DOG 2026 „Augenheilkunde ohne Grenzen“: Das Fach kooperativ weiterentwickeln17. September 2026 Die Öffnung verschiedenster Grenzen innerhalb der Augenheilkunde, aber auch zwischen der Augenheilkunde und anderen Bereichen ist das zentrale Motto des 124. DOG-Kongresses unter der Präsidentschaft von Lars-Olof Hattenbach. Fotos: © blobbotronic – stock.adobe.com / © Alexander Seeboth Photography_Heidelberg Welche neuen Trends beschäftigen aktuell die Augenheilkunde in der Patientenversorgung und Forschung, aber auch mit Blick die Entwicklung des Faches insgesamt? Hierzu führten wir im Vorfeld des 124. Kongresses der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) ein Gespräch mit DOG-Präsident Prof. Lars-Olof Hattenbach, Direktor der Augenklinik des Klinikums Ludwigshafen. Schwerpunkte sind hierbei unter anderem die vielschichtigen Aspekte des Kongressmottos 2026 „Augenheilkunde ohne Grenzen“, die Kooperationen der Fachgesellschaft zur Stärkung der Krisenresilienz und die Überwindung bisheriger Grenzen in der ophthalmologischen Wissenschaft. Herr Prof. Hattenbach, das Motto des DOG-Kongresses 2026 lautet „Augenheilkunde ohne Grenzen“. Das hört sich zunächst nach Internationalisierung an. Aber sicherlich sind auch andere Grenzen gemeint, etwa innerhalb des Forschungsbetriebes – Stichwort Interdisziplinarität – oder auch innerhalb des Gesundheitswesens – Stichwort Sektorengrenzen. Bitte erläutern Sie, wie das Motto auf dem Kongress inhaltlich umgesetzt wird. Hattenbach: „Augenheilkunde ohne Grenzen“ ist bewusst vielschichtig gemeint. Natürlich steht das Motto zunächst für die internationale Vernetzung unseres Faches. Echter wissenschaftlicher Fortschritt entsteht heute fast immer in internationalen Kooperationen und auch die Versorgung in Deutschland wäre ohne diese kaum vorstellbar. Die Bedeutung der internationalen Perspektive spiegelt sich im Kongressprogramm durch die gemeinsamen „Focus“-Sitzungen mit ausländischen Fachgesellschaften, durch die internationalen Referentinnen und Referenten sowie englischsprachigen Formate wider. Doch auch in der Wissenschaft werden Grenzen überwunden, die lange Zeit als unüberwindlich galten: Fast zeitgleich mit der diesjährigen DOG wurde mit dem subretinalen PRIMA-Implantat zur Behandlung der Geographischen Atrophie erstmals überhaupt ein Netzhautchip zur therapeutischen Anwendung zugelassen, ein echter Meilenstein in der Geschichte der ophthalmologischen Forschung. Natürlich werden wir während des Kongresses hierüber berichten und auch eine Keynote hierzu hören, ebenso wie zu den Themen „Künstliche Intelligenz“ und „Digitale Ophthalmologie“, die die Entwicklung der Augenheilkunde in den kommenden Jahren mit ziemlicher Sicherheit maßgeblich beeinflussen werden. Die Überwindung von Grenzen beobachten wir aber auch in der Ausbildung: Nehmen wir nur die EBO-Prüfungen (EBO = European Board of Ophthalmology) zum europäischen Facharzt, für die es auch diesmal wieder vorbereitende Workshops geben wird. Oder die speziell für angehende Augenärzte gedachten Symposien, in denen Möglichkeiten zu Weiterbildung und Networking auf internationaler Ebene aufgezeigt werden. Mindestens ebenso wichtig ist uns aber die Überwindung von Grenzen innerhalb der Medizin. Viele der großen Zukunftsthemen der Augenheilkunde wie Künstliche Intelligenz, Gentherapie oder die Nutzung großer Gesundheitsdatensätze lassen sich nur interdisziplinär bearbeiten, und dafür brauchen wir den Austausch mit