Früher (Darm-)Krebs: Vorzeitige Alterung als Ursache, Rate leicht gestiegen23. Juni 2026 Foto: ©Seventyfour – stock.adobe.com Gleich zwei aktuelle Studien beschäftigen sich mit dem frühen Auftreten von Krebs. Eine US-Studie sieht die Ursache der Zunahme in der beschleunigten Alterung junger Menschen. Bei Darmkrebs macht eine deutsche Studie auch hierzulande einen ähnlichen, aber deutlich schwächeren Trend aus. Eine neue Studie unter der Leitung von Forschern der Washington University School of Medicine in St. Louis liefert Evidenz dafür, dass jüngere Generationen tatsächlich biologisch schneller altern als ältere. Die Ursachen würden weltweit untersucht, heißt es in einer Mitteilung der Washington University in St. Louis – unter anderem im Rahmen globaler Initiativen von Forschern des Siteman Cancer Center sowie von „Cancer Grand Challenges“, einer gemeinsam vom National Cancer Institute und Cancer Research U.K. gegründeten Initiative. Diese beschleunigte Alterung bringen die Autoren mit einem erhöhten Risiko für früh – bis zu einem Alter von 55 Jahren – einsetzende Krebserkrankungen bei jüngeren Generationen in Verbindung. Größeres Age Gap bei Jüngeren Je größer das Age Gap – die Kluft zwischen dem biologischen und dem chronologischen Alter – ausfällt, desto höher ist laut den Forschern das Krebsrisiko. Sie stellten fest, dass Menschen aus jüngeren Geburtsjahrgängen größere Altersunterschiede aufwiesen als Personen aus älteren Jahrgängen; dies könnte ihrer Ansicht nach den Anstieg von Krebserkrankungen in jungen Jahren bei jüngeren Generationen erklären. Ihre Studie zeigte zudem Zusammenhänge zwischen einer beschleunigten Alterung bestimmter Organsysteme und einem erhöhten Risiko für spezifische Krebsarten auf. So wurde beispielsweise ein Immunsystem, das älter wirkt als sein tatsächliches Alter, mit früh auftretendem Lungenkrebs in Verbindung gebracht. Ebenso wurde Fettgewebe, das älter erscheint als sein chronologisches Alter, mit früh auftretendem Darmkrebs assoziiert. Die am 22. Juni in „Nature Medicine“ veröffentlichte Studie legt nahe, dass Messgrößen für beschleunigte Alterung dazu beitragen könnten, Personen mit einem höheren Risiko für früh auftretenden Krebs zu identifizieren und neue Strategien für die Krebsprävention und -früherkennung zu entwickeln. Erforschung der biologischen Alterung Das Team um Dr. Yin Cao hat maßgeblich dazu beigetragen, einzelne Faktoren zu identifizieren, die das Krebsrisiko im Laufe des Lebens beeinflussen – etwa Adipositas, Stoffwechselstörungen, Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, schlechte Ernährungsqualität und Entbindungen per Kaiserschnitt. Obwohl diese Erkenntnisse wichtige Hinweise auf die Ursachen von Krebs in jüngeren Jahren geliefert hätten, sei der Beitrag jedes einzelnen Faktors eher gering, heißt es in der Mitteilung der Washington University. Vor diesem Hintergrund suchten Cao und ihre Kollegen nach Wegen, den Einfluss mehrerer Risikofaktoren zu erfassen, die gemeinsam die Krebsentstehung begünstigen. Mit Unterstützung der Initiative Cancer Grand Challenges konnte Cao als Co-Leiterin des Team PROSPECT dieses Problem angehen. Für die aktuelle Studie analysierte ihr Team Daten von mehr als 154.000 jungen Erwachsenen aus der UK Biobank – einer umfangreichen biomedizinischen Datenbank mit Informationen zu Biologie, Gesundheit und Lebensstil – sowie von mehr als 10.000 US-Teilnehmern am „All of Us“-Forschungsprogramm der National Institutes of Health (NIH). Letzteres zielt darauf ab, einen umfassenden Gesundheitsdatensatz zu mehr als einer Million in den USA lebenden Menschen zu erstellen. Alterungsprozesse auf zwei Ebenen ermittelt Um das Age Gap zu