Wölfe machen Beute – und Raben merken sich, wo

Ein Wolf vertreibt Elstern und Raben von einem Wapiti-Kadaver im Yellowstone-Nationalpark. Foto: © Jim Peaco

Lange gingen Forschende davon aus, dass Raben Wölfen folgen, um von deren Rissen zu fressen. Eine Tracking-Studie zeigt jedoch, dass die cleveren Aasfresser eine weitaus interessantere Strategie verfolgen, wie die Vetmeduni berichtet.

Wenn ein Wolfsrudel seine Beute erlegt, sind oft Raben als Erste zur Stelle. Noch bevor die Beutegreifer Zeit haben zu fressen, warten die Vögel bereits darauf, von den Fleischresten zu profitieren. Die Geschwindigkeit, mit der die Aasfresser an Wolfsrissen eintreffen, ist bemerkenswert. Lange gab es dafür eine einfache Erklärung: Raben müssen den Wölfen folgen.

Gutes räumliches Gedächtnis ermöglicht rasches Auffinden

Eine neue Studie zeigt jedoch, dass die Aasfresser eine weitaus ausgefeiltere Strategie verfolgen. Für die Studie untersuchten Forschende Raben und Wölfe im Yellowstone-Nationalpark über zweieinhalb Jahre hinweg. Sie fanden heraus, dass Raben sich merken können, wo Wölfe häufig Beute machen. Und, dass die klugen Vögel aus großer Entfernung in diese Gebiete zurückkehren. „Sie können bis zu sechs Stunden ohne Pause direkt zu einem Ort fliegen, an dem Wölfe Beute gemacht haben“, sagt Matthias Loretto, der Erstautor der Studie.

Die in „Science“ veröffentlichten Ergebnisse deuten darauf hin, dass Raben ihr räumliches Gedächtnis und ihre Navigationsfähigkeiten nutzen, um in der Landschaft verstreute Nahrung zu finden. „Raben können große Entfernungen zurücklegen und scheinen ein gutes Gedächtnis zu haben, sodass sie den Wölfen nicht ständig folgen müssen, um von den Beutegreifern zu profitieren“, so Loretto.

Zwei Raben fliegen über einem Wolfsrudel im Yellowstone-Nationalpark. Diese Art der Verfolgung über kurze Distanzen ist häufig, während eine längere Verfolgung äußerst selten ist. Foto: © Daniel Stahler

Die Studie wurde vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien und dem Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie (Deutschland) durchgeführt, in Zusammenarbeit mit mehreren internationalen Partnern, darunter das Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum (Deutschland), die School of Environmental and Forest Sciences der University of Washington (USA) sowie der Yellowstone National Park (USA).

Eine verbreitete Annahme auf dem Prüfstand

Die Studie konzentrierte sich auf den Yellowstone-Nationalpark, wo Wölfe Mitte der 1990er Jahre nach 70 Jahren Abwesenheit wieder angesiedelt wurden. Die Wölfe des Nationalparks werden mithilfe von GPS-Halsbändern überwacht, die jedes Jahr etwa einem Viertel der Wolfspopulation angelegt werden. Dan Stahler, ein Biologe im Yellowstone-Nationalpark, der die Wölfe des Parks seit ihrer Wiederansiedlung beobachtet, sagt, dass Raben offenbar die Gesellschaft von Wölfen suchen: „Man sieht sie direkt über wandernden Rudeln fliegen oder dicht hinter Wölfen herhüpfen, wenn diese Beute erlegen.“

Für Raben ist dies eine lohnende Futterstrategie, denn Wölfe liefern regelmäßig Nahrung, die die Aasfresser verwerten können. „Wir gingen alle davon aus, dass die Raben eine sehr einfache Regel hatten: einfach in der Nähe der Wölfe bleiben“, sagt Stahler. Doch diese Annahme wurde nie überprüft. „Wir wussten nicht, wozu Raben fähig sind, weil sie bisher nie ins Zentrum dieser Forschung gestellt wurden; niemand hatte die Perspektive der Aasfresser eingenommen“, sagt er.

Raben checken die Rahmenbedingungen bevor sie sich nähern

Um ein vollständiges Bild vom Verhalten der Raben zu erhalten, stattete das Team 69 Raben mit winzigen GPS-Sendern aus – „was einfach eine enorme Zahl ist“, erklärt Loretto, der die Forschung während seiner Zeit am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie begann. „Raben beobachten die Landschaft so aufmerksam, dass sie nicht so leicht in Fallen tappen“, sagt er. Um die Vögel zu markieren, passten die Forschenden die Fallen sorgfältig an die Umgebung an. So mussten Fallen in der Nähe von Campingplätzen beispielsweise mit Müll und Fast-Food-Resten getarnt werden. Denn: „sonst hätten die Raben etwas bemerkt und wären nicht nähergekommen“, so Loretto, der heute an der Vetmeduni arbeitet.

