Das richtige Maß an Medizin: Fünf neue „Klug entscheiden“-Empfehlungen der DGIM15. Juli 2026 Abbildung, modifiziert: Shipon/stock.adobe.com Die neuen Empfehlungen der Initiative „Klug entscheiden“ betreffen die Fachbereiche Gastroenterologie und Kardiologie und thematisieren Reizdarm, Mangelernährung oder Bewegungstherapie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Vorgestellt wurden die fünf neue Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin im April dieses Jahres auf dem Internisten-Kongress in Wiesbaden, nun sind sie im „Deutschen Ärzteblatt“ publiziert worden. „Mit ‚Klug entscheiden‘ adressieren wir deshalb Über-, Unter- und Fehlversorgung in der Inneren Medizin in konkreten alltagsnahen Positiv- und Negativ-Empfehlungen“, erklärt Prof. Sebastian M. Schellong. Der Medizinische Direktor des Städtischen Klinikums Dresden koordiniert als Sprecher der Konsensus-Kommission die Entstehung der Empfehlungen mit den internistischen Schwerpunktgesellschaften.Mit den fünf neuen Beiträgen aus der Gastroenterologie und der Kardiologie hat die Initiative unter Leitung der DGIM inzwischen mehr als 170 gültige Empfehlungen verfasst. Diese geben Ärztinnen und Ärzten Hilfestellung, um in konkreten Versorgungssituationen die richtige Entscheidung zu treffen. Vier der fünf neuen Empfehlungen sind Positiv-Empfehlungen, die auf Instrumente zur Risikoeinschätzung, Prävention und strukturierten Versorgung mit konkretem Nutzen für die Patienten hinweisen. Hinzu kommt eine neue Negativ-Empfehlung, die dazu beitragen soll, vermeidbare Diagnostik bei Reizdarm-Erkrankungen einzudämmen.„Bei ‚Klug entscheiden‘ geht es darum, genau das richtige Maß an Medizin für die individuelle Situation und Erkrankung einer Patientin oder eines Patienten zu finden“, erläutert Schellong. Damit sei die Initiative kein reines Instrument zur Kosteneinsparung. „Tatsächlich fördert ‚Klug entscheiden’ die Qualität in der Medizin und gegebenenfalls auch einen sparsamen Umgang mit begrenzten Ressourcen“, unterstreicht auch Prof. Georg Ertl vom Universitätsklinikum Würzburg, Generalsekretär der DGIM. Die DGIM entwickelt seit dem Jahr 2015 im Rahmen von „Klug entscheiden“ Empfehlungen für die Innere Medizin. Zwischen 2016 und 2024 wurden nahezu 200 Empfehlungen erarbeitet. Nach Prüfung und Aktualisierung waren zuletzt 165 als gültig klassifiziert. Die neuen Empfehlungen knüpfen an diesen Aktualisierungsprozess an. Tumorerkrankungen: Mangelernährung früh erkennen und behandeln Viele Krebspatientinnen und -patienten verlieren im Verlauf ihrer Erkrankung Gewicht oder nehmen zu wenig Energie und Eiweiß auf. Die DGIM empfiehlt deshalb, den Ernährungsstatus ab der Diagnose regelmäßig mit validierten Instrumenten zu erfassen. Wird ein Risiko für Mangelernährung erkannt, kann eine frühzeitige Ernährungsberatung oder -therapie helfen, Kräfte zu erhalten, um die Behandlung besser bewältigen zu können. Langjähriger Reflux: Einmalige Magenspiegelung soll Barrett-Ösophagus erkennen Rund ein Viertel der Menschen in Deutschland ist regelmäßig von saurem Rückfluss wie Sodbrennen betroffen. Bestehen die Beschwerden über Jahre, kann sich hinter dem vermeintlich bekannten Sodbrennen ein Barrett-Ösophagus verbergen. Dieser gilt als Vorstufe für ein Adenokarzinom der Speiseröhre. Im Rahmen einer Metaanalyse wurde festgestellt, dass nur bei fünf Prozent der Menschen mit Barrett-Karzinom zuvor ein Barrett-Ösophagus bekannt war. Die DGIM empfiehlt daher bei chronischem Reflux mindestens eine Magenspiegelung zur gezielten Abklärung einer relevanten Risikokonstellation. Ein allgemeines Screening der Bevölkerung wird wegen fehlender Daten jedoch nicht empfohlen. Reizdarmsyndrom: Nach sicherer Diagnose keine routinemäßigen Wiederholungsuntersuchungen Das Reizdarmsyndrom belastet Betroffene erheblich und schränkt die Lebensqualität durch Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung teils deutlich ein. Sind Warnzeichen und relevante Differenzialdiagnosen ausgeschlossen, ändert sich Studien zufolge die Diagnose Reizdarm über zwei bis 30 Jahre bei mehr als 95 Prozent der Betroffenen nicht mehr. Die DGIM betont deshalb: Ohne neue Hinweise führt eine wiederholte Untersuchung, die die Ursprungsdiagnose infrage stellt, meist nicht weiter. Wichtiger sei dann eine verlässliche Behandlung und Begleitung. Herz-Kreislauf-Risiko: Bewegungstherapie gezielt verordnen Bei Menschen mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko oder chronischem Koronarsyndrom ist Bewegung laut der DGIM „keine Wellness-Empfehlung, sondern fester Teil der Therapie“. Große Studien und Metaanalysen zeigen, dass regelmäßiges Training die Prognose verbessert und die Gesamt- und kardiale Mortalität senkt. Entscheidend ist, dass das Bewegungsprogramm individuell auf die Patientin und den Patienten zugeschnitten wird und Belastbarkeit, Begleiterkrankungen und mögliche andere Risiken beachtet. Vorhofflimmern: Schlaganfallrisiko mit neuem CHA2DS2-VA-Score einschätzen Etwa einer von drei Menschen entwickeln im Laufe des Lebens ein Vorhofflimmern. Weil die Rhythmusstörung das Risiko für Schlaganfall und andere Komplikationen erhöht, ist die Entscheidung über eine orale Antikoagulation zentral. Die DGIM empfiehlt dafür den neuen geschlechtsunabhängigen CHA2DS2-VA-Score. Dieser gibt Ärztinnen und Ärzte anhand eines Punktesystems eine Einschätzung, wie hoch das Schlaganfallrisiko ist und ob eine blutverdünnende Behandlung sinnvoll ist. Die Grundlage des Scores bildet eine Erhebung von Risikofaktoren wie Alter, Bluthochdruck, Diabetes, Herzschwäche, früherer Schlaganfall und Gefäßerkrankungen.
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