Anämie: Internationale Datenauswertung definiert Hämoglobin-Grenzwerte

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Eine internationale Studie hat die Hämoglobin-Grenzwerte zur Diagnose von Anämie weltweit neu bewertet. Die Ergebnisse, basierend auf Daten aus acht Ländern, könnten die bisherigen WHO-Schwellenwerte aktualisieren und eine einheitlichere Diagnose ermöglichen.

Die derzeitigen Definitionen der Weltgesundheitsorganisation für Anämie beruhen auf statistischen Schwellenwerten (5. Zentile), die vor > 50 Jahren festgelegt wurden. Eine internationale Forschergruppe wertete nun die Daten aus 8 Ländern weltweit über einen Zeitraum von >20 Jahren (1998–2020) aus, um einheitliche Hämoglobin-Grenzwerte aus einer gesunden Bevölkerung zu erhalten.

Ihre in „The Lancet. Haematology“ veröffentlichten Ergebnisse ermöglichen eine weltweite Harmonisierung der Hämoglobin-Grenzwerte für die Diagnose einer Anämie. Demnach sind die Hämoglobin-Grenzwerte bis zur Adoleszenz zwischen den Geschlechtern ähnlich, danach haben Männer höhere Grenzwerte als Frauen. Die Anpassung der Schwellenwerte für Menschen unterschiedlicher Abstammung scheint hingegen nicht notwendig.

Für die gesunde Referenzprobe identifizierten Erstautorin Dr. Sabine Braat von der University of Melbourne, Australien, und Kollegen insgesamt 8 internationale Datenquellen aus den USA, England, Australien, China, den Niederlanden, Kanada, Ecuador und Bangladesch mit 18 Einzeldatensätzen, die für die Analyse infrage kamen. Personen mit klinischen oder biochemischen Hinweisen auf einen Zustand, der die Hämoglobin-Konzentration verringern könnte, schlossen die Forscher aus.

Anhand dieser Datensätze schätzten sie die Hämoglobin-Schwellenwerte (d.h. die 5. Perzentile) für Kinder und Erwachsene unterschiedlicher Altersstufen. Außerdem haben sie die Ergebnisse von 3 groß angelegten genetischen Studien zusammengetragen, um die genetischen Varianten zusammenzufassen, die die Hämoglobin-Konzentration in Populationen verschiedener Abstammung beeinflussen.

In gepoolten Analysen betrug das 5. Zentil des Hämoglobins 104,4 g/l (90%-KI 103,5–105,3) bei 924 Kindern im Alter von 6–23 Monaten, 110,2 g/l (90%-KI 109,5–110,9) bei 1874 Kindern im Alter von 24–59 Monaten und 114,4 g/l (90%-KI 113,6–115,2) bei 1839 Kindern im Alter von 5–11 Jahren. Bei Jugendlichen (12–17 Jahre) und Erwachsenen (18–65 Jahre) unterschieden sich die Werte nach Geschlecht. So lag das 5. Zentil bei 1741 weiblichen Jugendlichen bei 122,2 g/l (90%-KI 121,3–123,1) und 128,2 g/l (90%-KI 126,4–130,0) bei 1103 männlichen Jugendlichen.

Unter den Erwachsenen ermittelten Braat et al. 5. Perzentile von 119,7 g/l (90%-KI 119,1–120,3) bei 3640 nichtschwangeren Frauen und 134,9 g/l (90%-KI 134,2–135,6) bei 2377 Männern. Die 5. Zentile in der Schwangerschaft betrugen 110,3 g/l (90%-KI 109,5–111,0) im 1. Trimester (n=772) und 105,9 g/l (90%-KI 104,0–107,7) im 2. Trimester (n=111). Für die Analyse im 3. Trimester sowie für Erwachsene >65 Jahre reichten die Daten den Forschenden zufolge nicht aus. Auch habe man keine abstammungsspezifisch hohe Prävalenz nicht­klinisch relevanter genetischer Varianten, welche die Hämoglobin-Konzentration beeinflussen, feststellen können.

Fazit
Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse zur Harmonisierung der Hämoglobin-Grenzwerte und unterstützt die Aktualisierung der diagnostischen Kriterien für Anämie, um eine präzisere und einheitlichere Diagnose weltweit zu ermöglichen. (ah)

Autoren: Braat S et al.
Korrespondenz: Sant-Rayn Pasricha; [email protected]
Studie: Haemoglobin thresholds to define anaemia from age 6 months to 65 years: estimates from international data sources
Quelle: Lancet Haematol 2024;11(4):e253–e264.
Web: https://doi.org/10.1016/S2352-3026(24)00030-9