Experten-Meinung: Gesundheitssysteme lassen Raucher in den ärmsten Ländern im Stich19. August 2026 Abbildung/KI-generiert: Альона Федорова/stock.adobe.com Laut einer neuen Studie bieten nur 13 Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen Rauchern die umfassende Unterstützung, die für eine Entwöhnung erforderlich ist. Dadurch hätten rund 1,3 Milliarden Menschen keinen Zugang zu wirksamen Hilfsangeboten, konstatieren die Autoren. Die Forschenden von der britischen University of York und Kollegen von der New York University und der Harvard University (beide USA) stellten fest, dass Tabakkonsum zwar weltweit die häufigste Ursache für vermeidbare Todesfälle ist – jährlich sterben daran mehr als sieben Millionen Menschen –, die überwiegende Mehrheit der Raucher weltweit jedoch keinen Zugang zu Entwöhnungsangeboten hat. Mehr als 80 Prozent der Tabakkonsumenten leben demnach in Entwicklungsländern, wo die Gesundheitssysteme mit der höchsten Krankheitslast konfrontiert sind. Dennoch bieten sie die geringste Unterstützung.Obwohl viele Regierungen angeben, dass Hilfsangebote existieren, ergab die Untersuchung, dass nur 13 Länder mit niedrigerem Einkommen den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Versorgungsstandard bieten. Dieser umfasst eine Kombination aus verhaltenstherapeutischer Beratung sowie kostenlosen oder subventionierten Medikamenten.Bei der Analyse der Gesundheitsversorgung in Ländern wie Indien und Vietnam zeigten die Wissenschaftler, dass der Zugang zu Hilfsangeboten stark von lokalen Faktoren abhängt. Dazu gehören kulturelle Normen, staatliche Maßnahmen, Finanzierungsmodelle des Gesundheitswesens sowie eine politische Einflussnahme seitens der Tabakindustrie. Da diese Herausforderungen je nach Region variieren, betonten die Forschenden, dass Entwöhnungsprogramme für Raucher auf die spezifischen Gegebenheiten des jeweiligen Landes zugeschnitten sein müssen, anstatt auf ein einheitliches Standardmodell zu setzen. Empfehlungen für Regionen mit einem Mangel an Ressourcen Prof. Kamran Siddiqi von der Hull York Medical School hält fest: „Gesundheitssysteme tragen eine grundlegende Verantwortung für die Behandlung von Menschen mit Tabakabhängigkeit. Studien belegen, dass solche Interventionen nicht nur kosteneffizient und leicht zu integrieren sind, sondern auch zu erheblichen Verbesserungen der Gesundheit und der wirtschaftlichen Lage führen.“In seiner im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichten Übersichtsarbeit empfiehlt das Forscherteam verschiedene kostengünstige und wirkungsvolle Strategien, mit denen das Unterstützungsangebot auch in ressourcenarmen Regionen ausgebaut werden kann. Dazu gehören nationale telefonische Beratungsangebote (Quitlines) und mobile Gesundheits-Apps, die Beratung in großem Umfang aus der Ferne ermöglichen, sowie der Einsatz von Gesundheitskräften auf Gemeindeebene zur Betreuung in ländlichen Gebieten. Zudem werden routinemäßige Screening-Verfahren empfohlen – wie etwa das „Ask-Advise-Connect“-System –, das es Ärzten ermöglicht, Patienten bei regulären Arztbesuchen zu erfassen und direkt an entsprechende Behandlungsangebote zu vermitteln. Forschende betonen, dass bewährte Medikamente zur Raucherentwöhnung – wie Nikotinpflaster, Cytisin und Vareniclin – kosteneffizient sind und weltweit zugelassen werden sollten. Sie plädieren dafür, dass die Kosten für vollständige Behandlungszyklen von staatlicher Seite oder von Versicherungsträgern übernommen werden, um finanzielle Hürden zu beseitigen. Illustration der Lage durch Fallbeispiele In seiner Veröffentlichung veranschaulicht das Forscherteam die Situation in Ländern mit geringem bis mittlerem Einkommensniveau anhand von Fallbeispielen. Bei diesen handelt es sich um Zusammenstellungen, die auf den Forschungsarbeiten der Autoren sowie der weiterführenden Fachliteratur basieren. Vietnam und Indien wurden für diese Fälle als Beispielländer gewählt, weil dort Tabakkonsumraten hoch sind, die Länder sich aber hinsichtlich der gebräuchlichen Tabakprodukte, der Konsumdeterminanten und der Umsetzung der von der WHO empfohlenen Maßnahmen zur Tabakkontrolle und Entwöhnungsangebote unterscheiden. Die beiden dargestellten Fallbeispiele beleuchten laut den Autoren “kontextuelle Einflussfaktoren für den Zugang zu Behandlungsangeboten – etwa Maßnahmen zur Tabakkontrolle und Investitionen in die Infrastruktur des Gesundheitssystems –, die für alle WHO-Regionen von Bedeutung sind”. Die Beispiele verdeutlichten zudem, dass kosteneffiziente Interventionen auf Bevölkerungsebene – wie Quitlines, digitale Interventionen und systemweite Screenings in Verbindung mit ärztlicher Beratung – entscheidend sind, wenn man die Reichweite der Behandlungsangebote erweitern will. Die Kombination solcher verhaltensorientierter Maßnahmen mit Medikamenten verbesserten die klinischen Behandlungsergebnisse zusätzlich, erklären die Wissenschaftler.Prof. Donna Shelly von der New York University, Erstautorin der Arbeit, betont: „Die Gewährleistung eines gleichberechtigten Zugangs zu umfassender Unterstützung bei der Raucherentwöhnung als Standardversorgung ist ein entscheidender Schritt, um weltweit Millionen tabakbedingter Todesfälle zu verhindern.“ (ac/BIERMANN)
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