anderen Fachrichtungen, den man während der diesjährigen DOG gleich mehrfach erleben kann. Nicht zuletzt bezieht sich „ohne Grenzen“ aber auch auf die Überwindung der Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Gerade in der Augenheilkunde erleben wir eine zunehmende Ambulantisierung, während hochkomplexe Eingriffe, Notfälle und eine wachsende Zahl älterer, multimorbider Patienten weiterhin leistungsfähige klinische Strukturen benötigen. Wir müssen deshalb weniger in Sektoren und stärker in Versorgungsabläufen denken – auch dies wird sich in den Sitzungen der diesjährigen DOG wiederfinden. Wie man sieht, ist das Motto „Augenheilkunde ohne Grenzen“ also bei Weitem kein rein geografisches Leitmotiv, sondern ein Plädoyer für eine offene und kooperative Weiterentwicklung unseres Faches, die den Blick weit über den Tellerrand hinaus richtet. Greifen wir noch einmal den Aspekt Internationalisierung auf. Seit einiger Zeit steht der Wissenschaftsstandort USA unter politischem Druck. Forschungsbudgets wurden gekürzt, die Wissenschaftsfreiheit wird infrage gestellt. Ist in der ophthalmologischen Forschung bereits eine Verlagerung von Top-Talenten in Richtung Europa, speziell Deutschland, zu bemerken? Oder ist gerade in Deutschland die Forschungslandschaft finanziell und strukturell – Bürokratie – für Spitzenforscher nicht attraktiv genug? Hattenbach: Wir nehmen ein deutlich gestiegenes Interesse am Wissenschaftsstandort Europa wahr. Diese Entwicklung ist aber eigentlich bereits seit vielen Jahren zu beobachten, was sich sehr gut an den stetig wachsenden Teilnahmezahlen europäischer augenärztlicher Kongresse ablesen lässt. Und im Gegensatz zu früher werden diese Kongresse regelmäßig auch von amerikanischen Kollegen und Kolleginnen besucht, was ja eine sehr positive Entwicklung ist und darauf hinweist, dass das wissenschaftliche Interesse mittlerweile auf Gegenseitigkeit beruht und der Austausch von Knowhow auf Augenhöhe stattfindet. Andererseits denke ich, dass die Faszination am Forschungsstandort USA weiterhin ungebrochen ist. Amerika hat eine lange Tradition an naturwissenschaftlicher und insbesondere medizinischer Spitzenforschung unter exzellenten Bedingungen. Wissenschaftliche Karrieren, Forschungsgruppen und klinische Studienprogramme verlagern sich nicht innerhalb weniger Monate und auch Studien oder technische Entwicklungen werden nach wie vor in gewohnter Qualität und Kontinuität umgesetzt. Von einer Verlagerung ophthalmologischer Spitzenforschung zu sprechen, wäre also noch sehr spekulativ. Es gibt jedoch eine neue Offenheit vieler internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ihre weitere Karriere zumindest auch in Europa zu prüfen, und hier ist es an uns, ihnen möglichst optimale Bedingungen zu schaffen. Gerade Deutschland verfügt dabei über große Stärken: Leistungsfähige Universitäten und Kliniken, eine enge Verbindung von Grundlagenforschung und klinischer Anwendung, starke außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und eine weiterhin verlässliche öffentliche Forschungsförderung. Allerdings zählen für Spitzenforscher und Spitzenforscherinnen nicht nur wissenschaftliche Tradition und technische Ausstattung. Entscheidend sind langfristige Perspektiven, geschützte Forschungszeit, klare Karrierewege, ausreichend Personal und eine Administration, die Forschung im positiven Sinne „ohne Grenzen“ wirklich zulässt. Gerade bei klinischen Studien, Datenschutz, Vertragsverhandlungen