Xenotransplantation: Schweineniere überbrückt Wartezeit bis zur menschlichen Spenderniere

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Eine genetisch veränderte Schweineniere hat einen Patienten in den USA erstmals neun Monate von der Dialyse befreit und die Zeit bis zur Transplantation einer menschlichen Spenderniere überbrückt. Der Fall zeigt das Potenzial der Xenotransplantation, zum Beispiel als Übergangslösung für schwer nierenkranke Dialysepatienten.

Am Massachusetts General Hospital (MGH) in Boston (USA) haben Ärzt:innen einem damals 66-jährigen Mann erfolgreich eine Niere eines genetisch modifizierten Schweins transplantiert. Die Schweineniere funktionierte neun Monate lang und befreite den Patienten in dieser Zeit vollständig von der Dialyse. Der Mann litt bedingt durch einen langjährigen Diabetes an einer schweren Nierenerkrankung und war zuvor auf die Dialyse angewiesen. Über den seit Anfang 2025 dokumentierten Fall berichtet das Ärzteteam nun im Fachjournal „The Lancet“.

Xenotransplantation als Brückentechnologie

Die Xenotransplantation, also die Übertragung tierischen Gewebes auf den Menschen, gilt als mögliche Lösung für den weltweiten Engpass an Spenderorganen. In den vergangenen Jahren wurden in dem Forschungsfeld wichtige Meilensteine erreicht: Neben erfolgreichen präklinischen Studien wurden bereits Schweineherzen, -lungen, -lebern und -nieren in Menschen transplantiert.1-4 In den USA wurden Anfang vergangenen Jahres erstmals klinische Studien zur Xenotransplantation von Schweinenieren genehmigt.5

Im Fall des 66-jährigen Patienten handelte es sich nun um eine sogenannte Brückentechnologie. Ziel war es, die Schweineniere zur Überbrückung zu nutzen, bis ein geeignetes menschliches Organ zur Verfügung steht. Nach Einschätzung der Ärzte lag die Chance des Mannes, in den nächsten fünf Jahren ein Spenderorgan zu bekommen, bei etwa neun Prozent. Das Risiko, in dieser Zeit ohne neue Niere zu sterben oder von der Organwarteliste gestrichen zu werden, lag dagegen bei 40 Prozent.

Schweineniere für neun Monate funktionsfähig

Die Schweineniere arbeitete nach der Transplantation zunächst robust. Bereits während der Operation produzierte sie Urin. Die Blutwerte, die die Nierenfunktion anzeigen, verbesserten sich innerhalb kurzer Zeit deutlich. Zwei Wochen nach der Transplantation kam es zu Abstoßungsreaktionen, die sich aber mit Medikamenten gut behandeln ließen.

„Der Patient erhielt eine Immunsuppression auf Grundlage einer Blockade der CD40–CD154-Ko-Stimulierung durch den anti-CD154-Antikörper Tegoprubart sowie einer Hemmung des Komplementsystems. Das verwendete Protokoll war von der US Food and Drug Administration (FDA) genehmigt“, erklärt Dr. Joachim Denner, unbeteiligter Wissenschaftler von der Freien Universität Berlin.

Nach rund einem halben Jahr entstanden Schädigungen der Blutgefäße, die aber laut den Forschenden nicht von einer klassischen Abwehrreaktion herrührten, sondern womöglich auch von einer Infektion mit einem Krankenhauskeim (MRSA) stammen könnten. Trotz mehrerer Behandlungsversuche verschlechterte sich die Nierenfunktion weiter. Am 23. Oktober 2025 wurde die Schweineniere nach 271 Tagen wieder entfernt. Der Patient musste abermals für 82 Tage an die Dialyse angeschlossen werden, bevor eine menschliche Spenderniere transplantiert werden konnte.

Genetische Modifikationen der Schweineniere

Am MGH war dies bereits die zweite Transplantation einer genetisch modifizierten Schweineniere. Der erste Patient war jedoch nach 52 Tagen an Herzversagen verstorben, während die transplantierte Schweineniere weiterhin voll funktionsfähig war. Mitursächlich für den Tod war eine Übertragung des porcinen Cytomegalo- bzw. Reseolovirus (PCMV/PRV) gewesen.

Das Spenderschwein im aktuellen Fall wurde daher umfassend auf potenziell pathogene Mikroorganismen untersucht und unter ‚designated pathogen-free (DPF)‘-Konditionen aufgezogen. „Obwohl die Untersuchungen nicht im Detail beschrieben werden, war das Spenderschwein auf acht verschiedene Schweineviren negativ getestet worden. Zudem gab es keine Hinweise auf eine Übertragung eines Schweinevirus auf den Patienten“, so Denner.

Die Schweineniere wies mehrere genetische Modifikationen auf. Drei Gene, die für die Expression von Zuckermolekülen verantwortlich sind, welche eine hyperakute Abstoßungsreaktion bei der Xenotransplantation auslösen können, wurden deletiert. Hinzugefügt wurden dagegen sieben humane Transgene zur Regulation von Komplementaktivierung, Entzündungsreaktionen und Blutgerinnung.

Darüber hinaus erfolgte eine Inaktivierung aller porcinen endogenen Retroviren (PERVs) mittels CRISPR/Cas-basierter Genomeditierung. Laut Denner entspricht dies dem bislang höchsten Standard der verfügbaren genetischen Modifikationen von Schweineorganen.

Neue Perspektive für Dialysepatienten

Die Xenotransplantation der Niere könnte insbesondere für Patienten mit einer Nierenerkrankung im Endstadium und daraus resultierender Dialysepflicht eine sinnvolle Therapiealternative darstellen, sagt Prof. Moritz Schmelzle von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Derzeit bleiben die Ergebnisse der Xeno-Nierentransplantation allerdings noch hinter denen der humanen Nierentransplantation zurück.

„Solange eine vergleichbare Langzeitfunktion nicht erreicht wird, ist der Einsatz primär als Bridging-Verfahren mit begrenztem Transplantatüberleben denkbar“, so der unabhängige Experte. Perspektivisch sieht er in der Technologie jedoch großes Potenzial. „Ihr möglicher Beitrag zur Reduktion des weltweit bestehenden Mangels an Spenderorganen ist nicht von der Hand zu weisen.“

Auch inwieweit die Xenotransplantation medizinisch und ökonomisch eine sinnvolle Alternative zu einer längerfristigen Dialysebehandlung ist, müsse durch weitere Studien erst noch untersucht und belegt werden, erklärt Schmelzle. Da sich die Xenotransplantation weiterhin in einem experimentellen Stadium befindet, liegen die Kosten für diese Form der Transplantation zum aktuellen Zeitpunkt noch deutlich über denen etablierter humaner Transplantationsverfahren.

„Unabhängig von den derzeit hohen Kosten ist aber davon auszugehen, dass insbesondere bei Patienten mit bestehender Dialysepflichtigkeit ein funktionierendes Nierentransplantat zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität führen kann“, ergänzt Schmelzle. „Entsprechend müssen bei der weiteren Bewertung dieses Ansatzes sowohl die individuellen Risiken und der erwartete Nutzen als auch die langfristigen medizinischen und gesundheitsökonomischen Kosten berücksichtigt werden.“ (mkl)