Adipositas: Oraler GLP-1-Rezeptoragonist führt zu signifikantem Gewichtsverlust

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Neue Studienergebnisse zeigen, dass die tägliche Einnahme des oralen GLP-1-Rezeptoragonisten Orforglipron bei adipösen Patienten eine klinisch relevante Gewichtsreduktion erzielen und kardiometabolische Parameter deutlich verbessern kann. Profitieren könnten vor allem bislang benachteiligte Patientengruppen.

GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1RAs) haben die Behandlung von Adipositas bei Patienten mit und ohne Diabetes maßgeblich verbessert. Trotzdem streben Forschende weltweit danach, noch höhere Gewichtsverluste zu erzielen und den gesundheitlichen Nutzen zu optimieren. Ein Beispiel dafür sind etwa Quintuple-Agonisten, die kürzlich auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Wien vorgestellt und diskutiert wurden.

Ein Team unter der Leitung von Dr. Sean Wharton hat sich dagegen einem anderen Behandlungsaspekt gewidmet: der Verabreichungsform. Gängige GLP-1RAs sind bislang nur als subkutane Injektionen zugelassen – bei wöchentlicher Anwendung ist das langfristig nicht nur eine Belastung für Patienten, sondern auch für die Umwelt.

Tablette statt Spritze

Orforglipron ist ein sogenannter small-molecule GLP-1RA, der oral eingenommen werden kann. Wharton, von der McMaster University (Kanada) und Direktor der Wharton Weight Management Clinic (Kanada), und seine Kollegen untersuchten die Sicherheit und Wirksamkeit von Orforglipron in der ATTAIN-1-Studie. Die Ergebnisse der multinationalen Phase-III-Studie wurden kürzlich auf der EASD-Jahrestagung präsentiert und zeitgleich in der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Der Wirkstoff wurde dabei in drei verschiedenen Dosierungen (6, 12 oder 36 Milligramm einmal täglich) als Ergänzung zu gesunder Ernährung und körperlicher Aktivität und im Vergleich zu einem Placebo getestet. Insgesamt wurden 3127 Patienten mit Adipositas ohne Diabetes aus neun Ländern (USA, China, Brasilien, Indien, Japan, Südkorea, Spanien, Slowakei und Taiwan) in die Studie eingeschlossen und randomisiert. Wie gut das neue Medikament bei Patienten mit Typ-2-Diabetes wirkt, wurde in der ACHIEVE-1-Studie untersucht.

Signifikante Gewichtsverluste im Placebo-Vergleich

Die durchschnittlichen relativen Veränderungen des Körpergewichts vom Ausgangswert bis Woche 72 betrugen für Orforglipron jeweils -7,5 Prozent (6 mg), -8,4 Prozent (12 mg) und -11,2 Prozent (36 mg), im Vergleich zu -2,1 Prozent bei Placebo. Unter den Patienten, die die höchste Dosis Orforglipron erhielten, kam es bei 54,6 Prozent zu einer Reduktion des Körpergewichts um zehn Prozent oder mehr. Bei 36,0 Prozent reduzierte sich das Gewicht um 15 Prozent oder mehr und bei 18,4 Prozent um 20 Prozent oder mehr. Im Vergleich dazu erreichten nur 12,9 Prozent, 5,9 Prozent und 2,8 Prozent der Patienten in der Placebo-Gruppe den entsprechenden Gewichtsverlust.

Die häufigsten Nebenwirkungen in Verbindung mit dem oralen GLP-1RA waren gastrointestinaler Natur, verliefen jedoch überwiegend mild bis moderat, was mit den Beobachtungen bei anderen GLP-1RAs übereinstimmt. Unter Orforglipron mussten 5,3 bis 10,3 Prozent der Patienten die Behandlung abbrechen, in der Placebo-Gruppe waren es nur 2,7 Prozent.

Kardiometabolischer Vorteil bleibt erhalten

„Nach 72 Wochen Behandlung erzielten alle Patienten unter Orforglipron eine signifikante und klinisch relevante, dosisabhängige Abnahme des Körpergewichts“, fassen die Autoren zusammen. Eine Gewichtsreduktion von 10 Prozent oder mehr sei eine anerkannte therapeutische Schwelle, die mit bedeutenden kardiometabolischen Vorteilen einhergeht, so die Autoren weiter.

Der durchschnittliche Gewichtsverlust von 11,2 Prozent mit der höchsten Dosis Orforglipron war mit einer Verbesserung der Blutdruck-, Blutfett- und Blutzuckerwerte und zusätzlich einer Senkung des Entzündungsmarkers hochsensitives C-reaktives Protein verbunden. Darüber hinaus verbesserten sich weitere assoziierte Werte wie Taillenumfang und Non-HDL-Cholesterinspiegel ebenfalls signifikant unter der Behandlung mit Orforglipron. Obwohl der mit Orforglipron erzielte Gewichtsverlust laut den Autoren etwas unter den Durchschnittswerten anderer GLP-1RAs lag, zeigten sich also dennoch die bekannten kardiometabolischen Vorteile.

Zusätzliche Behandlungsoption bei Adipositas?

Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass die fehlende Vergleichsmöglichkeit mit derzeit zugelassenen Medikamenten zur Gewichtsreduktion eine der Einschränkungen der Studie sei. Außerdem verwendeten die Wissenschaftler für die BMI-Einschlusskriterien bestimmte Cut-Off-Werte, die in weißen Populationen entwickelt wurden. Das schließe möglicherweise Patienten mit niedrigeren BMI-Werten aus, die ebenfalls Adipositas-bezogene Risiken haben könnten.

Auch die zunehmende Verfügbarkeit von gewichtsreduzierenden Medikamenten könnte die Behandlungsadhärenz und somit die Ergebnisse bezüglich der Wirksamkeit von Orforglipron beeinflussen. Die Stärke der Studie liege in der Diversität und Größe der untersuchten Population – mit 35 Prozent ist der Anteil an männlichen Patienten für Studien dieser Art durchaus beachtlich.

Ersetzen wird die neue “Abnehmpille” die “Abnehmspritze” so schnell wahrscheinlich nicht. Orforglipron könne aber „eine Erweiterung der Behandlungsoptionen bei Adipositas für jene Gruppen bedeuten, die derzeit aufgrund der Kosten und unzureichenden Zugangs zu injizierbaren Medikamenten ausgeschlossen sind“, bilanziert Wharton.

Derzeit ist Orforglipron weder von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) noch von anderen ähnlichen Behörden weltweit zugelassen. Hergestellt wird der Wirkstoff vom Pharmakonzern Eli Lilly, der die ATTAIN-1-Studie finanzierte.

(mkl/BIERMANN)