Die zusätzliche Gabe eines Hormons verbessert die Erfolgsraten der IVF nicht

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Die Gabe eines bestimmten Hormons, die IVF-Patientinnen weltweit häufig als Zusatzbehandlung angeboten wird, verbessert die Chancen auf eine Schwangerschaft nicht. Dies geht aus einer internationalen Analyse unter der Leitung der University of Sydney hervor.

Die in „Human Reproduction Update“ veröffentlichte Studie ergab, dass die intrauterine Gabe des Hormons humanes Choriongonadotropin (hCG) vor dem Embryotransfer weder die Schwangerschafts- noch die Lebendgeburtenrate erhöht.

Die Hormonbehandlung wird international angewendet, unter anderem in Australien, den USA, Europa und Teilen Asiens. Seit Anfang bis Mitte der 2010er-Jahre wurde sie zur Verbesserung der Einnistung bei der IVF beworben, vorwiegend aufgrund früherer Studien, die positive Effekte berichteten.

Als die Forscher jedoch die Rohdaten dieser Studien – und nicht nur die veröffentlichten Ergebnisse – genauer untersuchten, stellten sie fest, dass die Behauptungen über die positiven Effekte der Hormonbehandlung nicht haltbar sind. „Für Patientinnen und Ärzte ist die Botschaft klar: Diese Zusatzbehandlung verbessert die Behandlungsergebnisse nicht“, so Dr. Rui Wang, Hauptautor und Leiter der Evidence Integration Group am NHMRC Clinical Trials Centre. Das Hormon sollte den Autoren zufolge daher nicht routinemäßig im Rahmen einer IVF eingesetzt werden.

Metaanalyse individueller Teilnehmerdaten

Anstatt sich auf veröffentlichte Ergebnisse klinischer Studien zu stützen, führten die Forscher eine Metaanalyse individueller Teilnehmerdaten durch. Dazu wurden die anonymisierten Rohdaten aller Patientinnen aus allen klinischen Studien zu diesem Thema gesammelt und erneut analysiert.

Von 28 randomisierten Studien in verschiedenen Ländern – darunter die USA, Österreich, Thailand und Japan –, die die intrauterine Gabe von hCG vor dem Embryotransfer untersuchten, erfüllten sieben qualitativ hochwertige Studien mit 2244 IVF-Patientinnen die Analysekriterien.

Die Forscher stellten fest, dass das Verfahren weder die Lebendgeburtenrate noch die klinische Schwangerschaftsrate verbesserte. Dies galt für alle untersuchten Patientinnengruppen. „Es gab keinerlei Hinweise auf einen Nutzen in den analysierten Gruppen, weder bei Frisch- noch bei Kryotransfer, in verschiedenen Embryonalstadien oder bei unterschiedlichen Dosierungen“, erläutert Wang.

Frühere Studien hatten nahegelegt, dass die intrauterine hCG-Gabe eine der vielversprechendsten Zusatzbehandlungen bei der IVF sei und signifikante Verbesserungen der Schwangerschaftsraten aufzeige. Diese Ergebnisse wurden vielfach zitiert und beeinflussten die klinische Praxis. Laut Dr. Wang hielten die meisten Studien, die positive Effekte berichteten, grundlegenden Qualitätsprüfungen nicht stand. „Als wir die Analyse auf Studien beschränkten, deren Rohdaten geprüft und verifiziert werden konnten, verschwand der Effekt vollständig“, erklärt er.

Die Ergebnisse verdeutlichen die wachsende Besorgnis über unzuverlässige oder nicht vertrauenswürdige Studiendaten in der Forschung zur Frauengesundheit, insbesondere in Bereichen, in denen Forschungsergebnisse schnell in die klinische Praxis umgesetzt werden.

Was bedeutet das für Patientinnen?

In Australien kostet die intrauterine hCG-Gabe in der Regel zwischen 50 und 100 Dollar pro Behandlung. Obwohl sie im Vergleich zu den Gesamtkosten der IVF relativ günstig ist, wird sie von Kliniken nicht immer klar aufgeführt oder einzeln ausgewiesen, und Patientinnen kombinieren sie möglicherweise mit mehreren anderen Zusatzbehandlungen in wiederholten Behandlungszyklen.

„Jede Behandlung, die Patientinnen angeboten wird, sollte durch verlässliche Evidenz belegt sein“, findet Wang. „Wenn Patientinnen bereits mehrere IVF-Zyklen durchlaufen, stellt die Hinzunahme von Verfahren ohne nachgewiesenen Nutzen eine unnötige Belastung für sie dar, die sich auf einem ohnehin schon schwierigen Weg befinden.“

Experten zufolge entscheiden sich viele IVF-Patientinnen für Zusatzbehandlungen in der Hoffnung auf eine auch nur geringfügige Verbesserung ihrer Chancen, oft unter erheblichem emotionalem Druck und in Unsicherheit darüber, welche Behandlungen durch fundierte Studien belegt sind. „Patientinnen haben ein Recht auf genaue und verlässliche Daten“, so Wang. „Diese Studie soll fundierte Entscheidungen unterstützen und nicht Kliniken oder Patientinnen die Schuld geben.“

Autoren rufen zu besserer Evidenz in der IVF auf

Die Forscherinnen und Forscher sagen, die Ergebnisse seien möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs und wiesen auf ein größeres Problem in der Reproduktionsmedizin hin, wo einige Behandlungen und Zusatzbehandlungen auf der Grundlage unzuverlässiger Evidenz in die Praxis eingeführt werden.

„Viele IVF-Zusatzbehandlungen sehen auf dem Papier vielversprechend aus, weil frühe Studien Vorteile berichten“, erklärt Wang. „Wenn diese Studien jedoch fehlerhaft sind oder die Daten nicht verifiziert werden können, treffen Patientinnen möglicherweise Entscheidungen auf der Grundlage von Evidenz, die nicht standhält.“

Die Studie verdeutlicht, wie Schlussfolgerungen aus traditionellen systematischen Übersichtsarbeiten verzerrt werden können, wenn sie auf unzuverlässigen Studien beruhen, und warum die Analyse von Rohdaten auf Teilnehmerebene so wichtig ist. „Systematische Übersichtsarbeiten sind nur so gut wie die Studien, die sie einbeziehen“, führt Wang aus. „Wenn wir die Originaldaten von echten Patientinnen analysieren, erhalten wir ein viel klareres Bild davon, was tatsächlich funktioniert, was nicht und wo noch Unsicherheiten bestehen.“

Die Forschenden sagen, dass eine breitere Anwendung dieses Ansatzes dazu beitragen könnte, zu identifizieren, welche IVF-Interventionen für wen wirksam sind und welche wenig oder gar keinen Nutzen bringen. So könnten Patientinnen vor unnötigen Eingriffen geschützt und Behandlungsentscheidungen auf der bestmöglichen Evidenzbasis getroffen werden.

(lj/BIERMANN)

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