Einfluss der Formula-Industrie: Zu wenige Mütter stillen

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Noch nie wurden mehr Säuglinge und Kleinkinder mit Formula versorgt als heute. Zu diesem Befund kommt eine dreiteilige Review-Serie im Fachblatt „The Lancet“, in der die Formula-Industrie äußerst kritisch beleuchtet wird.

Trotz erwiesener Vorteile werden weltweit weniger als die Hälfte der Säuglinge und Kleinkinder gemäß den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gestillt. Im Vergleich dazu ist der Umsatz mit kommerziellen Muttermilchersatzprodukten (Formula) auf etwa 55 Milliarden US-Dollar pro Jahr gestiegen.

Die Hersteller würden typische Verhaltensweisen von Säuglingen wie Weinen, Unruhe und schlechten Nachtschlaf als pathologisch darstellen und Formula als Hilfe dagegen anpreisen. Viele dieser kindlichen Reaktionen entsprächen in Wirklichkeit aber der normalen Entwicklung, heißt es in den Reviews.

Derlei Marketing beeinflusse vor allem Mütter, die nicht stillen möchten oder die unsicher sind, ob sie stillen können. Alle Informationen, die Familien über Säuglingsnahrung erhalten, müssten korrekt und unabhängig von der Industrie sein, um eine fundierte Entscheidungsfindung zu gewährleisten, was bisher nicht überall der Fall sei, so die Autoren. Die Review-Serie rügt dabei auch das digitale Marketing über von der Industrie bezahlte Influencer, die über die Schwierigkeiten des Stillens berichteten, Produktplatzierungen ermöglichten, kostenlose Proben anböten und dadurch den Online-Verkauf förderten.

Die Säuglingsernährung werde stetig kommerzialisiert, indem etwa Säuglings-, Folgemilch-, Kleinkind- und Heranwachsendenmilch unter Verwendung desselben Markennamens und derselben Nummerierung beworben würden – mit dem Ziel, die Markentreue zu stärken und die Gesetzgebung zu umgehen, die Werbung für Säuglingsnahrung verbietet, heißt es.

1981 hatte die WHO den Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten beschlossen, ausgelöst durch den Bericht „The Baby Killer“ über das Geschäft mit Formula durch Nestlé im globalen Süden in den 1070er-Jahren. Der WHO-Kodex verbietet unter anderem, dass zur Verkaufsförderung von Formula Mütter vom Stillen abgehalten werden. Nicht alle WHO-Mitgliedstaaten haben den Kodex jedoch in ihren nationalen Gesetzen verankert. Die freiwillige Übernahme des Kodex sei nicht ausreichend, urteilt die „Lancet“-Review-Serie und dringt auf einen internationalen Rechtsvertrag. In Deutschland gilt seit 22. Februar 2022 vollumfänglich die delegierte EU-Verordnung für Säuglingsanfangs- und Folgenahrung, die weitgehend auf dem WHO-Kodex beruht.

Die WHO empfiehlt, Säuglinge in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen und bereits innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt mit dem Stillen zu beginnen. Zusammen mit dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen hat die WHO zudem eine Leitlinie für evidenzbasierte Empfehlungen zu Schutz, Förderung und Unterstützung des optimalen Stillens in Kliniken und Geburtshäusern erstellt.

Die gesundheitlichen Vorteile des Stillens für Kinder und Mütter sind mittlerweile international anerkannt. Kinder, die während der ersten drei bis vier Lebensmonate nicht ausschließlich gestillt werden, sind anfälliger für Entzündungen des Magen-Darm-Traktes, der Atemwege, Lungen und Ohren. Zudem sind nichtgestillte Kinder im späteren Leben häufiger übergewichtig oder haben Diabetes. Bei Müttern, die nicht stillen, besteht ein höheres Risiko für Brust- und Eierstockkrebs.