und der Genehmigung innovativer Verfahren ist Deutschland im internationalen Vergleich häufig zu langsam und zu umständlich. Sollten die Karten im Wettbewerb um den besten Forschungsstandort in der Ophthalmologie also tatsächlich neu verteilt werden, und im Grunde wurden sie das schon immer, so wäre dies eine große Chance für Deutschland und Europa, aber eben kein Selbstläufer. Das deutsche Gesundheitswesen würde bekanntermaßen ohne ausländische Ärzte nicht mehr funktionieren. Welche Nationalitäten stützen insbesondere die Augenheilkunde und wie gestaltet sich die Praxis der Anerkennungsverfahren? Kann die DOG hier Unterstützung anbieten? Hattenbach: Die Zahl von 851 ausländischen Augenärztinnen und Augenärzten in der vertragsärztlichen Versorgung Ende 2025 zeigt bereits, welch wichtigen Beitrag international ausgebildete Kolleginnen und Kollegen inzwischen leisten. Eine gesonderte Statistik der außerhalb des niedergelassenen Bereiches in der Augenheilkunde tätigen ausländischen Mediziner gibt es zwar nicht, doch weiß man, dass insgesamt die überwiegende Mehrheit, das heißt bis zu 79 Prozent aller ausländischen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, im stationären Bereich, also den Krankenhäusern arbeitet. In der Augenheilkunde wird dies nicht viel anders sein, sodass die tatsächliche Zahl ausländischer Kolleginnen und Kollegen noch wesentlich höher liegen dürfte, als es die Statistik zum niedergelassenen Bereich vermuten lässt. Auch genaue Angaben zur Häufigkeit der Herkunftsländer sind so nicht möglich. Doch aus der ärztlichen Gesamtstatistik und unserer klinischen Erfahrung wissen wir, dass neben Kolleginnen und Kollegen aus EU-Staaten und Südosteuropa zunehmend auch Länder wie Syrien, die Türkei, die Ukraine, Ägypten, Iran, der Nahe Osten und Nordafrika eine Rolle spielen. Die Zusammensetzung unterscheidet sich allerdings erheblich zwischen Regionen, Kliniken und Versorgungssektoren. Die Anerkennungsverfahren sind weiterhin sehr heterogen. Bei Abschlüssen aus EU-Staaten ist die Anerkennung grundsätzlich stärker standardisiert. Bei Drittstaaten müssen dagegen schon aus Gründen der Patientensicherheit Gleichwertigkeits-, Fachsprachen- und Kenntnisprüfungen durchlaufen werden. Die DOG kann die staatliche Anerkennung nicht ersetzen. Sie kann aber unterstützen durch strukturierte Fortbildungsangebote, Mentoring, Vorbereitungsmöglichkeiten auf Prüfungen, Zugang zu Kongressen und Kursen sowie als Plattform zur internationalen Vernetzung. Die DOG 2026 ist ein schönes Beispiel dafür, wie genau dies sprachlich mit einer Vielzahl an englischsprachigen Sitzungen und digitalem Übersetzungstool fachlich und auch kulturell gelingen kann. Beim diesjährigen AAD-Pressetalk im März berichtete DOG-Generalsekretär Prof. Claus Cursiefen, dass die DOG die Krisenresilienz als neues Thema gesetzt habe. Das Fach müsse sich in der Versorgung verstärkt auf Krisen- und Kriegssituationen ausrichten. Welche Maßnahmen wurden hierzu bereits unternommen oder sind in Planung? Hattenbach: Die Pandemie, Naturkatastrophen, Cyberangriffe und vor allem der Krieg gegen die Ukraine haben uns vor Augen geführt, dass auch hochentwickelte Gesundheitssysteme innerhalb kurzer Zeit unter erheblichen Druck geraten können. Krisenresilienz bedeutet deshalb zunächst, die augenärztliche Versorgung auch bei eingeschränkter Infrastruktur aufrechterhalten zu können. In der Augenheilkunde geht es dabei um sehr konkrete Fragen: Welche Erkrankungen und Verletzungen müssen unter allen Umständen sofort behandelt werden? Wie sichern wir die Versorgung von Netzhautablösungen, Bulbusverletzungen, Endophthalmitiden oder schweren Verätzungen? Welche Medikamente, Implantate und Einmalmaterialien müssen bevorratet werden? Und wie können Diagnostik, Kommunikation und Patientensteuerung funktionieren, wenn digitale Systeme oder reguläre Transportwege ausfallen? Aufgabe der DOG wird vor allem sein, hierzu die ophthalmologischen Kompetenzen zu bündeln und den Austausch mit der Notfallmedizin, Traumatologie und Katastrophenmedizin zu intensivieren. Ebenso wichtig ist der Dialog mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr und mit Kolleginnen und Kollegen aus der Ukraine. So wird natürlich auch die DOG im November dieses Jahres bei der bereits vierten Sitzung der Chirurgischen Arbeitsgemeinschaft Resilienz im Gesundheitswesen (CARG) der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie vertreten sein, einer interdisziplinären und interprofessionellen Präsenzsitzung, bei der zentrale Fragestellungen zur Stärkung der Resilienz des Gesundheitswesens im Mittelpunkt stehen. Resilienz entsteht ja letztendlich nicht erst in der Krise, sondern durch Planung, Training und verlässliche Netzwerke im Vorfeld. Auf welche Neuerungen in der medikamentösen und chirurgischen Therapie richtet der DOG-Kongress diesmal sein besonderes Augenmerk? Sie haben eingangs auf ein neuartiges Implantat hingewiesen. Gibt es insbesondere Hoffnungen auf eine demnächst auch in der Europäischen Union zugelassene Therapie der trockenen Altersabhängigen Makuladegeneration (AMD)? Hattenbach: Gerade bei der AMD erleben wir derzeit eine ausgesprochen spannende Entwicklung. Die DOG 2026 wird deshalb besondere Akzente auf einige Meilensteine setzen, die zeigen, wie sich das therapeutische Spektrum gerade bei der AMD zunehmend erweitert. Ein herausragendes Beispiel ist das bereits erwähnte subretinale PRIMA-Netzhautimplantat zur funktionellen Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Geographischer Atrophie, mit dem bei bereits weit fortgeschrittenem Verlust zentraler Photorezeptoren wieder eine Form des zentralen Sehens ermöglicht werden kann. Solche Ansätze markieren einen grundlegenden Perspektivwechsel in der Behandlung der fortgeschrittenen trockenen AMD. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Nutzung Künstlicher Intelligenz und digitaler Technologien beim Home-Monitoring von Patienten mit neovaskulärer AMD. Ziel ist es, Krankheitsaktivität respektive relevante Veränderungen künftig früher und möglichst bereits außerhalb der Klinik oder Praxis zu erkennen, wodurch sich sowohl die Sicherheit der Behandlung als auch die individuelle Steuerung von Kontroll- und Therapieintervallen wesentlich verbessern ließe. Beide Themen werden auf der DOG 2026 prominent aufgegriffen. Aber auch über die Keynotes hinaus finden sich im wissenschaftlichen Programm Beiträge und Sitzungen, die diese Entwicklungen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Was die medikamentöse Behandlung der trockenen AMD betrifft, ist die Situation weiterhin weniger befriedigend – und auch die im Gegensatz zu Europa in den USA zugelassenen Komplementinhibitoren haben daran bisher wenig geändert. Umso wichtiger ist es, den Blick nicht allein auf eine einzelne Wirkstoffklasse zu richten. Wir sehen derzeit eine ganze Reihe unterschiedlicher Strategien, und die DOG 