Wissenschaftler fordern neues Chemikalienrecht zum Schutz von Kindern13. Januar 2025 Zahlreiche Chemikalien sind nicht auf ihre gesundheitliche und ökologische Unbedenklichkeit geprüft. (Foto: © progressman – stock.adobe.com) Chemikalien und chemische Produkte sollten genauso streng geprüft und reguliert werden wie verschreibungspflichtige Medikamente. Dies fordert eine Gruppe von Experten unter dem Namen „Consortium for Children’s Environmental Health“ im „New England Journal of Medicine“. Andernfalls drohe ein Anstieg chronischer Krankheiten bei Kindern, heißt es in dem Bericht. Die weltweiten Chemikalieninventare enthalten schätzungsweise 350.000 Produkte, wie zum Beispiel hergestellte Chemikalien, chemische Gemische und Kunststoffe. Trotz der Risiken für die Umwelt und der Exposition des Menschen unterliegt die Herstellung von synthetischen Chemikalien und Kunststoffen nur unzureichenden rechtlichen und politischen Beschränkungen. Dieses Regelungsvakuum müsse durch neue Gesetze ersetzt werden, die dem Gesundheitsschutz Vorrang vor der ausufernden Produktion von Chemikalien und Kunststoffen einräumen, fordern die Autoren den Beitrags, zu denen der Epidemiologe Philip Landrigan, MD vom Boston College, USA, der Umweltrechtswissenschaftler David Wirth, der Biologe Thomas Chiles und der Epidemiologe Kurt Straif gehören. Chemikalien wie Medikamente streng testen „Nach diesen neuen Gesetzen sollten Chemikalien nicht mehr als harmlos gelten, bis nachgewiesen ist, dass sie die Gesundheit schädigen“, schreiben die Autoren. „Stattdessen sollten Chemikalien und Produkte auf chemischer Basis nur dann auf den Markt kommen und dort verbleiben dürfen, wenn ihre Hersteller durch strenge, unabhängige Tests vor der Markteinführung nachweisen können, dass sie bei der zu erwartenden Exposition nicht toxisch sind.“ Darüber hinaus fordern die Autoren, dass Hersteller von Chemikalien und Marken, die chemische Produkte vermarkten, verpflichtet werden sollten, ihre Produkte nach der Markteinführung auf die gleiche Weise zu überwachen, wie dies bei verschreibungspflichtigen Medikamenten der Fall ist, um etwaige langfristige negative Auswirkungen auf die Gesundheit zu ermitteln. Der Aufruf zum Handeln ist das Ergebnis eines zweijährigen Projekts der Gruppe, der Wissenschaftler aus 17 renommierten wissenschaftlichen Einrichtungen in den USA und Europa angehören. Ihr Ziel ist es, der ständig steigenden Zahl chronischer Krankheiten bei Kindern in aller Welt zu begegnen. Den Autoren zufolge sind nichtübertragbare Krankheiten (NCDs) heute die Hauptursache für Morbidität und Mortalität bei Kindern. Inzidenz und Prävalenz von NCDs nähmen zu, mehrere NCDs bei Kindern seien auch schon mit synthetischen Chemikalien in Verbindung gebracht worden, so die Wissenschaftler. So sei die Häufigkeit von Krebs bei Kindern in den vergangenen 50 Jahren um 35 Prozent gestiegen, Neuroentwicklungsstörungen beträfen heute eines von sechs Kindern, und bei einem von 36 Kindern werde eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert, geben die Autoren zu bedenken. Zudem habe sich die Häufigkeit von Asthma bei Kindern verdreifacht, die Prävalenz von Fettleibigkeit bei Kindern habe sich fast vervierfacht und zu einem starken Anstieg von Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen geführt. Grundlegende Änderung des Chemikalienrechts erforderlich Die meisten synthetischen Chemikalien und verwandten Produkte werden aus fossilen Brennstoffen – Gas, Öl und Kohle – hergestellt. Die Produktion ist seit 1950 um das 50-fache gestiegen und wird sich bis 2050 voraussichtlich noch einmal verdreifachen. Umweltverschmutzung und die Exposition des Menschen sind weit verbreitet. Die Herstellung von synthetischen Chemikalien und Kunststoffen unterliegt den Autoren zuolge jedoch nur wenigen rechtlichen oder politischen Einschränkungen. „Im Gegensatz zu Arzneimitteln werden synthetische Chemikalien auf den Markt gebracht, ohne dass ihre Auswirkungen auf die Gesundheit zuvor bewertet wurden und ohne dass es eine Überwachung nach dem Inverkehrbringen im Hinblick auf längerfristige schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit gibt“, kritisieren die Wissenschaftler. Weniger als 20 Prozent dieser Chemikalien seien auf ihre Toxizität getestet worden, und noch weniger auf toxische Wirkungen bei Säuglingen und Kindern. „Mit erschreckender Häufigkeit werden weiterhin Zusammenhänge zwischen weit verbreiteten Chemikalien und Krankheiten bei Kindern entdeckt, und es ist wahrscheinlich, dass es noch weitere, noch unbekannte Zusammenhänge gibt“, schreiben die Experten weiter. Um die Gesundheit von Kindern vor synthetisch hergestellten Chemikalien zu schützen, sei eine grundlegende Änderung des Chemikalienrechts erforderlich, die einen stärker auf Vorsorge ausgerichteten Ansatz verfolgt und dem Gesundheitsschutz Vorrang vor der uneingeschränkten Produktion von synthetischen Chemikalien und Kunststoffen einräumt. Die Autoren fordern im Detail: ● Neue Gesetze, die vorschreiben, dass Chemikalien auf Sicherheit und Toxizität getestet werden müssen, bevor sie auf den Markt kommen dürfen. ● Vorgeschriebener chemischer Fußabdruck, der ähnlich wie der Kohlenstoff-Fußabdruck funktioniert. ● Sicherere Chemikalien, Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen, Entwicklung einer Vielzahl sicherer, nachhaltigerer Moleküle und Herstellungsverfahren. ● Politische Reformen, Schaffung eines neuen rechtlichen Paradigmas für das Chemikalienmanagement auf nationaler Ebene und eines neuen globalen Chemikalienabkommens. „Die Verschmutzung durch synthetische Chemikalien und Kunststoffe ist eine der großen planetarischen Herausforderungen unserer Zeit“, erklärt der Hauptautor Landrigan, Direktor des Observatory on Planetary Health des Boston College. „Sie verschlimmert sich rapide. Wenn die Produktion von Chemikalien, die auf fossilem Kohlenstoff basieren, weiterhin unkontrolliert zunimmt, gefährdet dies die Kinder der Welt und bedroht die Reproduktionsfähigkeit der Menschheit.“
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