Wo liegen beeinflussbare Stellschrauben zur Vermeidung der Arthrose?27. Oktober 2017 Johannes Flechtenmacher (Bild: Biermann Medizin, hr) Regelmäßige Bewegung und ein gesundes Körpergewicht helfen, einer Arthrose vorzubeugen. Zu viel Körpergewicht und exzessives Training erhöhen das Risiko. Kinder, die besonders verletzungsgefährdet sind, sollten regelmäßige orthopädische Vorsorgeuntersuchungen erhalten. „Zwei Lebensstilfaktoren haben einen großen Einfluss auf die Gesundheit der Gelenke: Sport und das Körpergewicht“, betonte BVOU-Präsident Dr. Johannes Flechtenmacher, der eine Orthopädische Gemeinschaftspraxis in Karlsruhe betreibt, auf dem DKOU. Exzessiver Sport erhöht die Belastung in den Gelenken und macht sie anfällig für Verletzungen. Flechtenmacher nannte als Beispiel den Fußballer Sami Khedira, der – typisch für Kontaktsportarten – bereits zwei Kreuzbandrisse hatte und mit einer statistischen Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent nach zehn Jahren eine Kniegelenkarthrose entwickeln wird. Als weiteres Beispiel führte er Boris Becker an, der sich wegen der Belastungen aus seiner Profikarriere schon vor Jahren ein künstliches Hüftgelenk hat einsetzen lassen. Moderater Sport hingegen helfe eine Arthrose zu vermeiden, ergänzte Flechtenmacher. „Wir sollten das Vertrauen, das die Patienten in uns Ärzte setzen, nutzen, um ihnen bei der Implementierung eines sportlicheren Lebensstils zu helfen“, sagte er. „Die meisten wissen, dass ihnen Sport guttut, aber sie schaffen den Einstieg nicht.“ Vielleicht sei das Rezept auf Bewegung, das vor einigen Jahren von der Bundesärztekammer, dem Deutschen Olympischen Sportbund und der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin entwickelt wurde, ja doch ein guter Anreiz, gab er zu bedenken. Flechtenmacher wies des Weiteren darauf hin, dass Kinder und Jugendliche besonders verletzungsgefährdet sind, was mit den biomechanischen Eigenschaften des Knochens in der Wachstumsphase zusammenhängt und mitunter zu einer höheren Bruchanfälligkeit oder aber zu Wachstumshemmungen oder Achsfehlstellungen führen könne. Er berichtete von dem Erfolg, der in Baden-Württemberg flächendeckend eingeführten orthopädischen Vorsorgeuntersuchungen für Kinder und Heranwachsende im Alter von zehn und 13 Jahren. „Bei diesen zwei Untersuchungen schauen wir nicht nur nach angeborenen Fehlstellungen wie X- und O-Beinen, sondern auch nach etwaigen Gelenkverletzungen durch Sport und ihren Folgen“, erklärte er. „In den beiden Untersuchungen sehen wir Ärzte zum Beispiel häufig bei jungen Mädchen viel früher und rechtzeitig behandelbare Probleme wie eine auftretende Skoliose.“ Eltern gelinge dies oft nicht mehr, da die Heranwachsenden auch eine Scham gegenüber der Nacktheit vor den Eltern entwickelten, so Flechtenmacher weiter. „Diese Untersuchungen sollten eigentlich in ganz Deutschland eingeführt werden“, forderte er. Obwohl ihre Sinnhaftigkeit auch bundesweit gesehen wird, scheitert dies laut Flechtenmacher aber daran, weil die Kassen dies nur kostenneutral umsetzen wollen. Im Übrigen seien die Vorsorgeuntersuchungen auch eine Möglichkeit, ein weiteres Arthroserisiko schon bei Kindern zu thematisieren: das Übergewicht. „Wir brauchen ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass ein erhöhtes Körpergewicht nicht nur den Gefäßen und dem Herzen schadet, sondern auch den Gelenken“, sagte Flechtenmacher. Zum Problem werde nicht nur das schiere Gewicht, sondern auch die größer werdende Gewichtsbelastung bei Bewegung. „Ich sehe jede Woche mehrmals Patienten Ende 30, die mit 130 kg oder mehr adipös sind und eine Arthrose entwickelt haben“, berichtete er. „Hier reicht Sport allein nicht mehr aus, um abzunehmen, sondern die Ernährung muss umgestellt werden“, betonte er. Orthopäden fällt – bei anhaltendem Trend zu immer mehr übergewichtigen und adipösen Patienten – zukünftig also auch noch eine beratende Funktion bei der Ernährung zu. Auch wenn das Alter eine unbeeinflussbare Größe bei der Entwicklung einer Arthrose bleibt, lohnt es sich laut Flechtenmacher das Arthroserisiko zu minimieren, indem man sich ausreichend bewegt und auf sein Gewicht und die Ernährungsweise achtet, so das Fazit. (hr)
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