Antidepressiva bei Demenz: Keine klinische Verbesserung9. August 2024 Foto: ©Robert Kneschke – stock.adobe.com Obwohl Antidepressiva als Behandlung empfohlen werden, ist deren Wirkung bei depressiven Menschen mit Demenz nach wie vor unklar. In einer Übersichtsarbeit konnten Forschende aus Bern, Schweiz, und Ulm keinen Nachweis für einen klinischen Effekt dieser Medikamente finden. Depressionen und Demenz beeinträchtigen ältere Erwachsene erheblich und führen zu einer verminderten Lebensqualität und Unabhängigkeit. Fast ein Drittel der älteren Erwachsenen mit leichter bis mittelschwerer Demenz leidet zudem an einer schweren depressiven Störung. Depressionen werden einerseits mit einem höheren Risiko für Demenz in Verbindung gebracht und andererseits auch als ein neuropsychiatrisches Symptom der Demenz angesehen. Darüber hinaus können Depressionen zu den ersten Symptomen gehören, die eine Demenz ankündigen, was die komplexe Beziehung zwischen diesen beiden Erkrankungen verdeutlicht. „Die Wirksamkeit von Antidepressiva bei der Behandlung von Depressionen bei Demenz ist im Gegensatz zu ‚normalen‘ Depressionen hingegen nicht gut belegt“, erklärt Dr. Eric Lenouvel von der Universitätsklinik für Alterspsychiatrie und Psychotherapie im schweizerischen Bern und Erstautor der Studie. Erstautor Dr. Eric Lenouvel von der Klinik für Alterspsychiatrie und Psychotherapie der Uni Bern. Foto: ©Sandra Habegger/UPD Bern Einige Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass Antidepressiva die Symptome sogar noch verschlimmern könnten, während eine kürzlich veröffentlichte unabhängige Cochrane-Review-Arbeit aufgrund fehlender umfassender Studien keine schlüssigen Beweise für ihre Wirksamkeit liefert. „Diese Ungewissheit steht im Widerspruch zur gängigen Praxis, bei der Antidepressiva bei schweren Depressionen älteren Menschen verschrieben werden und oft zur Polypharmazie in Pflegeheimen führen, wenn Betroffene gleichzeitig und dauerhaft mindestens fünf verschiedene Arzneimittel einnehmen“, so Lenouvel weiter. In der Übersichtsarbeit, die in „Psychiatry Research“ erschienen ist, hat die Forschenden der Berner und Ulmer Universitätsmedizin sowie der geriatrischen Agaplesion Bethesda Klinik Ulm vor allem die Wirkung von Antidepressiva aller Art auf das Ausmaß depressiver Symptome interessiert. In zweiter Linie kam es auf den kognitiven Zustand, die Lebensqualität und die Funktionalität der Betroffenen an. Von 14 ausgewählten Studien enthielten acht ausreichende Daten für eine quantitative Synthese mit insgesamt 617 Teilnehmenden, von denen 160 an einer leichten und 457 an einer mittelschweren bis schweren Depression litten. Prof. Carlos Schönfeldt-Lecuona, Ulmer Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie III. Foto: ©Elvira Eberhardt/Uni Ulm Die Untersuchungsergebnisse konnten eine Wirkung der Antidepressiva aufgrund der untersuchten Studien nicht bestätigen. Dennoch gilt die Beweissicherheit der Ergebnisse nur als mäßig; aufgrund von Ungenauigkeit mussten sie zusätzlich herabgestuft werden. Außerdem umfasst die Übersicht nicht die gesamte Forschung auf diesem Gebiet. „Das Fehlen einer eindeutigen Wirksamkeit könnte darauf hindeuten, dass eine Depression bei älteren Erwachsenen mit Demenz anders entsteht. Deshalb ist es wichtig, ältere Erwachsene gesondert zu untersuchen“, so Prof. Carlos Schönfeldt-Lecuona, der die Studie koordiniert hat. Der Psychiater arbeitet in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III des Universitätsklinikums Ulm. Eine Rolle dabei spielen möglicherweise zerebrale Strukturveränderungen, die mit den verschiedenen Formen der Demenz einhergehen sowie die Dysregulation von Neurotransmittern, ein geänderter Stoffwechsel und eine veränderte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke. Angesichts des globalen Trends einer alternden Bevölkerung und der zunehmenden Verbreitung von Demenz werde eine wirksame Diagnose und Behandlung von Depressionen bei Demenzpatienten immer wichtiger, so die Schlussfolgerung der Forschenden. Die Forschung entstand im Rahmen des Verbundvorhabens „Medikation und Lebenssituation im Alter“ der Medizinischen Fakultäten Heidelberg, Ulm und Freiburg, das durch die offene Förderlinie der Sonderlinie Medizin des Hochschulfinanzierungsvertrags Baden-Württemberg finanziert wird.
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