DGE warnt vor Nahrungsergänzungsmitteln bei Schilddrüsenunterfunktion7. August 2026 Bildquelle: Vector Factory/stock.adobe.com Nahrungsergänzungsmittel haben bei einer Schilddrüsenunterfunktion keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Zusatznutzen zur Therapie mit L-Thyroxin. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie warnt vor solchen Versprechen und Angeboten im Internet. Die Schilddrüsenunterfunktion ist eine häufige endokrinologische Erkrankung, auf die Müdigkeit, Abgeschlagenheit oder Gewichtszunahme hinweisen können. Wird sie tatsächlich diagnostiziert, wird der Mangel mit dem Schilddrüsenhormon L-Thyroxin ausgeglichen. Bleiben die Beschwerden trotz gut eingestellter Substitution bestehen, suchen Betroffene mitunter im Internet nach Hilfe. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) warnt vor Nahrungsergänzungsmitteln mit einem angeblichen Einfluss auf die Schilddrüsenhormone und ihren Stoffwechsel. Für solche Versprechen fehle der Nachweis; einzelne Inhaltsstoffe könnten zudem nachteilig für die Schilddrüsenhormonwirkung sein. „Trotz ausreichender Substitution mit L-Thyroxin kann es vorkommen, dass einige Beschwerden wie Müdigkeit, Gewichtszunahme oder Wortfindungsstörungen bestehen bleiben“, so Prof. Lars Möller, Mitglied der Sektion Schilddrüse der DGE und Oberarzt am Universitätsklinikum Essen. „Betroffene sind dann oft verunsichert, und suchen im Internet Rat – und geraten mitunter an Nahrungsergänzungsmittel, denen eine Wirkung auf Schilddrüsenhormone zugeschrieben wird. Wir raten davon ab, ohne Rücksprache mit Endokrinolog:innen solche Präparate einzunehmen. Bleiben Beschwerden trotz unauffälliger Werte bestehen, braucht es eine ärztliche Abklärung.“ Das Geschäft mit der Unsicherheit Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln, welche derzeit insbesondere online beworben werden, greifen genau diese Unsicherheit auf. „Häufig wird behauptet, Ursache für die Symptome sei eine Störung bei der Umwandlung von L-Thyroxin in T3. Die Inhaltsstoffe der Präparate wie Selen, Cholin oder Pflanzenextrakte wie Mariendistel sollen angeblich dazu beitragen, diesen Umwandlungsprozess zu unterstützen. Für eine solche Behandlung gibt es jedoch keinen Wirksamkeitsnachweis“, so Möller. Die Darstellung verkürze zudem Fakten zum Stoffwechsel: T4 wird nicht nur in der Leber, sondern auch in anderen Geweben in T3 umgewandelt. „Wissenschaftliche Veröffentlichungen werden teils aus dem Zusammenhang zitiert, zumeist auch ohne konkreten Bezug zum Präparat. Aus einzelnen Laborbefunden oder beobachteten Zusammenhängen lässt sich keine Wirkung eines Präparats ableiten. Hier wird klar mit der Unsicherheit der Patient:innen bezüglich ihrer Schilddrüsenhormoneinstellung gespielt“, erklärt Möller. Vorsicht bei Inhaltsstoffen wie Silychristin oder Cholin Besonders kritisch sieht die DGE Präparate, die Inhaltsstoffe mit möglicher Wirkung auf den Schilddrüsenhormontransport enthalten. „Für Silychristin, eine Substanz aus Mariendistelextrakten, zeigen Untersuchungen, dass sie den Schilddrüsenhormon-Transporter MCT8 hemmen kann“, erklärt Möller.1,2 Somit könnte eine regelmäßige Einnahme die zu behandelnden Symptome sogar verstärken, anstatt sie zu lindern. Auch Cholin, früher als Vitamin B4 bezeichnet, sollte nicht leichtfertig eingenommen werden: Einer aktuellen Studie zufolge können erhöhte Cholinkonzentrationen mit niedrigem Schilddrüsenhormonstatus und erhöhtem TSH im Blut sowie einem Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen assoziiert sein.3 „Diese Studien zeigen, dass eine Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln nicht immer unkritisch ist“, betont Möller. „Besondere Vorsicht ist daher geboten, wenn die behauptete Wirkung eines Präparats sehr schwammig formuliert ist.“ DGE empfiehlt ärztliche Abklärung statt Selbstbehandlung Die DGE rät Patient:innen bei fortbestehenden Beschwerden trotz ausreichender L-Thyroxin-Substitution, diese offen in der ärztlichen Sprechstunde anzusprechen. Dazu gehören Fragen nach der richtigen Einnahme, möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder Nahrungsergänzungsmitteln, Begleiterkrankungen und andere Ursachen für unspezifische Symptome. L-Thyroxin sollte nicht eigenständig abgesetzt oder in der Dosis verändert werden. „Online-Werbung kann sehr überzeugend wirken, besonders wenn die beworbenen Produkte lästige Beschwerden wie Müdigkeit oder Gewichtszunahme aufgreifen. Patient:innen sollten daher besonders kritisch sein und bei bestehenden Beschwerden immer die endokrinologische Praxis als erste Anlaufstelle sehen“, sagt Privatdozentin und DGE-Mediensprecherin Dr. Birgit Harbeck. Das könnte Sie außerdem interessieren: Studie untersucht das Absetzen nicht notwendiger Medikation am Beispiel von Levothyroxin Schilddrüsenhormon T3 mindert Rezidivrisiko bei Medulloblastomen Referenzen: [1] Johannes J et al. Silychristin, a Flavonolignan Derived From the Milk Thistle, Is a Potent Inhibitor of the Thyroid Hormone Transporter MCT8. Endocrinology. 157(4):1694-701. [2] Chen Z et al. Reduced thyroid hormone transport in a human placental model with inhibited MCT8. European Thyroid Journal;15(4). [3] Post A et al. Lower Thyroid Function and Higher Plasma Choline: Effect Modification by Metabolic Dysfunction-Associated Steatotic Liver Disease. International Journal of Molecular Sciences. 26(21):10525.
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