Flugangst: Viele sind betroffen – doch nur wenige sprechen darüber27. April 2026 Flugangst ist ein weit verbreitetes Phänomen, das jedoch gut behandelbar ist. (Symbolbild: © H_Ko/stock.adobe.com) Einer repräsentativen Umfrage zufolge hat rund jeder achte Deutsche Flugangst und jeder vierte empfindet beim Fliegen zumindest Unbehagen. Das Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin (BCRT) rät Betroffenen, Flugangst frühzeitig in der reisemedizinischen Beratung anzusprechen, da sie ein komplexes, aber gut behandelbares Phänomen ist. „Flugangst wird in der reisemedizinischen Beratung tatsächlich nur sehr selten thematisiert. Wenn Patienten sie aktiv zur Sprache bringen, ist der Leidensdruck meist sehr hoch“, berichtet Prof. Tomas Jelinek, medizinischer Direktor des BCRT und wissenschaftlicher Leiter des CRM. Häufig handele es sich um Menschen, die aus beruflichen Gründen fliegen müssen oder vor einer Familienreise stehen und das Fliegen nicht vermeiden können. Viele Betroffene suchen erst dann Rat, wenn eine Reise bereits konkret geplant oder gebucht sei. Diese Beobachtung steht im Kontrast zur Verbreitung in der Bevölkerung: 13 Prozent der Deutschen geben an, Angst vor dem Fliegen zu haben, weitere 26 Prozent fühlen sich beim Fliegen zumindest unwohl. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Bei den unter 30-Jährigen ist Flugangst seltener verbreitet – hier geben nur 5 Prozent an, darunter zu leiden. Vermeidung ist keine langfristige Lösung „Flugangst ist eine spezifisch isolierte Phobie. Sie wird in der Regel erst dann erlebt, wenn Betroffene tatsächlich mit der Flugsituation konfrontiert werden – ähnlich wie bei anderen situationsgebundenen Ängsten, zum Beispiel der Schlangenphobie“, erklärt Dr. Helmut Müller-Ortstein, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Arbeitsmedizin. „Im Alltag ohne Flugexposition tritt die Angst meistens nicht auf. Die Flugsituation wird darum häufig vermieden – was langfristig keine sinnvolle Lösung darstellt.“ Flugangst ist kein einheitliches Phänomen. Sie kann sowohl Vielflieger als auch Gelegenheitsreisende betreffen und sogar die, die noch nie geflogen sind. Sie kann in sehr unterschiedlicher Art und Intensität auftreten – von Unbehagen bis hin zu ausgeprägten Angstreaktionen. Viele Betroffene wissen zwar, dass Fliegen objektiv sehr sicher ist, erleben ihre Angst trotz des Wissens als belastend. Flugangst ist mehr als die Angst vor dem Absturz Flugangst wird häufig mit der Sorge vor einem Flugzeugabsturz assoziiert – tatsächlich zeigt sich in der Praxis, dass sie deutlich komplexer sein kann und keine einheitliche Ursache hat. „In Gesprächen zeigt sich immer wieder, dass hinter Flugangst sehr unterschiedliche persönliche Belastungen stehen können. Deshalb ist es wichtig, auch die individuellen Ursachen sorgfältig zu betrachten“, erklärt Müller-Ortstein. Bei manchen Betroffenen steht die Angst vor einem Absturz oder technischen Versagen im Vordergrund. Andere wiederum fürchten sich vor dem Kontrollverlust, da sie sich in einem Flugzeug ausgeliefert fühlen und die Situation nicht verlassen können. Manche leiden primär unter Klaustrophobie oder Höhenangst. Häufig besteht ein Zusammenhang mit anderen Angststörungen, wie einer Panikstörung oder Agoraphobie. In solchen Fällen ist die Flugangst oft eher Ausdruck einer bestehenden Angstproblematik als eine eigenständige Störung. Die Entstehung der Flugangst kann vielfältig sein und wird als Lernprozess