2026 wird das gesamte Spektrum dieser Innovationen weitgehend abbilden. Hierbei stehen unter anderem länger wirksame Behandlungsstrategien für neovaskuläre Netzhauterkrankungen, neue Applikationssysteme wie das „Port Delivery System“, gentherapeutische Ansätze, systemisch applizierbare immunologische Therapien sowie die personalisierte Auswahl von Behandlungsintervallen im Mittelpunkt. Die DOG-AG Klinische Studienzentren hat vor einem halben Jahr die Social-Media-Kampagne „Für mehr Sehen. Entdecke das Potenzial klinischer Studien.“ gestartet (https://fuer-mehr-sehen.de). Die Kampagne soll Patienten informieren, welche Bedeutung klinische Studien für den augenmedizinischen Fortschritt haben und welche Chancen ihnen eine Teilnahme bietet. Wie kann ein Interessent erfahren, für welche Studie er geeignet wäre und an welchen Studienzentren diese durchgeführt wird? Und welche Ziele verfolgt die AG im Interesse der Augenkliniken? Hattenbach: Ohne klinische Studien gäbe es keinen medizinischen Fortschritt. Sie sind die unverzichtbare Voraussetzung dafür, neue Therapien wissenschaftlich zu prüfen und anschließend sicher und evidenzbasiert in die Patientenversorgung zu überführen. Ein wesentliches Anliegen der DOG-Kampagne ist es, das Bewusstsein hierfür zu stärken, rund um das Thema Studien zu informieren sowie möglicherweise vorliegende Hürden und Ängste abzubauen und sowohl Augenärzte als auch Patienten dabei zu unterstützen, die für das jeweils vorliegende Krankheitsbild „passende“ Studie zu finden. Dies ist vor allem auch deshalb so wichtig, weil Studien nicht selten die einzige Chance sind, bestimmte Krankheitsbilder überhaupt behandeln zu können. Die Website der Kampagne „Für mehr Sehen“ bietet über Links zu den entsprechenden Suchportalen von regional bis europaweit die Möglichkeit, mittels Stichwortsuche geeignete Studien zu identifizieren. Darüber hinaus wird in verständlicher Form erklärt, wie klinische Studien funktionieren, welche Untersuchungen dazugehören und welche Chancen, aber auch welche Verpflichtungen mit einer Teilnahme verbunden sind. Der erste Ansprechpartner für Patienten bleibt dabei der behandelnde Augenarzt, die behandelnde Augenärztin. Interessierte können außerdem gezielt bei Universitäts-Augenkliniken und größeren Augenkliniken mit ophthalmologischen Studienzentren nachfragen, welche Studien aktuell durchgeführt werden. Ob eine Teilnahme möglich ist, hängt von sehr genau definierten Ein- und Ausschlusskriterien wie exakter Diagnose, Erkrankungsstadium, Vorbehandlungen, Sehschärfe, Bildgebungsbefunden und Begleiterkrankungen ab. Dies lässt sich dann letztendlich nur durch ein qualifiziertes Studienzentrum beurteilen. Ein weiteres Ziel der DOG-Kampagne ist es, Deutschland als Standort klinischer ophthalmologischer Studien zu stärken. Dazu müssen Studienzentren schneller rekrutieren können und zugleich höchste Qualitäts- und Sicherheitsstandards gewährleisten. Die Kampagne richtet sich deshalb nicht nur an potenzielle Teilnehmende. Sie soll auch deutlich machen, dass klinische Studien ein wesentlicher Teil der medizinischen Versorgung und keine von ihr getrennte Zusatzaufgabe sind. Während der letztjährigen Tagung hat die DOG den „OphthalmoPitch“ initiiert, um die Kontakte zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu fördern. Die Projekte, die sich um den Innovationspreis bewerben, sollen Lösungen für „unmet medical needs“ aufzeigen. Können Sie einen ersten Ausblick