Endometriose: Symptome reichen weit über Schmerzen hinaus23. Juli 2026 Symbolbild © Drazen/stock.adobe.com Endometriose beschränkt sich nicht auf die klassischen gynäkologischen Symptome. Eine Studie mit mehr als 22.000 Frauen zeigt, dass auch Migräne, Verdauungsprobleme sowie Angstzustände und Depressionen häufig Teil des Krankheitsbildes sind. Jahrelang wurde Endometriose vor allem anhand der Lokalisation und Ausdehnung der mittels Operation oder Bildgebung nachgewiesenen Läsionen klassifiziert. Solche Klassifikationssysteme spiegeln laut einer neuen Studie jedoch die tatsächlichen Erfahrungen der Patientinnen nur unzureichend wider und können die enorme Variabilität der mit der Krankheit verbundenen Symptome nicht hinreichend erklären. Zudem lässt sich eine definitive Diagnose nicht allein auf invasive chirurgische Eingriffe stützen, die mit Risiken, Kosten und einer langen Erholungszeit verbunden sind. Um diese Heterogenität besser zu verstehen, analysierten Forschende aus den USA und Spanien klinische Daten und Gesundheitsinformationen von Frauen mit Endometriose, die am „All of Us Research Program“ – einer der weltweit größten bevölkerungsbezogenen Biobanken – teilnahmen. Die Studie identifizierte verschiedene Symptommuster und untersuchte deren Zusammenhang mit der Lebensqualität und dem Schweregrad der Erkrankung. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Human Reproduction“. „Lange Zeit galt Endometriose vorwiegend als gynäkologische Erkrankung, doch zunehmende Belege deuten darauf hin, dass sie verschiedene Organsysteme im gesamten Körper betrifft“, erklärt Dr. Dora Koller, Forscherin in der Arbeitsgruppe für Frauengesundheit und perinatale Forschung am IR Sant Pau und leitende Autorin der Studie. „Das Verständnis dieser Vielfalt ist entscheidend, um die Diagnose der Krankheit zu verbessern und eine stärker personalisierte Versorgung zu ermöglichen.“ Endometriose betrifft etwa 10 Prozent der Frauen im reproduktiven Alter; die Diagnose erfolgt oft erst mit einer Verzögerung von vier bis elf Jahren nach Auftreten der ersten Symptome. Dies liegt unter anderem daran, dass die Erscheinungsformen von Frau zu Frau stark variieren können und die Beschwerden häufig verharmlost, unspezifischen Ursachen zugeschrieben oder nicht rechtzeitig erkannt werden. Mehr als nur Beckenschmerzen Für die Studie analysierten die Forschenden 19 Symptome und Begleiterkrankungen, die häufig mit Endometriose in Verbindung gebracht werden, darunter chronische Beckenschmerzen, Bauchschmerzen, gastrointestinale Beschwerden, Migräne, Angstzustände, Depressionen, chronische Erschöpfung, Unfruchtbarkeit und Reizdarmsyndrom. Die Analyse identifizierte vier wesentliche Symptommuster bei Frauen vor der Menopause – jener Gruppe, die als am repräsentativsten für die aktive Erkrankung galt. Das erste Profil, dem 18,8 Prozent der Patientinnen angehörten, war durch eine hohe Krankheitslast gekennzeichnet, die sich in starken Schmerzen, gastrointestinalen Beschwerden und Stimmungsstörungen äußerte. Eine zweite Gruppe – die größte – umfasste 30 Prozent der Frauen und wies mittelschwere Symptome auf, die vorwiegend Schmerzen und das emotionale Wohlbefinden betrafen. Das dritte Profil, das bei 29,6 Prozent der Patientinnen festgestellt wurde, war von psychischen und neurologischen Symptomen wie Angstzuständen, Depressionen und Migräne geprägt. Schließlich wurden 20,6 Prozent der Frauen einer Gruppe mit deutlich geringerer Symptombelastung zugeordnet. Diese Verteilung unterschied sich von jener in der Gesamtkohorte der Studie, in