Frauengesundheit: Wie Hormone Gehirn und Stoffwechsel beeinflussen

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Anlässlich des Internationalen Tags der Frauengesundheit am 28. Mai machen Leipziger Wissenschaftlerinnen auf eine zentrale Lücke in der Medizin aufmerksam: Hormonelle Unterschiede beeinflussen Gehirn, Stoffwechsel und Krankheitsrisiken von Frauen stärker als bislang berücksichtigt wird.

Bis heute sind Frauen in der biomedizinischen Forschung unterrepräsentiert – mit ganz konkreten Folgen für mehr als die Hälfte der Bevölkerung: Krankheiten zeigen sich bei Frauen oft anders, werden später erkannt und zum Teil nicht adäquat behandelt. Prof. Julia Sacher und PD Dr. Veronica Witte arbeiten im Exzellenzcluster LeiCeM der Universität Leipzig daran, diese Lücke in der Gesundheitsversorgung zwischen Männern und Frauen schrittweise zu schließen. Sacher ist Professorin für Kognitive Neuroendokrinologie an der Tagesklinik für Kognitive Neurologie des Universitätsklinikums Leipzig und der Abteilung Neurologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Witte ist Gruppenleiterin an der Tagesklinik für Kognitive Neurologie der Leipziger Universitätsmedizin und in der Abteilung Neurologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.

Sie beide wissen: Hormonelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern lassen sich in der modernen medizinischen Forschung nicht außer Acht lassen, denn sie wirken sich auf nahezu alle Bereiche der Gesundheit aus – vom Stoffwechsel über das Herz-Kreislauf-System bis hin zum Gehirn.

„Biologisches Geschlecht, aber auch die Art, wie wir gesellschaftlich mit Frauen und Männern umgehen, beeinflussen nachweislich, wie Gehirn und Körper auf Stress, Medikamente oder Erkrankungen reagieren. Wenn wir diese Faktoren ignorieren, übersehen wir wichtige biologische Zusammenhänge und Signale. Die Berücksichtigung von Komplexität und Vielfalt macht Forschung präziser und genau darum sollte es in der modernen Medizin gehen“, erklärt Sacher. Sie erforscht die Wechselwirkungen zwischen dem Nerven- und dem Hormonsystem. Im Exzellenzcluster LeiCeM untersucht sie unter anderem, wie unterschiedliche metabolische Risikoprofile die Gehirngesundheit von Frauen und Männern über die Lebensspanne hinweg beeinflussen.

Die Auswirkungen hormoneller Übergangsphasen auf das Gehirn

Dabei nimmt sie insbesondere die hormonellen Übergangsphasen in Frauenkörpern wie den Menstruationszyklus, die Schwangerschaft und die Wechseljahre in den Blick. „Hormone gehören zu den wichtigsten biologischen Signalen der Neuroplastizität. Sie beeinflussen, wie sich das Gehirn organisiert, anpasst und altert, und spiegeln die enorme Anpassungsfähigkeit des Gehirns wider“, erläutert Sacher. So konnten sie und ihr Team mithilfe eines besonders effektiven MRT-Verfahrens zeigen, dass sich zentrale Gedächtnisregionen des Gehirns synchron zu hormonellen Schwankungen über den Menstruationszyklus hinweg strukturell verändern. Gleichzeitig wird zunehmend deutlich, dass hormonelle, metabolische sowie Herz- und Gehirngesundheit eng miteinander verbunden sind.

Hormonelle Übergänge können aber auch mit einem erhöhten Risiko für bestimmte Erkrankungen wie depressive Episoden oder Demenz verbunden sein. Eine schützende Rolle für Gehirn und Gedächtnis scheint dabei das weibliche Sexualhormon Östrogen zu spielen – insbesondere im Zusammenspiel mit Risikofaktoren für Stoffwechselerkrankungen wie einer erhöhten Einlagerung von Organfett. „Für die Frage, wie wir kognitiv altern, werden daher in den Wechseljahren wichtige Weichen gestellt. Trotzdem berücksichtigt bislang weniger als ein Prozent der bildgebenden neurowissenschaftlichen Literatur das Thema Frauengesundheit. Genau darin liegt aber eine enorme Chance, Gehirngesundheit sowie das individuelle Risiko für neurologische und psychische Erkrankungen besser zu verstehen“, ist sich Sacher sicher.

Einfluss unserer Ernährungsweise auf das Gehirn

Auf hormonelle Übergangsphasen legt auch Witte in ihrer Forschung ein besonderes Augenmerk. Sie untersucht unter anderem, wie Darmbakterien unser Essverhalten und unsere Ernährungsentscheidungen beeinflussen – und wie wir entsprechend mit unserer Ernährung und unserem Lebensstil auf die Struktur und Funktion des Gehirns Einfluss nehmen können. „Es gibt Hinweise, dass bestimmte Bakterien im Darm über verschiedene Signalwege die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke verringern könnten. Dies wiederum hätte positive Auswirkungen auf die Versorgung und Funktion von Nervenzellen, die ja unserem Denken zugrunde liegen“, erläutert Witte. Im Umkehrschluss könnte das bedeuten: Mit bestimmten Nährstoffen lassen sich die „guten“ Bakterien stärken und so die Struktur und Funktion des Gehirns auf Dauer erhalten.

Mit der INFLAME-Studie, die Witte leitet, möchte sie genau das für Frauen in der Perimenopause untersuchen. „Während dieser hormonellen Übergangszeit kommt es bei Frauen zu einer Reihe an komplexen hormonellen Veränderungen und Anpassungen, die sich auf nahezu alle Organe, also auch auf das Gehirn, auswirken. Vermutet wird, dass der schützende Effekt von Östrogen auf Gefäße, Insulinsensitivität und Fettverteilung wegfällt und so Stoffwechselerkrankungen wie Adipositas, Bluthochdruck und Diabetes begünstigt. Für die INFLAME-Studie werden noch Teilnehmerinnen gesucht.

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