geben, welche Fragestellungen von den aktuell eingereichten Projektideen adressiert werden? Hattenbach: Das Auswahlverfahren sollte nicht durch eine öffentliche Bewertung einzelner Einreichungen vorweggenommen werden. Bisher lässt sich aber erkennen, dass sich die Projektideen an sehr konkreten, ungelösten Problemen der ophthalmologischen Versorgung orientieren. Thematisch geht es unter anderem um eine frühere und präzisere Diagnostik, die automatisierte Auswertung ophthalmologischer Bilddaten, chirurgische Assistenzsysteme, innovative Tamponaden sowie Lösungen für Patienten, für die bisher keine ausreichende Therapie existiert. Besonders interessant sind Projekte, die nicht allein technologisch faszinierend sind, sondern ein klar definiertes klinisches Problem lösen. Entscheidend ist also: Welcher ungedeckte medizinische Bedarf besteht? Verbessert die Innovation Sehfähigkeit, Sicherheit, Lebensqualität oder den Zugang zur Versorgung? Und lässt sie sich realistisch in den klinischen Alltag überführen? Genau hier setzt der OphthalmoPitch an. Gute wissenschaftliche Ideen scheitern häufig nicht an ihrer Qualität, sondern an fehlender Kenntnis über regulatorische Anforderungen, Finanzierung, Patente, Unternehmensgründung oder Marktzugang. Das Format bringt deshalb Wissenschaft, klinische Anwender, Investoren und Industrie frühzeitig miteinander ins Gespräch, ohne die wissenschaftliche Unabhängigkeit aufzugeben. Die DOG hat 2024 in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Augenärztinnen und Augenärzte Deutschlands (BVA) das DOG-/BVA-Fellowship-Programm ins Leben gerufen. Dieses Fortbildungsprogramm richtet sich an Interessenten, die über die reguläre Facharztweiterbildung hinaus spezialisierte Kompetenzen in der Ophthalmologie erwerben möchten. Für welche Spezialbereiche der Augenheilkunde werden aktuell Fellowships angeboten und wie ist die bisherige Resonanz auf dieses Programm? Hattenbach: Aktuell bestehen strukturierte Fellowships für Hornhautchirurgie, Glaukomchirurgie, Linsen- und refraktive Chirurgie, spezielle Uveitis sowie die plastisch-rekonstruktive und ästhetische Chirurgie der okulären Adnexe. Weitere Bereiche sollen folgen, wenn gemeinsam mit den jeweiligen Sektionen belastbare Anforderungskataloge und ausreichend qualifizierte Zentren zur Verfügung stehen. Das Programm schließt eine wichtige Lücke. Die Facharztweiterbildung vermittelt ein breites Fundament, kann aber nicht in jedem Teilgebiet die Erfahrungstiefe vermitteln, die für hochspezialisierte Diagnostik und insbesondere operative Verfahren erforderlich ist. Ein Fellowship schafft hierfür einen transparenten Rahmen mit definierten Lernzielen, dokumentierten Leistungen, qualifizierten Mentoren und zertifizierten Ausbildungszentren. Die bisherige Resonanz ist äußerst ermutigend. Zahlreiche Fellowships sind an anerkannten Zentren bereits gestartet – und zwar in allen angebotenen Spezialisierungsthemen. Gleichzeitig befinden wir uns weiterhin in der Aufbauphase des noch jungen DOG-/BVA-Fellowship-Programms, sodass eine langfristige Bewertung erst mit den kommenden Jahrgängen möglich sein wird. Wichtig ist, dass das Fellowship als eine freiwillige, qualitätsgesicherte Spezialisierung über den Facharztstandard hinaus wahrgenommen wird. Es soll jungen Kolleginnen und Kollegen Orientierung geben und zugleich die Qualität hochspezialisierter Versorgung stärken. Welche Themen waren im Rückblick auf Ihre Amtsperiode als DOG-Präsident die