Erster Dreifach-Hormonrezeptoragonist verbessert metabolische Parameter bei Typ-2-Diabetes und Adipositas11. Juni 2026 Der neuartige Dreifach-Agonist Retatrutid führt zu deutlichem Gewichtsverlust bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und Menschen mit Adipositas. Symbolbild: 9dreamstudio/stock.adobe.com Der Wirkstoff Retatrutid hat in Phase-III-Studien vielversprechende Ergebnisse gezeigt: Menschen mit Typ-2-Diabetes verzeichneten unter dem Dreifach-Agonisten deutliche Effekte auf Blutzuckerkontrolle und Gewichtsreduktion. Auch Menschen mit Adipositas scheinen zu profitieren. Retatrutid ist ein neuartiger Dreifach-Hormonrezeptoragonist, der auf die Rezeptoren für GIP (glukoseabhängiges insulinotropes Polypeptid), GLP-1 (Glucagon-like Peptide-1) und Glucagon wirkt. In den ersten Phase-III-Studien bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und Adipositas hat der Triple-Agonist vielversprechende Ergebnisse erzielt. Die Daten wurden jüngst auf den Scientific Sessions 2026 der American Diabetes Association (ADA) in New Orleans vorgestellt. Erste Phase-III-Studien zu neuem Dreifach-Agonist Rund 90 Prozent aller Menschen mit Typ-2-Diabetes sind gleichzeitig von Übergewicht oder Adipositas betroffen. Für viele Betroffene bleibt es eine Herausforderung, sowohl eine ausreichende Blutzuckerkontrolle als auch eine klinisch relevante Gewichtsabnahme zu erreichen. Der Bedarf an Therapien, die beide Aspekte gleichzeitig adressieren, ist dementsprechend hoch. Retatrutid ahmt die Wirkung der drei körpereigenen Hormone GIP, GLP-1 und Glucagon nach. Durch die kombinierte Aktivierung dieser Rezeptorsysteme sollen Appetit und Nahrungsaufnahme reduziert, die Insulinantwort verbessert, der Energieverbrauch gesteigert und der Fettstoffwechsel gefördert werden. In den Phase-III-Studien TRANSCEND-T2D-1 und TRIUMPH-1 wurde deshalb die Wirksamkeit von Retatrutid bei Menschen mit Typ-2-Diabetes beziehungsweise Adipositas untersucht. Verbesserte Blutzuckerkontrolle und Gewichtsverlust bei frühem Typ-2-Diabetes In der randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Phase-III-Studie TRANSCEND-T2D-1 untersuchten Studienleiter Harpreet Singh Bajaj und Kolleg:innen die Wirksamkeit und Sicherheit einer Retatrutid-Monotherapie bei Erwachsenen mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes. Die Teilnehmenden wiesen trotz Lebensstilmaßnahmen unzureichend kontrollierte HbA1c-Werte zwischen 7,0 und 9,5 Prozent auf, erhielten jedoch keine weitere antidiabetische Medikation. Insgesamt wurden 537 Personen mit einer durchschnittlichen Diabetesdauer von 2,5 Jahren und einem Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 23 kg/m² eingeschlossen. Über einen Zeitraum von 40 Wochen erhielten die Teilnehmenden randomisiert einmal wöchentlich Retatrutid in Dosierungen von 4 mg, 9 mg oder 12 mg beziehungsweise Placebo. Unter Retatrutid zeigte sich eine ausgeprägte Verbesserung der glykämischen Kontrolle. Der HbA1c-Wert sank um bis zu zwei Prozentpunkte gegenüber dem Ausgangswert. Gleichzeitig kam es zu einer Gewichtsreduktion von bis zu 16,8 Prozent, was einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 16,6 Kilogramm entsprach. Neues Ausmaß an Gewichtsverlust bei Typ-2-Diabetes? Darüber hinaus beobachteten die Forschenden Verbesserungen verschiedener kardiovaskulärer Risikofaktoren. Dazu zählen niedrigere LDL-Cholesterinwerte, reduzierte Triglyceridspiegel sowie eine Senkung des Blutdrucks. Das Sicherheitsprofil entsprach weitgehend dem bereits bekannter GLP-1-Rezeptoragonisten. Neue sicherheitsrelevante Signale stellten die Forschenden nicht fest. Sie weisen zudem darauf hin, dass der maximale Gewichtsverlust nach 40 Wochen noch nicht erreicht war. „Es ist bekannt, dass die Gewichtsreduktion unter den derzeit verfügbaren Medikamenten bei Menschen mit Typ-2-Diabetes häufig geringer ausfällt als bei Personen ohne Diabetes“, erklärt Bajaj. Bislang habe keine andere Studie ein