Dieser Rabe wurde vom Forschungsteam mit einem GPS-Rucksack ausgestattet, der hier an der Antenne zu erkennen ist. Foto: © Matthias Loretto

Zusätzlich zur Verfolgung der Raben berücksichtigten die Forschenden auch Bewegungsdaten von 20 mit GPS-Halsbändern versehenen Wölfen aus dem Yellowstone-Nationalpark. Sie beobachteten die Tiere im Winter, wenn Raben am häufigsten mit Wölfen in Kontakt kommen. Und sie zeichneten GPS-Positionen in Intervallen von bis zu 30 Minuten für Raben und bis zu einer Stunde für Wölfe auf. Außerdem berücksichtigten sie Daten darüber, wo und wann Wölfe Beute erlegten – vor allem Wapitis, Bisons und Maultierhirsche.

Raben merken sich ergiebige Landschaften

Im Verlauf der zweieinhalbjährigen Studie fanden die Forschenden nur einen eindeutigen Fall, in dem ein Rabe einem Wolf mehr als einen Kilometer weit und über eine Stunde lang folgte. „Zunächst waren wir ehrlich gesagt ratlos“, sagt Loretto. „Als wir feststellten, dass Raben Wölfen nicht über lange Strecken folgen, konnten wir lange nicht erklären, wie sie trotzdem so schnell an Wolfsrissen auftauchen.“

Nach einer detaillierten Analyse der Bewegungsdaten wurde das Muster klar. Anstatt Beutegreifern direkt über lange Strecken zu folgen, kehrten die Raben wiederholt in bestimmte Gebiete zurück. Jene Gebiete, in denen Wölfe häufig Beute machen. Einige Individuen legten an einem einzigen Tag bis zu 155 Kilometer zurück. Sie flogen dabei auf sehr geradlinigen Routen zu Gebieten, in denen die Chancen hoch sind, einen Kadaver zu finden. Und das, obwohl Zeitpunkt und genauer Ort eines Wolfsrisses im Einzelfall nicht vorhersehbar sind.

Wolves at Blacktail Pond Foto: © Jim Peaco

Wolfsrisse häufen sich im Studiengebiet in Bereichen mit bestimmten Landschaftsmerkmalen, etwa flachen Talsohlen, in denen Wölfe erfolgreicher jagen. Raben suchten deutlich häufiger Gebiete auf, in denen es in der Vergangenheit viele Wolfsrisse gegeben hatte. Gebiete, in denen solche Risse selten waren, interessierten sie hingegen weniger. Das deutet darauf hin, dass sie die von Wölfen geschaffene langfristige „Ressourcenlandschaft“ lernen und sich daran erinnern.

„Wir wussten bereits, dass Raben sich stabile Nahrungsquellen wie Mülldeponien merken können“, sagt Loretto. „Was uns überrascht hat, ist, dass sie offenbar auch lernen, in welchen Gebieten Wolfsrisse häufiger vorkommen. Ein einzelner Riss ist unvorhersehbar, aber im Laufe der Zeit sind einige Teile der Landschaft ergiebiger als andere – und Raben scheinen dieses Muster zu ihrem Vorteil zu nutzen.“

Neue Einblicke in die Intelligenz von Tieren

Die Autoren schließen nicht aus, dass Raben Wölfe über kurze Strecken verfolgen. „Um Wolfsbeute in der näheren Umgebung zu finden, nutzen Raben wahrscheinlich Hinweise aus nächster Nähe, etwa die Beobachtung des Wolfsverhaltens oder das Lauschen auf Wolfsgeheul“, sagt Loretto. Auf größerer räumlicher Ebene ist das Muster jedoch klar: Zuerst kommt das Gedächtnis, dann die Hinweise. Raben nutzen ihre räumliche Orientierung, um zu entscheiden, wo sie überhaupt suchen. Sie tun dies teils über Distanzen von vielen Dutzend oder sogar Hunderten Kilometern.

John M. Marzluff von der University of Washington ergänzt: „Unsere Studie zeigt eindeutig, dass Raben flexibel sind, wenn es darum geht, wo sie nach Nahrung suchen. Sie bleiben nicht an ein bestimmtes Wolfsrudel gebunden. Mit ihren scharfen Sinnen und ihrem Gedächtnis für frühere Futterplätze können sie aus vielen Nahrungsquellen in weitem Umkreis wählen. Das verändert unsere Vorstellung davon, wie Aasfresser Nahrung finden – und legt nahe, dass wir einige Arten lange Zeit unterschätzt haben könnten.“