wichtigsten für das Fach Augenheilkunde? Und welche Themen beziehungsweise Sitzungen des 124. DOG-Kongresses würden Sie besonders empfehlen – gibt es neue Formate? Hattenbach: Der wissenschaftliche Fortschritt in der Augenheilkunde verläuft derzeit in einer bemerkenswerten Dynamik, und genau diese Dynamik möchten wir auf der DOG 2026 abbilden. Deshalb haben wir gemeinsam mit den großen europäischen Fachgesellschaften und renommierten Spezialisten die Focus-Sessions als neues Format entwickelt, die jeweils die wichtigsten Innovationen eines Teilgebietes auf internationalem Niveau „grenzüberschreitend“ zusammenfassen und einen Blick in die Zukunft der ophthalmologischen Versorgung ermöglichen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Netzhautchirurgie und der AMD mit den intravitrealen Injektionstherapien. In diesen ohnehin bereits seit Jahren extrem dynamischen Bereichen hat sich gerade während meiner Amtszeit atemberaubend viel getan, sodass wir zu diesen Themen gleich mehrere Meilensteine diskutieren. Ein besonderes Highlight des Kongresses ist daher die Focus-Session Retina, die die wichtigsten Zukunftsthemen der Netzhauterkrankungen und insbesondere der AMD bündelt. Im Mittelpunkt stehen hochauflösende Optische-Kohärenztomographie(OCT)-Bildgebung und von Künstlicher Intelligenz gestützte Biomarker, Home-OCT für das Patientenmonitoring, neue gentherapeutische Ansätze, aktuelle Erkenntnisse zur Pathophysiologie der Geographischen Atrophie sowie klinisch relevante Einblicke in die Anwendung des subretinalen PRIMA-Netzhautimplantates zur funktionellen Behandlung bei fortgeschrittener Geographischer Atrophie. Die Session vermittelt damit einen umfassenden Ausblick auf die nächste Generation diagnostischer und therapeutischer Möglichkeiten bei Netzhauterkrankungen. Aber natürlich geht es auch in den anderen Schwerpunktbereichen des Kongresses um richtungsweisende Entwicklungen. Die gemeinsam mit EuCornea organisierte Focus-Session zeigt die neuesten Entwicklungen der Hornhaut- und okulären Oberflächenchirurgie, von modernen lamellären Transplantationstechniken über regenerative Therapien bis hin zu innovativen Zell- und Gewebeersatzverfahren. Gemeinsam mit der European Glaucoma Society (EGS) diskutieren wir die Zukunft der Glaukomversorgung, von einer immer früheren Diagnostik mithilfe Künstlicher Intelligenz bis hin zur individualisierten modernen minimalinvasiven Glaukomchirurgie. Die Focus-Session mit der European Society of Cataract and Refractive Surgeons (ESCRS) schließlich widmet sich den neuesten Entwicklungen innovativer Intraokularlinsen und der damit verbundenen Neuordnung von Nomenklatur und Guidelines. Und gemeinsam mit der European Dry Eye Society (EuDES) richtet die DOG den Blick auf aktuelle Entwicklungen beim Trockenen Auge, eine der häufigsten, aber zugleich komplexesten Erkrankungen der Augenoberfläche, und präsentiert dabei neue Erkenntnisse zur Pathophysiologie, insbesondere zur Rolle von Parainflammation und chronischer Entzündung sowie die kürzlich veröffentlichten Empfehlungen des TFOS-DEWS-III-Workshops (TFOS = Tear Film & Ocular Surface Society, DEWS = Dry Eye Workshop). Wir freuen uns sehr über diese internationalen Partnerschaften, die zugleich das Kongressmotto „Augenheilkunde ohne Grenzen“ anschaulich unterstreichen. Aus meiner persönlichen Sicht eines ophthalmochirurgisch tätigen Augenarztes gibt es aber noch eine weitere aktuelle Entwicklung, die besonders