Frühstadien von Typ-1-Diabetes bei Kindern: Screening breit umsetzbar22. Mai 2026 Foto: Saiful52/stock.adobe.com Frühstadien von Typ-1-Diabetes bei Kindern beim Kinderarzt erkennen? Die Bilanz der Fr1da-Studie zeigt: Das Screening ist dauerhaft umsetzbar und identifiziert die meisten Kinder, die einen Typ-1-Diabetes Stadium 3 entwickeln werden. Typ-1-Diabetes beginnt meist lange bevor Kinder typische Symptome wie starken Durst, Gewichtsverlust oder Müdigkeit entwickeln. Häufig sind Familien sich dieser Anzeichen nicht bewusst. Wird die Erkrankung zu spät erkannt, können Kinder eine diabetische Ketoazidose entwickeln. Im Blut lassen sich Jahre vor der Erkrankung Inselautoantikörper nachweisen. Wird dadurch ein frühes Stadium erkannt, können Familien vorbereitet, Kinder ärztlich begleitet und schwere Stoffwechselentgleisungen idealerweise vermieden werden. Forschende von Helmholtz Munich veröffentlichen ihre aktuelle Bilanz der Fr1da-Studie jetzt im Fachjournal „JAMA“. Screening auf Frühstadien von Typ-1-Diabetes dauerhaft umsetzbar Seit dem Start von Fr1da im Februar 2015 wurden in Bayern mehr als 220.000 Kinder auf Frühstadien von Typ-1-Diabetes getestet – nicht in spezialisierten Zentren, sondern über die reguläre kinderärztliche Versorgung. Insgesamt beteiligten sich 716 niedergelassene Kinderärztinnen und Kinderärzte. Damit liefert Fr1da einen der bislang umfangreichsten Belege dafür, dass ein Screening auf frühe Stadien von Typ-1-Diabetes in der allgemeinen Kinderarztpraxis dauerhaft umsetzbar ist. Ab Mai 2026 wird das Angebot auf weitere Bundesländer erweitert. Für das Screening wird in der Kinderarztpraxis eine kleine Blutprobe entnommen und im Labor auf Inselautoantikörper untersucht. Von einem frühen Stadium sprechen die Forschenden, wenn mindestens zwei verschiedene Inselautoantikörper in zwei aufeinanderfolgenden Blutproben bestätigt werden. In Stadium 1 sind die Blutzuckerwerte noch unauffällig, in Stadium 2 zeigen sich erste Störungen des Zuckerstoffwechsels. Erst Stadium 3 entspricht dem klinisch manifesten Typ-1-Diabetes, bei dem die Gabe von Insulin erforderlich ist. Betroffene Kinder meist nicht familiär vorbelastet Beim ersten Screening wurde bei 590 Kindern ein frühes Stadium von Typ-1-Diabetes festgestellt – das entspricht etwa 0,3 Prozent der untersuchten Kinder. Im weiteren Verlauf entwickelten 212 dieser Kinder einen Typ-1-Diabetes im Stadium 3. Das entspricht 81 Prozent der Kinder, die später einen klinischen Typ-1-Diabetes entwickelten. Nach fünf Jahren lag die Wahrscheinlichkeit, vom Frühstadium in den klinischen Typ-1-Diabetes überzugehen, bei 36,2 Prozent. Die Analyse zeigt: Kinder mit einem Verwandten ersten Grades mit Typ-1-Diabetes haben zwar ein erhöhtes Risiko, die Erkrankung zu entwickeln. Dennoch hat die Mehrheit der Kinder, die einen Typ-1-Diabetes im Stadium 3 entwickeln, keine familiäre Vorbelastung. Daher empfehlen die Autoren, das Screening nicht auf Kinder mit familiärem Risiko zu beschränken. Zudem beobachteten die Forschenden nach Diagnose eines Frühstadiums von Typ-1-Diabetes keinen Unterschied im Krankheitsverlauf zwischen Kindern mit und ohne familiäre Vorbelastung. Screening auf Frühstadien von Typ-1-Diabetes in der breiten Bevölkerung sinnvoll „Diese Daten zeigen, dass ein Screening in der breiten Bevölkerung sinnvoll ist“, erläutert Dr. Christiane Winkler, die das Fr1da-Team bei Helmholtz Munich leitet und Erstautorin der Studie ist. „Wenn wir nur Kinder mit familiärer Vorbelastung testen, übersehen wir den größten Teil der Kinder, die später einen Typ-1-Diabetes im Stadium 3 entwickeln.