Frühe Unterbringung im Heim senkt die Lebenserwartung

Heimkindern fehlte es früher oft an Zuwendung und anregenden Erfahrungen. (Foto: © Dmytro Sunagatov – stock.adobe.com)

Wer in den 1950er-Jahren als Säugling in einem Heim untergebracht wurde, hat eine deutlich kürzere Lebenserwartung als die Allgemeinbevölkerung, wie eine Langzeitstudie aus der Schweiz zeigt. Die Ergebnisse liefern damit erstmals robuste Hinweise auf die langfristigen Folgen eines frühen Mangels an Zuwendung und Stimulation.

Bis weit ins 20. Jahrhundert war es in der Schweiz gängige Praxis, Säuglinge und Kleinkinder außerfamiliär unterzubringen, häufig aufgrund gesellschaftlicher Normen und behördlicher Entscheide. Besonders betroffen waren Kinder unverheirateter oder sehr junger Mütter – ledige Mutterschaft galt damals als nicht akzeptable Familienform – sowie Kinder sogenannter Gastarbeiterfamilien. Die Praxis war Teil eines Systems fürsorgerischer Zwangsmaßnahmen in der Schweiz, die das Land heute historisch aufarbeitet.

Höheres Sterberisiko in jungen Jahren und verkürzte Lebenszeit

Dazu untersuchten Forschende des Marie Meierhofer Institutes für das Kind (MMI), assoziiertes Institut der Universität Zürich (UZH), sowie des Universitäts-Kinderspitals Zürich, die Folgen einer frühen Unterbringung im Säuglingsheim: Hierfür analysierten sie die Sterblichkeitsdaten von 431 Personen, die zwischen 1958 und 1961 in Zürcher Säuglingsheimen gelebt hatten und verglichen sie mit einer Gruppe von 399 Personen aus der Allgemeinbevölkerung. Diese wurden im selben Zeitraum und in derselben Region geboren, wuchsen aber in ihren Familien auf.

Insgesamt konnten somit Daten von 830 Personen ausgewertet werden. Die Resultate seien eindrücklich, wie die Universität Zürich erklärt: Personen, die in Säuglingsheimen aufgewachsen waren, wiesen nach 60 Jahren ein um 48 Prozent höheres Sterberisiko auf als die Kontrollgruppe – ihre Lebenserwartung war im Schnitt um etwa zwölf Jahre verkürzt. Todesfälle vor dem 40. Lebensjahr traten etwa doppelt so häufig auf, wobei die Todesursache oft unbekannt war.

Fehlende Zuwendung und Anregung in den Säuglingsheimen

In den untersuchten Säuglingsheimen waren die Kinder zwar körperlich und medizinisch gut versorgt, es mangelte ihnen jedoch an verlässlicher Zuwendung, stabilen Beziehungen und anregenden frühen Erfahrungen. Zum Schutz vor Infektionen und Säuglingssterblichkeit wurden sie weitgehend isoliert und verbrachten den Großteil des Tages allein in ihren Bettchen mit weniger als einer Stunde Kontakt zu Betreuungspersonen.

„Die Folgen dieser frühen psychosozialen Deprivation sind so gravierend, dass sie die Lebenserwartung deutlich reduzieren – in einer Größenordnung, die mit bekannten Gesundheitsrisiken wie Rauchen vergleichbar ist“, berichtet Studienleiterin Patricia Lannen. Die Ergebnisse zeigten damit eindrücklich, wie entscheidend Zuwendung, Nähe und ein anregendes Umfeld in den ersten Lebensjahren sind. „Sie spielen eine zentrale Rolle für die Entwicklung von Selbstregulation und damit auch für den späteren Umgang mit Emotionen und Stress“, erklärt Lannen. „Fehlen sie, führt dies häufiger zu riskanten und gesundheitsschädigenden Bewältigungsstrategien und dadurch zu einer erhöhten Sterblichkeit.“

Einzigartige Daten für historische Aufarbeitung

Darüber hinaus leistet die Studie den Forschenden zufolge einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen in der Schweiz. Über Säuglingsheime ist bislang vergleichsweise wenig bekannt, nicht zuletzt, weil viele Betroffene zum Zeitpunkt der Unterbringung zu jung waren, um sich später bewusst daran zu erinnern.

Da aber bereits seit den späten 1950er-Jahren zu allen Kindern in den damaligen Zürcher Säuglingsheimen systematisch Daten erhoben wurden, ist es möglich, ihre Entwicklung und Gesundheit über die Lebensspanne hinweg nachzuvollziehen. Da die Säuglinge zudem meist kurz nach der Geburt untergebracht wurden und sich im Geburtsgewicht nicht von der Allgemeinbevölkerung unterschieden, können belastende Einflüsse vor der Unterbringung weitgehend ausgeschlossen werden.

Den Forschenden zufolge schaffen die historischen Umstände so eine methodisch einzigartige Ausgangslage, um die individuellen Auswirkungen einer Unterbringung aussagekräftig zu untersuchen. Die Befunde seien Ausdruck des großen Leids, das aus der damaligen Praxis entstand. Zugleich seien sie international bedeutend, denn weltweit wachsen noch immer Millionen Kinder unter vergleichbaren Bedingungen auf, geben die Forschenden zu bedenken.