vergleichbares Ausmaß an Gewichtsverlust gezeigt. Deshalb könne Retatrutid die Behandlung von Menschen mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes potenziell grundlegend verändern. „Das beobachtete Ausmaß der Gewichtsabnahme könnte das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und die Therapie des Typ-2-Diabetes neu definieren“, so Bajaj abschließend. Die Ergebnisse der TRANSCEND-T2D-1-Studie wurden zeitgleich in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht. Im nächsten Schritt wollen die Forschenden die Wirksamkeit und Sicherheit von Retatrutid nun mit dem GLP-1-Rezeptoragonisten Semaglutid vergleichen (TRANSCEND-T2D-2). Außerdem wollen sie den Einsatz von Retatrutid zusätzlich zu einer Insulintherapie bei Menschen mit chronischer Nierenerkrankung untersuchen (TRANSCEND-T2D-3). Fast 30 Prozent Gewichtsverlust bei Adipositas In der Phase-III-Studie TRIUMPH-1 untersucht das Team von Ania M. Jastreboff derweil die Wirksamkeit und Sicherheit von Retatrutid bei Erwachsenen mit Adipositas oder Übergewicht. Die 2.339 Studienteilnehmenden erhielten über 80 Wochen ebenfalls randomisiert einmal wöchentlich Retatrutid in Dosierungen von 4 mg, 9 mg oder 12 mg beziehungsweise Placebo. Die stärksten Effekte zeigten sich unter den höheren Dosierungen: Teilnehmende unter 9 mg Retatrutid eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von 25,9 Prozent beziehungsweise 29,2 Kilogramm. Und bei Teilnehmenden unter 12 mg lag der durchschnittliche Gewichtsverlust bei 28,3 Prozent beziehungsweise 31,9 Kilogramm. Doch auch die niedrigste Dosierung (4 mg) führte bereits zu einer durchschnittlichen Gewichtsabnahme von 19,0 Prozent beziehungsweise 21,4 Kilogramm. Zudem wiesen 65,3 Prozent der Teilnehmenden, die 12 mg Retatrutid erhielten, nach 80 Wochen einen BMI unter 30 kg/m² auf – und galten damit nicht mehr als klinisch adipös. Sie verzeichneten zusätzlich eine Verbesserungen verschiedener kardiometabolischer Risikofaktoren wie niedrigere Triglyceridspiegel, eine Reduktion des systolischen Blutdrucks sowie eine Abnahme des hochsensitiven C-reaktiven Proteins (hsCRP). Teilnehmende, die unter Kniearthrose und/oder obstruktiver Schlafapnoe litten, berichteten darüber hinaus von weniger Schmerzen und Schlafstörungen. Das wiederum deckt sich mit einer aktuellen Analyse, deren Ergebnisse die Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten mit einem geringeren Risiko für Kniegelenkersatz assoziieren. In weiteren Phase-III-Studien evaluiert das Team derzeit den Einsatz von Retatrutid bei Menschen mit Adipositas und Typ-2-Diabetes (TRIUMPH-2) sowie bei Personen mit Adipositas und kardiovaskulären Erkrankungen (TRIUMPH-3). (mkl/BIERMANN)
Mehr erfahren zu: "Erste internationale Leitlinie zum Einsatz von GLP-1-Medikamenten rund um die Schwangerschaft" Erste internationale Leitlinie zum Einsatz von GLP-1-Medikamenten rund um die Schwangerschaft Angesichts der weltweit zunehmenden Verwendung von GLP-1-Medikamenten und anderen Inkretin-basierten Medikamenten zur Behandlung von Adipositas hat eine internationale Initiative die Frage adressiert, wie diese Medikamente von Frauen vor, während und […]
Mehr erfahren zu: "Anzahl vermeidbarer Behandlungsfehler leicht gestiegen" Anzahl vermeidbarer Behandlungsfehler leicht gestiegen Auch bei medizinischen Eingriffen kommen Pannen vor – und die Folgen können gravierend sein. Besonderes Augenmerk liegt auf Fehlern, die eigentlich nicht vorkommen sollten. Die Dunkelziffer ist hoch.
Mehr erfahren zu: "Demenzprävention: Drei Risikofaktoren verkürzen die demenzfreie Lebenszeit" Demenzprävention: Drei Risikofaktoren verkürzen die demenzfreie Lebenszeit Die drei kardiovaskulären Risikofaktoren Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen verkürzen die demenzfreie Lebenszeit deutlich. Eine Langzeitstudie zeigt, dass eine konsequente Demenzprävention bereits in der Lebensmitte mehrere zusätzliche Jahre ohne kognitive Einschränkungen […]