Gastbeitrag: Am Wochenende passiert doch nix

Dr. med Justus de Zeeuw
Dr. med Justus de Zeeuw

Freitag ist Endspurt. In den Krankenhäusern drängen Patienten auf Entlassung, weil ja am Wochenende sowieso nichts passiere und man nur rumliege. Pflegepersonal und Ärzte investieren zusätzliche Zeit in die moderierenden Gespräche rund um den Klinikaufenthalt am Wochenende, fertigen Entlassungspapiere an und versuchen, die ambulante Versorgung über Wochenenden und Feiertage sicherzustellen. Während die einen noch Freitagnachmittag das Krankenhaus verlassen wollen, möchten die anderen nicht vor dem Wochenende rein. Begründet wird dies oft mit der Aussage, dass zum einen am Wochenende keine wesentlichen Untersuchungen erfolgen, und zum anderen, dass aufgrund der reduzierten Personalbesetzung die Versorgung in der häuslichen Umgebung sicherer sei als im Krankenhaus. Das Personal sei ja sowieso überlastet, am Wochenende sei das noch schlimmer – und das stelle ein Risiko für die Gesundheit der Patienten dar. Doch stimmt das so?

Der sogenannte Wochenendeffekt ist des Öfteren Gegenstand wissenschaftlicher Studien. Eine englische Arbeitsgruppe veröffentlichte 2011 die Ergebnisse einer Erhebung, in der die Sterblichkeit als Folge einer akuten COPD-Exazerbation untersucht wurde. Eine besondere Gefährdung vermuteten die Autoren an den Wochenenden im Winter, wenn gleichzeitig die personelle Besetzung reduziert und die Häufigkeit von COPD-Notfällen erhöht war. Tatsächlich beobachtete man über einen Zeitraum von 7 Jahren, dass das Risiko, im Rahmen einer schweren COPD-Exazerbation zu versterben, an den Wochenenden im Winter gegenüber der Aufnahme an Werktagen auf das 3- bis 4-Fache erhöht war [1]. Als Reaktion auf diese Erkenntnisse wurden spezielle Bettenbereiche für die Akutversorgung medizinischer Notfälle eingerichtet. Die Mortalität sank im beobachteten Kollektiv deutlich, zwischen stationärer Aufnahme an Werk- oder Feiertagen war kein Unterschied mehr nachweisbar.

Zuvor hatte eine australische Studie den Wochenendeffekt für verschiedene Erkrankungen untersucht, erstmals auch für COPD [2]. Während des Beobachtungszeitraumes von 5 Jahren war für COPD-Patienten die Krankenhausaufnahme am Wochenende (ohne Berücksichtigung saisonaler Unterschiede) nicht mit einem erhöhten Mortalitäsrisiko verbunden; dies galt ebenso für Patienten mit Hüftgelenkfraktur oder Hirnblutung. Anders verhielt es sich allerdings bei kardiologischen Patienten: Sowohl die 2-Tages-Mortalität als auch die 30-Tages-Mortalität bei akutem Myokardinfarkt war bei Aufnahme am Wochenende signifikant höher als bei Aufnahme an Werktagen.

Ganz schlimm traf es die Kardio­logen einige Jahre später, als sich eine Studie mit der Krankenhausmortali­tät während Kongressbesuchen befasste [3, 4]. Es stellte sich heraus, dass bei Herzinfarkt-Patienten mit hohem Risiko, die wegen Herzinsuffizienz oder Herzstillstand in Lehrkrankenhäusern behandelt werden, eine geringere 30-Tages-Mortalität zu beobachten war, wenn die Krankenhausaufnahme während eines nationalen kardiologischen Kongresses erfolgt. Hinsichtlich der Behandlungsstrategie war das Ergebnis ebenfalls überraschend: Bei Hoch­risiko-Patienten, die während kardiologischer Kongresse wegen eines Herzinfarktes in Lehrkrankenhäusern aufgenommen wurden, erfolgte seltener eine perkutane Koronarangiographie, ohne dass dies Einfluss auf die Mortalität hatte. Die Ergebnisse dieser Studie wurden mit Sarkasmus dahingehend kommentiert, dass die Abwesenheit des erfahrenen Kardiologen für Herzpatienten wohl einen Schutz vor riskanten Prozeduren darstelle.

Laien gehen des Öfteren davon aus, dass der sicherste Platz der Welt ein Ärztekongress sei, da könne einem wirklich nichts Schlimmes passieren. Krankenhausärzte feixen hingegen öfters, die Abteilung müsse auch laufen, wenn der Chefarzt anwesend sei. Ganz falsch scheinen sie mit dieser despektierlichen These nicht zu liegen. Ein positiver Aspekt ist jedenfalls, dass Kongressreisen die Versorgung der Patienten nicht gefährden. Vielleicht ist dies auch eine hoffnungsfrohe Botschaft an Verwaltungs­leiter, die zu Kongresszeiten angesichts der Flut an Dienstreiseanträgen regelmäßig die Funktionsfähigkeit der Abteilung infrage stellen.

Dr. med. Justus de Zeeuw

Literatur
1. Brims FJ1, Asiimwe A, Andrews NP et al. Weekend admission and mortality from acute exacerbations of chronic obstructive pulmonary disease in winter. Clin Med (Lond) 2011;11(4):334–339.
2. Clarke MS, Wills RA, Bowman RV et al. Exploratory study of the „weekend effect“ for acute medical admissions to public hospitals in Queensland, Australia. Intern Med J 2010;40(11):777–783.
3. Jena AB, Prasad V, Goldman DP et al. Mortality and treatment patterns among patients hospitalized with acute cardiovascular conditions during dates of national cardiology meetings. JAMA Intern Med 2015;175(2):237–244.
4. Redberg RF. Cardiac patient outcomes during national cardiology meetings. JAMA Intern Med 2015;175(2):245.