“ Eine neue Erkenntnis ist, dass die Erkrankung über alle Stadien hinweg mit einer vergleichbaren Rate fortschreitet. Bei Kindern im Stadium 1 oder 2 betrug die jährliche Progression in weiter fortgeschrittene Stadien rund 20 Prozent. „Dies ist der erste belastbare Hinweis darauf, dass der Krankheitsprozess in der Bauchspeicheldrüse bereits mit Einsetzen der Autoimmunität beginnt – und könnte unseren Ansatz für den optimalen Zeitpunkt therapeutischer Interventionen grundlegend verändern“, erklärt Prof. Anette-Gabriele Ziegler, Direktorin des Instituts für Diabetesforschung bei Helmholtz Munich und Studienleiterin. Zweites Screening empfohlen Auch ein zweites Screening erwies sich als wichtig. Bei mehr als 11.700 zunächst unauffälligen Kindern wurde der Test etwa drei Jahre später wiederholt. Dabei wurden 29 weitere Kinder mit einem Frühstadium von Typ-1-Diabetes identifiziert. Das bedeutet, dass durch das erneute Screening nahezu genauso häufig neue Fälle entdeckt wurden wie beim ersten Test. „Einige Kinder entwickeln Inselautoantikörper erst etwas später im Kindesalter“, erklärt Winkler. „Deshalb empfehlen wir eine zweite Testung nach einigen Jahren.“ Für Familien bedeutet ein positives Screening nicht, dass das Kind sofort Diabetes-Symptome hat oder Insulin benötigt. Die Familien erhalten Informationen, Schulungen und Zugang zu spezialisierten Diabeteszentren. Dort wird mit Hilfe eines oralen Glukosetoleranztests geprüft, wie stabil der Stoffwechsel des Kindes noch ist. Danach folgen regelmäßige Kontrolluntersuchungen. Ziel ist es, den Übergang in einen Typ-1-Diabetes in Stadium 3 frühzeitig zu erkennen und eine diabetische Ketoazidose möglichst zu verhindern. „Die Fr1da-Studie hat maßgeblich dazu beigetragen, das Screening auf Typ-1-Diabetes in der Allgemeinbevölkerung zu erforschen“, betont Anne Koralova, Program Officer beim Helmsley Charitable Trust. „Wir unterstützen Fr1da, weil eine frühzeitige Diagnose die langfristige gesundheitliche Entwicklung verbessert.“ Ziel von Fr1da: Früherkennung in die Regelversorgung integrieren Die Fr1da-Daten sind auch für neue Präventionsstrategien relevant. Krankheitsmodifizierende Therapien, die den Übergang in ein Typ-1-Diabetes Stadium 3 verzögern können, setzen eine frühe Diagnose voraus. Zugleich zeigen die Daten, wie schnell Kinder von einem Stadium ins nächste übergehen – eine wichtige Grundlage für künftige Studien. Langfristig zielt Fr1da darauf ab, die Früherkennung in die Regelversorgung zu integrieren. „Die Studie zeigt, dass der Krankheitsprozess bei Kindern mit und ohne familiäre Vorbelastung vergleichbar verläuft. Das bedeutet zum einen, dass ein Screening in der Allgemeinbevölkerung praktikabel ist. Zum anderen, dass Therapien, die in einer Gruppe wirksam sind, voraussichtlich auch in der anderen wirksam sein werden“, sagt Ziegler. „Unser Ziel ist es, dass ein solches Screening künftig allen Kindern angeboten wird – und nicht nur ausgewählten Risikogruppen.“ „Die Möglichkeit, Typ-1-Diabetes durch Screening und Monitoring frühzeitig zu erkennen, stellt einen bedeutenden Durchbruch dar – mit großem Potenzial, breite Bevölkerungsgruppen zu erreichen und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen“, hebt Esther Latres, Ph.D., Senior Vice President of Research bei Breakthrough T1D, hervor. „Die Fr1da-Studie hat unser Verständnis des Krankheitsverlaufs bei Kindern maßgeblich erweitert und belegt zugleich den Nutzen sowie die praktische Umsetzbarkeit der Früherkennung als Bestandteil der klinischen Routineversorgung. Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung klinischer Studien und erleichtert den Zugang zu neuen krankheitsmodifizierenden Therapien.“
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