der die Gruppe mit der geringsten klinischen Belastung erheblich größer war. Dieser Unterschied bestärkt die Annahme, dass Endometriose im reproduktiven Alter selten eine „stumme“ Erkrankung ist und die meisten Patientinnen Profilen mit klar definierten Symptomen zugeordnet werden können. „Die Identifizierung dieses psychisch-neurologischen Profils zeigt uns, dass sich Endometriose nicht immer so äußert, wie wir es erwarten, und dass diese Symptome selbst bei Frauen, die wegen körperlicher Beschwerden ärztliche Hilfe suchen, erstmals dokumentiert werden können. Wenn wir weiterhin nur an Unterleibs- oder Regelschmerzen denken, laufen wir Gefahr, viele Patientinnen zu übersehen“, appelliert Koller. Eine mögliche Erklärung für Verzögerungen bei der Diagnose Die Identifizierung dieser Muster hilft auch zu erklären, warum viele Frauen jahrelang auf eine Diagnose warten. Wenn Verdauungsbeschwerden, neurologische oder psychische Symptome im Vordergrund stehen, bleibt der Zusammenhang mit der Endometriose oft unbemerkt; dies führt zu wiederholten Arztbesuchen bei verschiedenen Fachrichtungen, bevor eine gemeinsame Ursache erkannt wird. Eine Patientin sucht möglicherweise zunächst ärztlichen Rat wegen wiederkehrender Migräne, Verdauungsbeschwerden, Angstzuständen, Erschöpfung oder chronischer Schmerzen, ohne dass diese Symptome als Teil desselben zugrundeliegenden Krankheitsgeschehens erkannt werden. Infolgedessen durchlaufen Patientinnen oft verschiedene medizinische Fachrichtungen, bevor sie eine definitive Diagnose erhalten. „Viele Patientinnen suchen jahrelang nach einer Erklärung für Symptome, die jeweils isoliert betrachtet werden. Die Erkenntnis, dass sich Endometriose auf sehr unterschiedliche Weise äußern kann, könnte dazu beitragen, die Krankheit früher zu erkennen und vielen Frauen eine jahrelange Ungewissheit zu ersparen“, erklärt Koller. Die Forscherin betont, dass eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studie die Notwendigkeit einer ganzheitlicheren Sichtweise auf die Krankheit ist. „Wenn eine Frau unter Regelschmerzen leidet, aber auch Migräne, Verdauungsbeschwerden oder psychische Probleme aufweist, sollte geprüft werden, ob all diese Erscheinungsformen miteinander zusammenhängen könnten. Zu oft werden sie getrennt betrachtet, obwohl sie möglicherweise Teil desselben Krankheitsbildes sind“, erklärt sie. Ein größeres Bewusstsein für diese klinische Vielfalt könnte eine frühere Erkennung der Krankheit fördern, insbesondere in der hausärztlichen Versorgung, wo häufig die ersten Konsultationen stattfinden. Zudem könnte dies schnellere Überweisungen an die entsprechenden Fachärzte ermöglichen und den Zeitraum zwischen Symptombeginn und Behandlungsstart verkürzen. Adenomyose geht mit den schwersten Krankheitsformen einher Die Studie untersuchte auch Frauen, bei denen sowohl Endometriose als auch Adenomyose vorlagen. Adenomyose ist eine eng mit der Endometriose verwandte Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, in die Muskelwand der Gebärmutter einwächst und starke Schmerzen, starke Menstruationsblutungen sowie weitere gynäkologische Beschwerden verursacht. Die Ergebnisse zeigten, dass diese Patientinnen ein deutlich schwereres Krankheitsbild aufwiesen als Frauen mit Endometriose ohne Adenomyose. In der untersuchten Kohorte waren 57 Prozent dieser Frauen in den Gruppen mit der höchsten Symptombelastung vertreten; diese Gruppen waren durch starke Schmerzen, gastrointestinale Beschwerden und psychische Belastungen gekennzeichnet. Darüber hinaus fehlte das bei anderen Patientinnen