt. Diese Ergebnisse erhielten die Forscherinnen, indem sie Erwachsene und Kinder mit modernsten quantitativen MRT-Techniken untersuchten. Kirilina, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Neurophysik am MPI CBS in Leipzig arbeitet, ist aber vorsichtig: „Die Tatsache, dass der Kortex während der Entwicklung dünner wird, ist auch bei histologischen Methoden gut bekannt. Wir behaupten nicht, dass es nicht dazu kommt. Aber die aktuellen Schätzungen können in einigen Fällen aufgrund gleichzeitiger Myelinisierung falsch sein.“ Das Team untersuchte drei spezialisierte Teile des Gehirns im höheren visuellen Kortex. Trotz ihrer unmittelbaren räumlichen Nähe zeigten alle ein einzigartiges Entwicklungsmuster, was die Notwendigkeit einer vorsichtigen Interpretation unterstreicht. In den Gehirnteilen, die für die Gesichts- und visuelle Worterkennung verantwortlich sind, zeigte sich der oben beschriebene Myelinisierungseffekt. Wiederum zeigte der Teil, welcher die Ortserkennung zur Aufgabe hat, keinen Hinweis auf eine Myelinisierung. Stattdessen schien er sich mit der Zeit morphologisch zu verändern und über die Zeit zu dehnen. Um den wichtigen Zusammenhang zwischen Struktur und Funktion hervorzuheben, wurden die Unterschiede in der Myelinisierung dieser funktionell spezialisierten Regionen bei Hirnen verstorbener Erwachsener bestätigt, wobei sowohl die Ultrahochfeld-MRT als auch die Histologie zum Einsatz kamen. Die Auswirkungen dieser neuen Erkenntnisse sind recht weitreichend. Jahrzehntelange Arbeit muss nun auf ihre Genauigkeit hin überprüft werden. Zum Beispiel deuten viele wissenschaftliche Arbeiten darauf hin, dass sich die Dicke des Kortex ändert, wenn man neue Fähigkeiten erlernt. Es muss nun geklärt werden, ob auch die Myelinisierung eine Rolle spielt. Darüber hinaus kann der Abbau von Myelin zu schweren Krankheiten führen. Das ist genau das, was bei Multipler Sklerose passiert. Genauere neue Messtechniken wie die qMRT versprechen, die Erkennung, Überwachung und Behandlung solcher Erkrankungen zu verbessern. Originalpublikation: Natu VS et al.: Apparent thinning of human visual cortex during childhood is associated with myelination. PNAS, 23. September 2019
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