bestimmen, untersuchten die Forschenden (darunter Erstautorin Ruiyi Tian, Doktorandin in Caos Arbeitsgruppe) die Alterungsprozesse auf zwei Ebenen: im gesamten Körper (systemische Alterung) sowie in einzelnen Organen (organspezifische Alterung). Zur Bestimmung des systemischen Alterns nutzten sie etablierte Verfahren, darunter klinische, auf Biomarkern basierende Messgrößen wie PhenoAge und die Klemera-Doubal-Methode sowie einen metabolomischen Altersscore, der ein Maß für den individuellen Stoffwechsel liefert. PhenoAge misst beispielsweise neun biochemische Blutmarker, wie etwa Albumin (das von der Leber produziert wird) und Kreatinin (ein Abfallprodukt, das über die Nieren ausgeschieden wird). Um das biologische Altern einzelner Organe zu bestimmen, nutzten die Forschenden Daten zur Proteinzusammensetzung des Blutes (Proteomik-Daten); diese messen die Konzentration verschiedener Proteine, die mit spezifischen Organsystemen in Verbindung stehen. Verstärktes systemisches Altern erhöht Risiko für frühe solide Tumore Im Rahmen seiner Analyse berechnete das Team die durchschnittliche Altersdifferenz für jeden Geburtsjahrgang und nutzte die Standardabweichung, um zu beschreiben, wie stark die jeweilige Gruppe vom Studiendurchschnitt abwich. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass bei Briten, die zwischen 1965 und 1974 geboren wurden, das systemische Altern – unter Berücksichtigung des chronologischen Alters – um 23 Prozent einer Standardabweichung höher ausfiel als bei den zwischen 1950 und 1954 Geborenen. Mit anderen Worten: Menschen des jüngeren Geburtsjahrgangs wiesen im gleichen chronologischen Alter eher biologische Profile auf, die einem höheren Alter entsprachen, als Menschen des älteren Geburtsjahrgangs. Ein ähnliches Muster beobachteten die Forschenden bei der US-amerikanischen Kohorte. Teilnehmende, die zwischen 1990 und 1999 geboren wurden, wiesen ein um 92 Prozent einer Standardabweichung höheres systemisches Altern auf als diejenigen, die zwischen 1965 und 1969 geboren wurden. Dieses verstärkte systemische Altern in der jüngeren Gruppe war mit einem um acht Prozent erhöhten Risiko für früh auftretende solide Krebserkrankungen verbunden, insbesondere für Lungen-, Magen-Darm- und Gebärmutterschleimhautkrebs. Bei einer Einteilung der Teilnehmenden in drei Gruppen anhand des Ausmaßes ihres systemischen Alterns zeigte sich, dass Personen mit dem am weitesten fortgeschrittenen systemischen Altern ein um 15 Prozent höheres Risiko für früh auftretende solide Krebserkrankungen hatten als Personen mit dem am wenigsten fortgeschrittenen systemischen Altern. Der Analyse zufolge blieb dieses erhöhte Risiko auch dann bestehen, wenn erbliche genetische Krebsrisiken sowie die genetische Veranlagung zu beschleunigtem Altern berücksichtigt wurden. Bei der genaueren Betrachtung des organspezifischen Alterns stellten die Forschenden fest, dass ein fortgeschrittenes Altern des Immunsystems mit einem erhöhten Risiko für früh auftretenden Lungenkrebs und ein fortgeschrittenes Altern des Fettgewebes mit einem erhöhten Risiko für früh auftretende Kolorektalkarzinome verbunden war. „Wenn wir jüngere Menschen mit dem höchsten Krebsrisiko identifizieren können, solange sie noch gesund sind, können wir uns auf Präventions- und Früherkennungsstrategien für diejenigen konzentrieren, die am meisten von frühzeitigen Interventionen profitieren würden“, sagte Cao. „Derzeit haben wir noch keine endgültige Antwort darauf, was den weltweiten Anstieg von Krebserkrankungen bei jüngeren Menschen verursacht. Doch Studien wie diese helfen uns, das Gesamtbild zu verstehen: Sie zeigen, dass Krebs möglicherweise nicht nur durch Veränderungen