Akutes Atemversagen: Carbocistein und inhalative hypertone Kochsalzlösung verkürzen Beatmungszeit nicht

Symbolfoto: ©Kiryl Lis/stock.adobe.com

Bei schwer kranken Patienten mit akutem respiratorischem Versagen verkürzten weder Carbocistein noch inhalative hypertone Kochsalzlösung die Dauer der maschinellen Beatmung signifikant. Beide Interventionen waren in der multizentrischen Studie MARCH jedoch mit unerwünschten Folgen assoziiert.

Mukolytika werden häufig bei Patienten mit akutem Atemversagen eingesetzt. Bislang existieren aber nur begrenzte Belege für ihre Wirksamkeit und Sicherheit in dieser Patientengruppe. Ein genaueres Bild sollte die multizentrische, randomisierte Open-Label-Studie MARCH liefern. Deren Ergebnisse wurden im „New England Journal of Medicine“ publiziert.

Carbocistein und/oder Kochsalzinhalation versus Standardbehandlung

Das verantwortliche Forscherteam schloss in ihre Untersuchung schwer kranke, maschinell beatmete Patienten ab 16 Jahren ein. Diese litten an akutem Atemversagen und konnten nur schwer Sekret abhusten. Alle Teilnehmer erhielten über einen Zeitraum von bis zu 28 Tagen eine Standardbehandlung, ergänzt durch Carbocistein (750 mg dreimal täglich enteral) oder inhalative hypertone Kochsalzlösung (HTS) in einer Konzentration von sechs oder sieben Prozent (4 ml viermal täglich), eine Kombination aus beidem oder lediglich die Standardbehandlung.

Primärer Endpunkt war die Dauer der maschinellen Beatmung (vom Zeitpunkt der Randomisierung bis zur ersten erfolgreichen Phase der Spontanatmung). Primäre Vergleiche erfolgten zwischen der Gabe von Carbocistein (unabhängig von der HTS-Gabe) und dem Verzicht darauf sowie zwischen der Anwendung von HTS (unabhängig von der Carbocistein-Gabe) und dem Verzicht darauf. Jeder Vergleich umfasste dabei jeweils 2 Behandlungsgruppen.

Randomisiert wurden 1956 Patienten, von denen 486 Carbocistein erhielten, 485 HTS, 492 beide Behandlungen und 493 ausschließlich die Standardbehandlung. Die Primäranalyse umfasste 472 bzw. 474 und 479 bzw. 478 Patienten.

Keine Verkürzung der Beatmungszeit, aber mehr Komplikationen

Die Forschenden sahen keinen Hinweis auf eine Interaktion zwischen den Behandlungen (HR 1,01; 95 %-KI 0,83–1,22; p = 0,91). Die Patienten wurden im Median für 186,1 Stunden (95 %-KI 168,3–196,6) bei Anwendung von Carbocistein bzw. für 172,7 Stunden (95 %-KI 165,2–190,4) ohne Carbocistein (adjustierte HR 0,96; 95 %-KI 0,87–1,05; p = 0,34) maschinell beatmet. Auf 184,5 Stunden maschineller Beatmung (95 %-KI 165,6–194,1) kamen Teilnehmer bei Anwendung von HTS bzw. auf 174,3 h (95 %-KI 166,9–192,7) ohne HTS (adjustierte HR 1,00; 95 %-KI 0,91–1,10; p = 0,98).

Klinisch relevante Blutungen im oberen Gastrointestinaltrakt traten unter Carbocistein signifikant häufiger auf als ohne Carbocistein (13/965 [1,4 %] vs. 2/966 [0,2 %]; Risikoverhältnis 6,51; 95 %-KI 1,47–28,76; p = 0,01). Eine Bronchokonstriktion, die den Einsatz von Bronchodilatatoren erforderlich machte, trat bei Anwendung von HTS signifikant häufiger auf als ohne HTS (23/967 [2,4 %] vs. 4/964 [0,4 %]; Risikoverhältnis 5,73; 95 %-KI 1,99–16,52; p = 0,001); Gleiches galt für Hypoxämien während der Verneblung (40/967 [4,1 %] vs. 3/964 [0,3 %]; Risikoverhältnis 13,29; 95 %-KI 4,12–42,83; p < 0,001). In der Kombinationsgruppe kam es zu einem schwerwiegenden unerwünschten Ereignis.

(ac/BIERMANN)