festgestellte Profil einer geringen Symptombelastung in dieser Untergruppe praktisch vollständig. Das gleichzeitige Auftreten beider Erkrankungen war durchweg mit besonders komplexen und stark beeinträchtigenden Krankheitsformen verbunden. „Die Adenomyose scheint ein Faktor zu sein, der die klinische Belastung durch Endometriose erheblich steigert. Bei gleichzeitigem Bestehen beider Erkrankungen beobachten wir eine Häufung von Patientinnen mit den schwersten Krankheitsverläufen“, erklärt Koller. Diese Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, das gleichzeitige Vorliegen beider Erkrankungen zu erkennen, und legen nahe, dass Patientinnen mit Endometriose und Adenomyose von stärker individualisierten Überwachungs- und Behandlungsstrategien profitieren könnten. Auswirkungen auf die Lebensqualität Neben der Identifizierung verschiedener Symptommuster untersuchte die Studie, wie diese Profile mit der Lebensqualität der Patientinnen zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigten deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen und legten nahe, dass die identifizierten Profile nicht nur unterschiedliche Erscheinungsformen der Krankheit widerspiegeln, sondern auch unterschiedlich starke Auswirkungen auf den Alltag haben. Frauen in den Gruppen mit der höchsten Symptombelastung wiesen eine schlechtere körperliche und psychische Gesundheit auf, waren bei der Bewältigung alltäglicher Aktivitäten stärker eingeschränkt und hatten mehr Schwierigkeiten in Bereichen wie sozialen Beziehungen und emotionalem Wohlbefinden. Zudem berichteten sie von einer schlechteren Einschätzung ihres allgemeinen Gesundheitszustands und einer geringeren Zufriedenheit mit ihrer Lebensqualität. Die Unterschiede beschränkten sich nicht auf Schmerzen oder körperliche Symptome. Bei den schwersten Profilen zeigten sich in fast allen untersuchten Bereichen – von der Funktionsfähigkeit bis zur psychischen Gesundheit – schlechtere Ergebnisse. Im Gegensatz dazu waren die Auswirkungen bei Frauen in Gruppen mit geringerer klinischer Belastung deutlich weniger stark ausgeprägt. Die Analyse ergab zudem Unterschiede bei weniger offensichtlichen Aspekten des täglichen Lebens. Patientinnen mit schwereren Profilen nahmen seltener an bestimmten sozialen Aktivitäten teil und waren häufiger in ihrer Mobilität oder persönlichen Unabhängigkeit eingeschränkt. Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass die Auswirkungen der Endometriose weit über den gynäkologischen Bereich hinausgehen und vielfältige Aspekte des Alltags beeinträchtigen können. „Wir neigen oft dazu, die Krankheit anhand der Schmerzintensität oder des Ausmaßes der Läsionen zu beurteilen, doch unsere Ergebnisse zeigen, dass die tatsächlichen Auswirkungen weitaus umfassender sind. Endometriose kann die körperliche und psychische Gesundheit, soziale Beziehungen sowie die Lebensqualität je nach Profil der jeweiligen Patientin auf sehr unterschiedliche Weise beeinflussen“, erläutert Koller. „Jahrelang haben wir versucht, Endometriose vor allem nach der Lokalisation der Läsionen zu klassifizieren. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass das Verständnis der individuellen Ausprägung der Krankheit ebenso wichtig für eine bessere Diagnostik und Versorgung sein könnte“, schließt sie. (lj/BIERMANN) Das könnte Sie ebenfalls interessieren: Neuer Bluttest für Endometriose basierend auf hormonellen Unterschieden Bei Babys von Müttern mit Endometriose ist das Risiko für angeborene Anomalien höher
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