Frühgeburt: Mit der Plazenta zur Erstversorgung

Dr. Benjamin Kühne, Arzt auf der neonatologischen und pädiatrischen Intensivstation der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Köln, erhält das diesjährige DIVI-Förderstipendium in Höhe von 10.000 Euro von Stiftungsvorstand Prof. Gerhard W. Sybrecht. (Foto: DIVI/Mike Auerbach)

Die ersten Minuten nach der Geburt sind entscheidend für die Entwicklung eines Säuglings, vor allem wenn er zu früh auf die Welt kommt. Wie eine neue Methode diese Situation möglicherweise verbessern kann, untersucht derzeit eine wissenschaftliche Studie an der Uniklinik Köln.

Beim Geburtsvorgang ist das Durchtrennen der Nabelschnur sehr wichtig für die weitere Entwicklung des Kindes. In der neonatologischen Forschung konnte gezeigt werden, dass ein verzögertes Abnabeln nach der Geburt vor allem bei frühgeborenen Kindern zu einem höheren Blutgehalt im Körper führt. Komplikationen wie Hirnblutungen treten dadurch seltener auf. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass mehr als 80 Prozent der kleinen Frühgeborenen (1500 g Geburtsgewicht) unmittelbar nach der Geburt eine non-invasive Atemunterstützung brauchen, die allerdings nicht im Kreißsaal durchgeführt werden kann. Der Kompromiss bei dieser Problematik bestand bisher darin, das verzögerte Abnabeln auf etwa 60 Sekunden zu begrenzen, bevor dann die Atemunterstützung an einem anderen Ort durchgeführt werden konnte.

Neue Methode: Extrauterine plazentare Transfusion 

„Wir möchten gerne beide Vorteile, die des verzögerten Abnabelns und die eines schnellen Beginns einer Atemhilfetherapie, nutzen – mit einer alternativen Methode“, erklärt Dr. Benjamin Kühne, Arzt auf der neonatologischen und pädiatrischen Intensivstation der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Köln. Sein Forschungsprojekt wurde nun beim Jahreskongress der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) mit dem Förderstipendium der DIVI-Stiftung ausgezeichnet.

Bei der „extrauterinen plazentaren Transfusion“ (EPT) werden Frühgeborene, die per Kaiserschnitt geboren werden, zeitgleich mit der Plazenta vom mütterlichen Uterus gelöst. Anschließend werden die Frühgeborenen mitsamt der Plazenta zur Erstversorgung in die Neonatologie gebracht. Dort kann sofort mit der Atemunterstützung begonnen werden, während die Plazenta hochgehalten wird. So erhält das Frühgeborene parallel zur Atemunterstützung für mehrere Minuten die so wichtige Blutzufuhr.

Den Effekt testet das Team um Kühne derzeit in einer Studie: „Wir wollen herausfinden, ob eine extrauterine plazentare Transfusion im Vergleich zum herkömmlichen verzögerten Abnabeln zu einem höheren Blutvolumen bei Frühgeborenen im Rahmen der Erstversorgung führt. Ebenso prüfen wir, ob sich Komplikationen dadurch verringern lassen.“

Die Mittel aus dem DIVI-Förderstipendium in Höhe von 10.000 Euro helfen dabei, diese Studie umzusetzen. „Seine Arbeit hat das Potenzial, die Erstversorgung von Frühgeborenen maßgeblich zu verbessern und ist damit unbedingt förderungswürdig“, sagte Stiftungsvorstand Prof. Gerhard W. Sybrecht bei der Verleihung des Preises an Kühn. Sollte sich die neue Methode wie erhofft als effektiv herausstellen, könnte sie nämlich Standard in der Erstversorgung kleiner Frühgeborener werden.