Gastbeitrag: Hätten Sie heut‘ Zeit für mich?

Dr. med Justus de Zeeuw
Dr. med Justus de Zeeuw

Kennen Sie das auch? „Ich merke, dass Sie keine Zeit haben“, sagt ausgerechnet der Patient, für den Sie sich nun schon fast 3-mal so lange Zeit genommen haben. Der nächste Patient ist nach einem gefühlt kurzen Kontakt wiederum sehr zufrieden: „So viel Zeit hat sich noch nie ein Arzt genommen.“

Die durchschnittliche Dauer eines Arztkontaktes liegt in deutschen Hausarztpraxen bei 8 Minuten.1 Im internationalen Vergleich reichen die Zahlen von 2 Minuten (Pakistan, Bangladesch) bis hin zu über 20 Minuten (Schweden, USA). Die Zeiten spiegeln unterschiedliche Konzepte und Strukturen der Gesundheitssysteme wider, sie sind nicht ohne Weiteres gleichzusetzen mit der Qualität des Kontaktes. Die Autoren der Studie vermuten allerdings auch, dass kurze Konsultationszeiten einen ungüns­tigen Einfluss auf die Gesundheitsversorgung der Patienten haben könnten und gleichzeitig die Arbeitsbelastung der Ärzte erhöhen. Patienten schätzen die Kontaktdauer mit durchschnittlich 13 Minuten systematisch länger ein, als sie tatsächlich gemessen wird.2 Über 80 % empfinden die Gesprächsdauer als angemessen.

Die Diskrepanz zwischen objektiv gemessener und subjektiv empfundener Zeit kann als gutes Zeichen gewertet werden: Die empfundene Gesprächsdauer korrespondiert mit dem Gefühl von Stimmigkeit und transportierter Emotionalität, sie kann als Indikator für Lebensqualität dienen. Das bedeutet auch, dass bei dem Patienten, der trotz objektiv längerer Konsultationsdauer den Eindruck hat, die Zeit sei knapp bemessen, hinsichtlich eines oder mehrerer der genannten Aspekte Unzufriedenheit besteht.

Die Feststellung, dass Ärzte ihre Patienten nach durchschnittlich 18 Sekunden unterbrechen, gehört inzwischen zu den Klassikern in Seminaren zu Arzt-Patienten-Kommunikation.3 Aus ärztlicher Perspektive erfolgt die Unterbrechung in der Regel, um das Gespräch in die richtige Richtung zu lenken, sie soll helfen, Zeit zu sparen. Eine neuere Untersuchung zeigt, dass Patienten, die zu Beginn der Konsultation ohne Unterbrechung ausreden dürfen, nur unwesentlich länger – nämlich unter 30 Sekunden im hausärztlichen Sektor – brauchen, um ihren Monolog zu beenden.4 In derselben Arbeit wird diese Zeit für die Konsultation beim Facharzt mit 90 Sekunden angegeben. Zu bedenken ist bei solchen Zahlen stets, dass es sich um Durchschnittswerte handelt. Bei allen guten Vorsätzen wird es deshalb im Alltag weiterhin den Patienten geben, den man unterbricht, um das Gespräch zielführend und zeitsparend zu gestalten.

Um auch bei einem engen Zeit­rahmen bei möglichst vielen Patienten den Eindruck einer ausreichend langen Konsultation zu erreichen, ist die Güte des Gespräches entscheidend. Die Ansprache mit Namen sowie Blickkontakt sind neben Wortwahl und Ausdrucksweise bis hin zur Verwendung des lokalen Dialektes Mittel, die der Achtsamkeit dienen. In der Medizinpsychologie etabliert sich zurzeit der Begriff der Empa-Time.5 Dieses aus Empathie und Zeit zusammengesetzte Wort soll die At­mosphäre beschreiben, die beim Arzt-Patien­ten-Kontakt herrschen soll.

Daraus ergeben sich für den Alltag 2 handlungsleitende Aspekte. Erstens: Mitgefühl auszudrücken ist der Wahrnehmung eines guten Arztkontaktes förderlich. Sätze wie „ich merke, dass Sie das belastet“ oder „das klingt, als hätten Sie gerade eine anstrengende Zeit“ zeigen Empathie und entlasten den Betroffenen. Zweitens: die zur Verfügung stehende Zeit wahrnehmbar dem aktuellen Patienten zu widmen. Während der Patient im Sprechzimmer beim Arzt sitzt, sind jegliche Ablenkungen tabu: seien es gleichzeitige Telefonate, Gespräche mit anderen Personen oder das Durchsehen und Unterschreiben hereingereichter Unterlagen.
Wirklichkeit ist das, was wir wahrnehmen. Auch wenn die tatsächliche Dauer des Arztkontaktes knapp bemessen ist: Es liegt an uns, ob sie als ausreichend lang wahr­genommen wird.

Ihr

Justus de Zeeuw

Literatur:

1. Irving G, Neves AL, Dambha-Miller H. International variations in primary care physician consultation time: a systematic review of 67 countries. BMJ Open 2017;7:e017902.
2. Böcken J, Braun B, Landmann J. Gesundheitsmonitor 2009: Gesundheitsversorgung und Gestaltungsoptionen aus der Perspektive der Bevölkerung. Verlag Bertelsmann Stiftung 2009.
3. Beckman HB, Frankel RM. The effect of physician behavior on the collection of data. Ann Intern Med 1984;101(5):692–696.
4. Rabinowitz I, Luzzati R, Tamir A et al. Length of patient‘s monologue, rate of completion, and relation to other components of the clinical encounter: observational intervention study in primary care. BMJ 2004;328:501.
5. www.sueddeutsche.de/gesundheit/sz-gesundheitsforum-der-gebildete-kranke-1.2223186