in einzelnen Zellen beeinflusst wird, sondern auch durch umfassendere Veränderungen im gesamten Körper“, erklärte Dr. David Scott, Direktor von Cancer Grand Challenges. Auch in Deutschland Anstieg von frühem Darmkrebs – aber deutlich unter US-Niveau Die aktuelle Auswertung deutscher Krebsregister zeigt, dass die Zahl der Darmkrebs-Neuerkrankungen bei jüngeren Erwachsenen (vor dem 50. Lebensjahr; Early-Onset Colorectal Cancer [EOCRC]) in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch hierzulande leicht angestiegen ist. Betroffen seien vor allem Menschen zwischen 20 und 39 Jahren, heißt es in einer Mitteilung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ). Die Ergebnisse beruhen auf Daten aus zehn deutschen Krebsregistern und umfassen den Zeitraum von 2003-2023. Beim EOCRC gilt jeder dritte Fall als erblich bedingt. Ausgeprägter Anstieg bei den Jüngsten Für die aktuelle Analyse werteten die Experten mehr als 28.000 Darmkrebsfälle bei Menschen im Alter von 20-49 Jahren aus. Dabei fanden sie, dass die Darmkrebsinzidenz bei 20- bis 29-Jährigen sowie bei 30- bis 39-Jährigen zunahm. Besonders ausgeprägt war der Anstieg in der jüngsten Altersgruppe. Bei den 40- bis 49-Jährigen blieb die Erkrankungshäufigkeit dagegen insgesamt weitgehend stabil. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Anstieg von Darmkrebs bei jungen Erwachsenen in Deutschland real ist, aber zumindest bislang deutlich moderater ausfällt als in den USA“, erklärt Prof. Volker Arndt vom DKFZ und dem Epidemiologischen Krebsregister Baden-Württemberg, einer der beiden Seniorautoren der Arbeit. Deutschland deutlich unter US-Niveau Ein wichtiger Teil der Studie war der Vergleich mit den USA, wo die Zunahme von Darmkrebs bei jüngeren Erwachsenen bereits seit Jahren intensiv diskutiert wird. Die Forschenden zeigen, dass die Erkrankungsraten in Deutschland sowohl zu Beginn des Untersuchungszeitraums als auch aktuell deutlich niedriger liegen als in den USA. Zudem verlief der Anstieg hierzulande wesentlich langsamer. Warum steigen die Zahlen? Die Ursachen sind bislang nicht vollständig geklärt. Als mögliche Einflussfaktoren werden Veränderungen des Lebensstils diskutiert, darunter Übergewicht, Bewegungsmangel und Ernährungsgewohnheiten. Auch Veränderungen der Darmflora könnten eine Rolle spielen. Die Ergebnisse deuten zugleich darauf hin, dass ein Teil des beobachteten Anstiegs auf eine frühere und verbesserte Diagnostik zurückzuführen sein könnte. Besonders häufig nahmen Tumoren mit vergleichsweise günstiger Prognose zu, die oft in einem frühen Stadium entdeckt werden. Kein Anlass für eine generelle Absenkung des Screening-Alters Trotz der beobachteten Entwicklung sehen die Autoren derzeit keinen ausreichenden Grund, die Altersgrenze für das Darmkrebs-Screening in der Allgemeinbevölkerung unter 50 Jahre abzusenken. „Darmkrebs vor dem 50. Lebensjahr bleibt in Deutschland insgesamt selten“, betont Jacqueline Müller-Nordhorn vom Landesinstitut Bayerisches Krebsregister des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. „Von jährlich rund 56.000 neuen Darmkrebsfällen entfallen lediglich etwa fünf Prozent auf Menschen unter 50 Jahren. Dennoch sollte darauf hingewiesen werden, dass bei Symptomen natürlich auch jüngere zeitnah individuell ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Vorrangig ist es, bekannte Risikogruppen – etwa Menschen mit familiärer Vorbelastung – konsequent zu identifizieren und ihnen die empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen anzubieten. Die Wissenschaftler empfehlen, die Entwicklung der Erkrankungszahlen weiterhin genau zu beobachten. Künftige Studien sollen insbesondere klären, welche Rolle frühe Lebensstilfaktoren, Übergewicht, der Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln, Antibiotikaeinsatz und/oder Veränderungen der Darmflora für die Entstehung von Darmkrebs in jungen Jahren spielen. Wie Experten die Ergebnisse einordnen „In den USA werden mittlerweile 14 Prozent aller Personen mit Darmkrebs in einem Alter unter 50 Jahren diagnostiziert“, erklärte Prof. Dr. Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Ulm, in einer Stellungnahme gegenüber dem Science Media Center. „Internationale Analysen zeigen steigende Inzidenzen in jüngeren Geburtsjahrgängen, während die Entwicklungen bei älteren Personen durch Screening und Polypektomie teilweise günstiger verlaufen. Gerade in dieser Altersgruppe gibt es ein diagnostisches Problem: Junge Erwachsene rechnen selbst selten mit Darmkrebs, und auch im ärztlichen Erstkontakt werden Symptome nicht immer unmittelbar als potenziell onkologisch relevant eingeordnet, sodass diagnostische Verzögerungen über mehrere Monate beschrieben werden.“ Die Zahlen bestätigten frühere Auswertungen, die ebenfalls für Deutschland niedrigere Inzidenzraten im Vergleich zu den USA gezeigt hätten, ordnet Seufferlein ein. „Die Ursachen sind sehr wahrscheinlich multifaktoriell. Diskutiert werden Adipositas, Bewegungsmangel, Ernährungsverhalten, Antibiotika und Mikrobiom-Veränderungen, metabolische Faktoren, sowie noch nicht geklärte Umweltfaktoren. In den USA hat die dort sehr deutliche Zunahme der Darmkrebsinzidenz bei jüngeren Menschen bereits dazu geführt, dass der Beginn des Darmkrebsscreenings auf das 45. Lebensjahr herabgesetzt wurde.“ Auf die Frage, wieso mehr Tumore mit guter Prognose gefunden werden, obwohl in diesen Gruppen kein Screening etabliert ist, erklärte der Experte: „Häufig werden bei jungen Menschen kolorektale Tumore erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Bei ihnen ist auch eine aggressivere Tumorbiologie beschrieben. In der vorliegenden Untersuchung mit Daten aus den deutschen Krebsregistern fanden sich interessanterweise Zunahmen der Inzidenz bei Jüngeren vor allem in prognostisch günstigeren Gruppen. Die Gründe für diese Diskrepanz sind nicht klar, sie zeigt aber, dass EOCRC eine komplexe, multifaktorielle Erkrankung ist. Zudem haben junge Menschen weniger Begleiterkrankungen als ältere – belastendere Therapien werden daher zum Teil besser vertragen, sodass das Stadium-adjustierte Überleben in der Gruppe der jüngeren Patient:innen besser ist. Bei etwa einem Drittel der kolorektalen Karzinome bei jüngeren Menschen liegen erbliche Prädispositionssyndrome zugrunde, die mit Immuntherapien sehr gut behandelbar sind.“ Darmkrebs bei jüngeren im Vergleich zu älteren Menschen Aufgeschlüsselt nach dem Alter stellt sich die Situation hierzulande folgendermaßen dar: „Rund fünf Prozent aller kolorektalen Karzinome werden in Deutschland bei Menschen unter 50 Jahren diagnostiziert, die Inzidenzrate liegt bei sieben bis zehn Fällen pro 100.000 Personen“, führte Seufferlein aus. „Die große Mehrzahl der Tumoren wird also jenseits des 50. Lebensjahrs diagnostiziert. Die vorliegende Auswertung aus deutschen Krebsregistern, die 46 Prozent der deutschen Bevölkerung umfasst, zeigt von 2003-2023 eine Zunahme der Inzidenz für Männer von 0,8 Prozent und für Frauen von 0,9 Prozent. Die Zunahme war vor allem bei den 20- bis 39-Jährigen festzustellen. Interessanterweise stieg auch die altersstandardisierte Inzidenz des Appendixkarzinoms bei allen Altersgruppen unter 50 Jahren an, ist aber mit 1,5 Fällen pro 100.000 Personen unter 50 Jahren insgesamt niedrig.