„Best of DGVS”: Die wichtigsten Paper 2020 aus Gastroenterologie und Vizeralchirurgie22. September 2020 Grafik: © jas/Adobe Stock Im Rahmen des Online-Events „Best of DGVS“ in der vergangenen Woche und der Sitzung „Milestone Papers 2020 – Was bleibt?“ haben Experten aus Gastroenterologie, Endoskopie und Viszeralchirurgie einige der für Klinik und Praxis relevantesten internationalen Studien dieses Jahres vorgestellt. „Eine der wichtigsten gastroenterologischen Publikationen dieses Jahres betrifft das Hepatozelluläre Karzinom – die Ergebnisse könnten den Behandlungsstandard nach mehr als zehn Jahren grundlegend ändern“, berichtete Prof. Samuel Huber, Direktor der I. Medizinischen Klinik des UKE Hamburg. Die im Mai 2020 im „New England Journal of Medicine“ erschienene Phase-III-Studie1 zeigt eine deutliche Überlegenheit einer Kombinationsbehandlung aus dem Checkpoint-Inhibitor Atezolizumab und dem Angiogenesehemmer Bevacizumab im Gesamtüberleben von Patienten mit fortgeschrittenem Leberzellkrebs. Bisher gilt die Gabe von Sorafenib als Goldstandard. Die Behandlung mit Atezolizumab-Bevacizumab war außerdem mit einer deutlich besseren Lebensqualität assoziiert. Allerdings bestand ein leicht erhöhtes Risiko für Blutungen, was bei der Auswahl und Überwachung von Patienten zu berücksichtigen sei, so die Autoren. Über einen neu entdeckten Pathomechanismus bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen berichteten chinesische Forscher im März 2020 in „Nature“.2 Die Wissenschaftler fanden heraus, dass bei Patienten mit CED ein Mangel des Enzyms SETDB1 vorliegt und dass Mäuse mit reduziertem SETDB1 in Darmstammzellen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen entwickelten. Die Erkenntnisse könnten zu neuen Behandlungsansätzen beitragen, bei denen die Therapie von CED durch gezielte Unterbindung der Nektroptose im Darm erfolgt, so die Forscher. Prof. Natascha Nüssler, Chefärztin der Allgemein- und Viszeralchirurgie und endokrinen Chirurgie der München Klinik Neuperlach, stellte bei „Best of DGVS“ unter anderem eine Studie vor, die im Januar 2020 in „JAMA“ erschienen war.3 Darin haben holländische Forscher untersucht, ob bei der chronischen Bauchspeicheldrüsenentzündung eine frühzeitige Operation zu rascherer Schmerzfreiheit führt als die aktuelle Standardbehandlung, die im ersten Behandlungsschritt zunächst einen endoskopischen Eingriff, verbunden mit der Einnahme von Schmerzmitteln vorsieht. „Die Daten zeigen, dass operierte Patienten weniger Schmerzen hatten und zudem bei etwa einem Drittel der Patienten die endoskopische Therapie nicht zum langfristigen Erfolg führte, sondern die Patienten doch noch operiert werden mussten“, erklärte Nüssler. „Diese Erkenntnisse sind nicht neu, bereits 2007 wurden ähnliche Ergebnisse publiziert. Die Therapie der chronischen Pankreatitis muss deshalb im Sinne evidenzbasierter Medizin den wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst werden“, so Nüssler. Eine weitere wichtige Publikation aus der Viszeralchirurgie betrifft die aktuelle COVID-19-Pandemie: Eine in „The Lancet“ erschienene internationale Analyse von mehr als 1000 an COVID-19 erkrankten Patienten zeigte, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 die Komplikationsraten und Sterblichkeit nach einer Operation sprunghaft ansteigen lässt.4 Die Sterblichkeit auch nach kleinen und mittelgroßen Eingriffen erhöhte sich dramatisch auf mehr als das Vierfache. Patienten sollten deshalb vor einer Operation auf SARS-CoV-2 getestet werden und an COVID-19 erkrankte Patienten nur im äußersten Notfall operiert werden, so die Autoren. Prof. Hans-Dieter Allescher, Chefarzt der Gastroenterologie am Zentrum für Innere Medizin des Klinikums Garmisch-Partenkirchen, stellt die wichtigsten Studien aus der Endoskopie vor. Etwa die im Juli 2020 in „The Lancet“ publizierte Untersuchung niederländischer Forscher zum Einsatz der Notfall-ERCP (endoskopisch retrograde Cholangiopankreatikographie) bei Patienten mit vermuteter akuter Pankreatitis ohne Cholangitis.5 Sie kommt zu dem Ergebnis, das die Notfall-ERCP die Mortalitätsrate sowie die Rate schwerwiegender Komplikationen im Vergleich zur konservativen Therapie nicht senken kann. „Hierzulande sieht das aktuelle Management der akuten Pankreatitis ohne Cholangitis, übereinstimmend mit diesen Ergebnissen, zunächst eine Notfall-Endosonographie vor und die Notfall-ERCP tatsächlich nur bei Steinnachweis und bestehender Cholangitis“, sagt Allescher. Das wichtigste Zukunftsthema der Endoskopie ist der Einsatz von Systemen Künstlicher Intelligenz in der diagnostischen Endoskopie. Zwei aktuelle Studien aus China zeigen einmal mehr, wie diese die Adenom-Detektionsraten bei der Koloskopie verbessern können.6 „Die Entwicklung geht hier rasend schnell voran, diese Systeme werden in naher Zukunft in unserem klinischen Alltag Routine werden, wenngleich aktuell noch viele Fragen – etwa zu einheitlichen Qualitätsanforderungen oder zur Datensicherheit – zu klären sind, so Allescher.
Mehr erfahren zu: "Inklusive Versorgung im Leben mit und nach Krebs: Projekt „SeiTeil“ gestartet" Inklusive Versorgung im Leben mit und nach Krebs: Projekt „SeiTeil“ gestartet Anlässlich des Europäischen Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai machen die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) und die Bundesvereinigung Lebenshilfe auf bestehende Barrieren in der Krebsversorgung aufmerksam.
Mehr erfahren zu: "KI-Projekt KIMONA: Neue Technologien für Krebsregistermeldungen in NRW" KI-Projekt KIMONA: Neue Technologien für Krebsregistermeldungen in NRW Die Uniklinik Köln koordiniert ein Sechs-Milionen-Euro-Verbundprojekt zur automatisierten Auswertung medizinischer Dokumente.
Mehr erfahren zu: "Nicht nur Insulin ist entscheidend: Frühe Glukagonerhöhung bei Typ-2-Diabetes hängt mit Fettlebererkrankung zusammen" Nicht nur Insulin ist entscheidend: Frühe Glukagonerhöhung bei Typ-2-Diabetes hängt mit Fettlebererkrankung zusammen Im Mittelpunkt der Typ-2-Diabetes-Forschung stand bislang vor allem Insulin. Doch neue Forschungsergebnisse zeigen, dass auch das Hormon Glukagon schon früh erhöht ist. Diese Erhöhung steht mit einer Stoffwechseldysfunktion-assoziierten steatotischen Lebererkrankung […]