hervorzuheben wäre. In der Augenchirurgie sehen wir eine zunehmende Verbindung von hochauflösender Bildgebung mittels Echtzeit-OCT, digitaler Mikroskopie, Navigation und neuerdings auch Künstlicher Intelligenz und Robotik. Intraoperative OCT-Verfahren können mikroanatomische Informationen genau in dem Moment bereitstellen, in dem eine chirurgische Entscheidung getroffen wird. Als Vorsitzender der Deutschen Ophthalmologischen Chefärztinnen und Chefärzte (DOCH) freue ich mich daher ganz besonders auf das gemeinsam mit chirurgischen Experten der DACH-Region (DACH = Deutschland, Österreich, Schweiz) gestaltete DOCH-Symposium „Innovation ohne Grenzen? Neue Verfahren für die Ophthalmochirurgie“, das sich genau mit diesen Themen befassen und den tatsächlichen Stellenwert dieser Technologien auf den Prüfstand stellen wird. Herr Prof. Hattenbach, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Das Interview führte Dieter Kaulard. Über den DOG-Präsidenten Prof. Lars-Olof Hattenbach, F.E.B.O., DOG-Präsident der Amtszeit 2025/26, ist Direktor der Augenklinik des Klinikums Ludwigshafen und als Vorsitzender der Deutschen Ophthalmologischen Chefärztinnen und Chefärzte (DOCH) Vertreter der hauptamtlich tätigen ophthalmologischen Chefärzte im Gesamtpräsidium der DOG. Hattenbach vertritt zudem als aktueller Vorsitzender der Vereinigung Rhein-Mainischer Augenärzte die berufliche Fachgesellschaft seiner Region. Zu den Schwerpunkten seiner klinisch-wissenschaftlichen Tätigkeit zählen die Netzhaut-Implantatchirurgie, die chirurgische Therapie vitreoretinaler Interface-Erkrankungen und makulärer Blutungen mittels bildgebungsgestützter Techniken sowie intravitreale Injektionstherapien. Zudem widmet sich Hattenbach der Entwicklung chirurgischer Instrumente, aus der unter anderem die bimanuelle intraokuläre Mikronahttechnik hervorgegangen ist. Mit zahlreichen an dem von ihm eingerichteten Studienzentrum der Augenklinik Ludwigshafen durchgeführten Studien und drittmittelgeförderten Projekten sowie als Autor einer Fülle wegweisender Publikationen, Buchbeiträge, Leitartikel und Rezensionen ist Hattenbach zudem Mitglied des Editorial Boards oder Herausgeberbeirats mehrerer Fachzeitschriften sowie Gutachter für internationale Journale. Des Weiteren wird er seit dem Jahr 2012 in Folge unter anderem als Top-Spezialist für Netzhauterkrankungen in der „Focus“-Ärzteliste geführt.
Mehr erfahren zu: "Multifokale IOL: Austausch bei Unzufriedenheit erzielt gute Ergebnisse" Multifokale IOL: Austausch bei Unzufriedenheit erzielt gute Ergebnisse Eine aktuelle britische Arbeit hat ergeben, dass ein Austausch von multifokalen Intraokularlinsen bei unzufriedenen Patienten günstige refraktive und visuelle Ergebnisse erzielt.
Mehr erfahren zu: "BÄK-Präsident fordert: „Reformen dürfen nicht länger aufgeschoben werden“" BÄK-Präsident fordert: „Reformen dürfen nicht länger aufgeschoben werden“ Zum Auftakt der parlamentarischen Arbeit nach der Sommerpause mahnt die Bundesärztekammer (BÄK) zu entschlossenem Handeln in der Gesundheitspolitik und fordert Reformen angehen, Bürokratie abbauen und Vertrauen zu schützen.
Mehr erfahren zu: "Förderung: Eine Million Euro für die Sehwiederherstellung bei AMD" Förderung: Eine Million Euro für die Sehwiederherstellung bei AMD Die Unternehmerfamilie Tyczka unterstützt die Forschung zur Wiederherstellung von Sehvermögen bei altersbedingter Makuladegeneration (AMD) mit einer Spende in Höhe von einer Million Euro.