“ „Ich schließe mich der Schlussfolgerung der Autor:innen an, dass eine Veränderung des Screeningprogramms – wie in den USA geschehen – auf dieser Datenbasis nicht sinnvoll ist. Die Inzidenz ist in Deutschland geringer und die Zunahme der Inzidenz deutlich langsamer als in den USA. Interessanterweise ist auch die Sterblichkeitsrate an EOCRC in Deutschland geringer als in den USA.“ Symptome ernst nehmen Allerdings müssten die Daten im Blick behalten werden, um Screening-Programme rechtzeitig anzupassen, mahnt der Experte. Deshalb seien Auswertungen wie in dieser Veröffentlichung sehr wichtig. „Auf jeden Fall müssen Symptome wie Hämatochezie, persistierende Bauchschmerzen, Eisenmangelanämie, ungeklärter Gewichtsverlust und anhaltende Veränderungen der Stuhlgewohnheiten auch unterhalb des regulären Screening-Alters konsequent abgeklärt werden. Daneben müssen wir unsere Anstrengungen in der Primärprävention, vor allem im Bereich Ernährung und Bewegung, ausbauen. Die aktuell diskutierte ‚Zuckersteuer‘ kann dazu einen Beitrag leisten.“ Hürden bei der Umsetzung des aktuellen Screenings Weiter führt Seufferlein aus, dass ein EOCRC nicht automatisch mit dem hereditären Kolorektalkarzinomen (KRK) gleichzusetzen sei. Aber bei jeder KRK-Diagnose sollte eine strukturierte Familienanamnese erhoben werden und eine Abklärung auf erbliche Prädispositionen, zum Beispiel ein Lynch-Syndrom – die häufigste genetische Ursache für Darmkrebs – erfolgen. „Letzteres ist initial durch eine vergleichsweise einfache pathologische Untersuchung des Tumorgewebes möglich. Wenn eine erbliche Prädisposition festgestellt wird, sollte der Indexpatient, aber auch seine erstgradigen Verwandten, humangenetisch beraten und getestet werden“, fordert Seufferlein. „Wenn erstgradige Verwandte ebenfalls Merkmalträger sind, müssen sie viel früher als die Normalbevölkerung eine Darmspiegelung vornehmen lassen, das heißt ab dem 20. bis 25. Lebensjahr. Das ist aktuell noch nicht in der gesetzlichen Früherkennungsrichtlinie aufgenommen, wird aber von unserer nationalen S3-Leitlinie und internationalen Leitlinien stark empfohlen. Denn das Lebenszeitrisiko für ein kolorektales Karzinom in dieser Gruppe ist sehr hoch – es liegt je nach Genmutation und Geschlecht zwischen 40 bis 80 Prozent. Screening bei diesen jungen Merkmalsträgern ist damit absolut sinnvoll und notwendig.“ Möglicherweise mehr Darmspiegelungen bei Jüngeren Prof. Ulrike Haug vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), Bremen, wurde vom Science Media Center ebenfalls um ihre Einschätzung der Studie gebeten. „Die von den Autor:innen diskutierte Erklärung, dass es teilweise an der Zunahme des Übergewichts liegen könnte, erscheint mir nicht unplausibel“, erklärte sie. „Es wäre aber auch wichtig zu untersuchen, wie sich die Häufigkeit von Darmspiegelungen bei Jüngeren im Studienzeitraum verändert hat“, fährt sie fort. „Wie von den Autor:innen angemerkt, könnte ein dahingehend ansteigender Trend die zunehmende Erkennung von Tumoren mit guter Prognose befördert haben. Bei Personen unter 50 Jahren ist in Deutschland zwar kein Screening etabliert, aber es finden in diesen Altersgruppen bereits Darmspiegelungen aus unterschiedlichen Gründen statt, die zur Früherkennung von Darmkrebs beitragen könnten. So erhalten etwa zehn Prozent der Personen zwischen 30 und 40 Jahren und etwa 15 Prozent zwischen 40 und 50 Jahren eine Darmspiegelung. Außerdem gibt es Krankenkassen, die den Stuhltest bereits ab 40 Jahren anbieten. In den Programmdaten tauchen diese Tests nicht auf, weil sie außerhalb des Früherkennungsprogramms angeboten werden. Auch kann man den Test selbst erwerben und Frauen kommen häufig zudem im Rahmen eines Frauenarzttermins mit dem Test in Kontakt.“
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