verstanden. Sie kann durch eigene negative Erfahrungen ausgelöst werden, zum Beispiel Turbulenzen während eines Fluges. Ebenso können Medienberichte oder Erzählungen über Flugunfälle eine Rolle spielen. Hinzu kommen individuelle Faktoren wie Stressbelastung, Persönlichkeit oder allgemeine erhöhte Angstneigung. Selbst erfahrenes, flugaffines Personal kann davon betroffen sein. „Es gibt viele Fälle, in denen Flugangst tatsächlich eine „verschobene Angst“ darstellt“, erläutert Helmut Müller-Ortstein. „Hinter der Furcht vor dem Fliegen können sich ganz andere persönliche Belastungen verbergen – etwa Beziehungskrisen, die mit einem Verlust innerer Sicherheit einhergehen. Die daraus resultierenden Gefühle sind oft so bedrohlich und so wenig bewusstseinsfähig, dass sie sich nur auf dem Weg von Angstattacken entladen können.“ Vielfältige Wege aus der Flugangst So unterschiedlich die Ursachen sein können, so vielfältig sind auch die Behandlungsmöglichkeiten. „Eine erfolgreiche Behandlung setzt eine individuelle Diagnostik voraus. Abhängig vom Schweregrad gibt es unterschiedliche geeignete Behandlungsstrategien“, so Müller-Ortstein. „Bei schwach ausgeprägter Symptomatik können bereits Selbsthilfe-Techniken und Ratgeber helfen, die Angst zu bewältigen.“ Besonders bewährt haben sich verhaltenstherapeutische Verfahren, bei denen Betroffene beispielsweise schrittweise Strategien zur Angstbewältigung erlernen. Dazu gehören auch Entspannungsübungen und konkrete Strategien im Umgang mit Angstsituationen. „Die progressive Muskelentspannung nach E. Jacobson kann sehr hilfreich bei der Bewältigung sein“, empfiehlt Helmut Müller-Ortstein. „Dabei werden möglichst viele Muskeln angespannt und diese Spannung einige Sekunden bis zur Entspannung gehalten. Wer die Übungen gut beherrscht, ist beschäftigt und abgelenkt. Sie lassen sich außerdem gut im Flugzeug oder am Flughafen durchführen.“ Eine zentrale Rolle spielt die sogenannte Exposition. Dazu gehört die schrittweise Konfrontation mit dem Fliegen – zunächst in abgeschwächter Form, später in realen Flügen. Auch die Aufklärung über Abläufe und Technik des Fliegens kann dazu beitragen, Unsicherheiten zu reduzieren und den Umgang mit Flugsituationen zu erleichtern. Verschiedene Fluggesellschaften und therapeutische Anbieter bieten spezielle Flugangst-Seminare an. Diese verbinden psychoedukative Inhalte mit praktischen Übungen und schließen mit einem begleiteten Abschlussflug ab. Moderne Ansätze nutzen zudem virtuelle Realität, um Flugsituationen realistisch zu simulieren. Die Methode zeigt eine ähnliche Wirksamkeit wie die klassische Exposition und könnte zukünftig eine kostengünstigere und zeitsparende Alternative darstellen. Erste Studien deuten darauf hin, dass virtuelle Expositionstherapien die Flugaktivität nach der Behandlung deutlich erhöhen können. Die realitätsnahe Simulation ermöglicht es, angstauslösende Situationen gezielt schrittweise abzubauen. Noch sind solche Angebote außerhalb von Studien nicht flächendeckend verfügbar – Fachleute erwarten jedoch ihren zunehmenden Einzug in die Praxis. Reisen trotz Flugangst ermöglichen „Es ist sinnvoll, Flugangst frühzeitig zu thematisieren. Niemand sollte deswegen auf wichtige oder lang geplante Reisen verzichten“, betont Prof. Dr. Tomas Jelinek. „Fakt ist: Flugangst ist heutzutage sehr gut behandelbar. Sprechen Sie das Thema an – am besten, bevor der Leidensdruck steigt.“
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